Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden


Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2021 |

Gesundheitsschutz muss Teil linker Politik werden

Die Arbeiterbewegung hat das Thema Gesundheit dem Kapital überlassen
Gespräch mit Wolfgang Hien

Die Corona-Pandemie hat auch das Verständnis vieler Linker von Gesundheit auf den Prüfstand gestellt und zu kontroversen Debatten um Gesundheitsschutz, Grundrechte und der Rolle des Staates geführt.

Die SoZ hat sich schon früh in die Debatte eingeklinkt – verwiesen sei an dieser Stelle auf die SoZ-express– Beilage im Juni 2020, in der wir die Aktualität des Themas Gesundheit ge­nutzt haben, um «Probleme, aber auch Chancen einer emanzipativen Gesundheitspraxis ‹von unten› auszuloten». Das Thema wird uns noch lange er­halten bleiben, es berührt viele Grundsatzfragen.
In dieser Ausgabe vertieft dieses Thema Angela Klein in ei­nem Gespräch mit dem Arbeits- und Gesundheitswissenschaftler WOLFGANG HIEN. Er war Referatsleiter für Gesundheitsschutz beim Bundesvorstand des DGB, Lehrbeauftragter der Universität Bremen im Studiengang Public Health und leitet derzeit das Forschungsbüro für Arbeit, Ge­sundheit und Biografie. Er kann auf eine langjährige Ex­pertise zurückgreifen: Seit den 80er Jahren berät er von Berufskrankheiten Betroffene und er­stellt arbeitswissenschaftliche Gutachten.

Du hast dein ganzes Leben zu berufsbedingten Krankheiten geforscht. In deinem jüngsten Artikel beklagst du, dass die Pandemie viele Menschen, auch viele Linke verunsichert, wie sie darauf antworten sollen. Du führst das auf ihre Unfähigkeit zurück, Gesundheitsschutz als elementaren Teil linker Politik zu begreifen. Was meinst du damit und warum meinst du, ist das so?

In unserer marxistischen Grundschulung haben wir früher den ökonomischen vom politischen Kampf getrennt. Das halte ich nicht für richtig. Lebensinteressen, auch von Menschen aus proletarischen Verhältnissen, haben auch und gerade mit dem körperlichen Leben zu tun. Man möchte Glück empfinden, hat Sehnsüchte nach Gemeinschaftlichkeit in der Zwischenleiblichkeit – das sind Urinteressen, die natürlich mit Lohnkämpfen, Kämpfen für ausreichende Wohnung und einem menschenwürdigen Leben verbunden werden müssen.
Zum menschenwürdigen Leben gehört ganz elementar, die Momente aus dem Umfeld unserer Gesellschaft herauszuarbeiten, die uns kaputt machen. Unser Lebensinteresse umfasst mehr als nur Geld, Auto, Urlaub und Wohnung.
Marx hat das in seinen frühen philosophischen Schriften ausgehend von der Aufklärung entwickelt, und auch später hatte er immer das ganzheitliche Bild des Menschen vor Augen und die Position vertreten, dass das Proletariat dafür kämpfen muss.
Zu Beginn der Gewerkschaftsbewegung standen Fragen nach Unfallschutz, Gesundheitsschutz ganz vorne. Erst in der Weimarer Zeit hat sich das geändert, wurden die rein ökonomischen Interessen in den Vordergrund gestellt, auch um den Preis, dass die seelischen und körperlichen Bedürfnisse hintangestellt wurden. Es gibt interne Dokumente aus dem Ende der Weimarer Republik, die belegen, dass genau solche Debatten im Gewerkschaftsapparat und in der Sozialdemokratie stattgefunden haben. Linke Sozialdemokraten, die versucht haben, die Ganzheitlichkeit in den Mittelpunkt zu stellen, wurden weder von der SPD noch von der KPD wirklich ernst genommen, sie blieben Außenseiter.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg hätte es Möglichkeiten gegeben zu sagen: Wir lehnen Fließbandarbeit und Nachtschichtarbeit, die nicht sein muss, ab. Die sozialdemokratische Gewerkschaftsführung hat das von sich gewiesen und sich mit höheren Löhnen einen Ausgleich für die Zerstörung der Gesundheit abkaufen lassen. Auch die Gewerkschaftslinke hat das mehrheitlich nicht verstanden. Selbst heute gibt es viele, die meinen, das müsse von oben geändert werden.
Meine Vorstellung ist, dass es von unten eine Mobilisierung der arbeitenden Schichten für ein würdevolles, besseres Leben geben muss, das böte auch die Möglichkeit, gemeinsame Interessen an unserer leiblich-körperlichen Unversehrheit zusammenzuführen.

Hängt diese Ignoranz auch damit zusammen, dass ein Teil der Schutzfunktion vom Sozialstaat übernommen worden ist?

Die vorherrschende Denkungsart in den Gewerkschaften ist: Wir sind die Stützen des Sozialstaats, wir haben ihn mit aufgebaut, beginnend mit den Mitbestimmungsgesetzen – Mitbestimmung auch bei allen Sozialversicherungsträgern. Wir als Gewerkschaft verkörpern sozusagen den Sozialstaat, deswegen kann der gar nicht verkehrt sein. Der kommt aber von oben.
Anfang der 70er Jahre hatten wir gute Diskussionen über die Sozialstaatsillusion. Die Lehrlingsbewegung hat gesagt: Wir wollen unseren Meister wählen, wir wollen nicht, dass er qua Direktionsgewalt des Kapitals unser Vorgesetzter ist, wir wollen Demokratie von unten. Dazu gab es damals sogar einen Beschluss auf dem Gewerkschaftstag der IG Metall 1969.
Dieser Gedanke an betroffenennahe Basisarbeit für ein würdevolles Leben, gerade auch im Betrieb, wo wir die meiste Zeit unseres wachen erwachsenen Lebens verbringen, ist verloren gegangen. Ich erinnere mich sehr gut an den ersten Gesundheitstag in Berlin 1980, da hatte ich eine Kontroverse mit dem Abteilungsleiter für Sozialpolitik beim DGB-Bundesvorstand, Erich Standfest. Ich wollte ein Mobilisierung von unten für Gesundheit, er aber lehnte das ab und sagte: Der DGB ist für eine Mobilisierung unserer Sozialversicherungen, wir müssen die Funktionäre mobilisieren, die für uns den Sozialstaat organisieren.

Es scheint mir aber auch ein Problem in der breiten politischen Linken zu sein, dass sie das Thema Gesundheitsschutz niedrig hängt und teilweise gegen die Freiheitsrechte ausspielt. Ist das ein Reflex auf die Tatsache, dass wir meinen, jede körperliche Störung mit Medikamenten ausschalten zu können? Unser Körper hat zu funktionieren, wir wollen uns auf anderes konzentrieren? Haben Linke da vielleicht ein Stück kapitalistischen Leistungsgedankens verinnerlicht?

Die bürgerliche Fortschrittsideologie hat auch in der Tradition der Arbeiterbewegung Fuß gefasst, es ist der Glaube, mit Naturwissenschaft und Technik könne die Arbeit in letzter Konsequenz abgeschafft werden und der Arbeiter ein freies Leben führen. Das war immer eine sehr einseitige Auslegung von Marx. Der reflektierte doch stets, dass die notwendige Arbeit immer auch entfremdete Arbeit ist und deshalb humanisiert gehört.
Die Vorstellung, man könne den Menschen mit gentechnischen Mitteln perfektionieren, bildet den Hintergrund für die Medikalisierungstendenzen in unserer Gesellschaft. Hermann Muller etwa, früher Gentechniker in den 20er Jahren und späterer Nobelpreisträger, verbreitete die Vorstellung: Wenn wir die Gene des Menschen verbessern, dann kriegt er weniger Krankheiten oder gar keine mehr, dann kann er länger leben, vielleicht sogar ewig. Diese Faszination hat auf Kapitalisten wie auf Sozialisten ausgestrahlt.
Wir müssen uns aber eingestehen, dass der Mensch Teil der Natur und die Natur unvollkommen und schwierig ist und nicht wirklich beherrschbar. Wir müssen annehmen, dass wir älter werden und sterben. Aber wir müssen unterscheiden zwischen unverrückbaren biologischen Prozessen und unnötigen körperlichen Belastungen. Krankheit, Sterben und Tod gehören zum Leben. Unnötige, vermeidbare Krankheit, vermeidbarer früher Tod, das ist zu bekämpfen. Diese klare Unterscheidung zu treffen und sich dabei mit der Unvollkommenheit der Gattung Mensch zu arrangieren, das war und ist in der Linken nach wie vor schwierig.
Ich bin ein entschiedener Gegner des Medikalisierungswahns, erzeugt von der Pharmaindustrie, die glaubt, mit teuren Medikamenten noch fünf Monate Lebenszeit rausschlagen zu können. Eine Begleiterscheinung dieser Entwicklung ist, dass alle, die krank, schwierig und älter sind, aus der Gesellschaft abgeschoben werden, z.B. in Heime, wo man sie nicht mehr sieht. Wir müssen die Unvollkommenheit des Menschen und der Natur akzeptieren, wir werden sie nie wirklich in den Griff bekommen. Das gilt auch für das Virus SARS Cov-2: Wir haben es sehr schnell komplett sequenziert und wissen trotzdem nicht, wie es funktioniert…

Du forderst ein stärker kollektives Her­angehen an die Frage des Gesundheitsschutzes. Wo sollten, im Zusammenhang mit der Corona-Debatte, Linke einen Kontrapunkt gegen das Corona-Management der Regierenden setzen?

Was ich mir vorstelle, scheint mir in einer Marktwirtschaft nicht möglich zu sein. Ich stelle mir eine präventiv orientierte soziale Gesundheitsvorsorge vor, eine Art Sozialmedizin, für die es in der Geschichte der deutschen Medizin Vorläufer gibt, wenn wir etwa an Rudolf Virchow denken. Mediziner in dieser Tradition haben immer wieder gefordert, dass eine solche Vor- und Fürsorge, die staatlich organisiert werden muss, bei auftretenden Epidemien viel systematischer und schneller in der Lage sein würde, Infektionsherde ausfindig zu machen und Schutzmaßnahmen zu entwickeln.
Eine solche Sozialhygiene ist stadtteilbezogen, ein Mix aus professioneller medizinischer und pflegerischer Hilfe und nachbarschaftlichen Strukturen mit großer, guter Material- und Raumausstattung, wo Menschen auch einige Tage isoliert werden können, ohne dass dies gleich das gesamte Sozialleben lahmlegt. Es muss eine viel großzügigere Vor- und Fürsorge vorgehalten werden mit Gesundheitsämtern, Beratungsstellen, Fürsorgestellen, Pflegestützpunkten.
Das ist natürlich irre teuer. Dafür müssen wir die Reichen enteignen, die jetzt in der Krise ihren Reichtum nochmal vermehrt haben. Das ist in einer marktkonformen Demokratie, von der die Kanzlerin spricht, nicht zu haben, dafür brauchen wir sozialistische Momente, gefordert und vorangetrieben von außerparlamentarischen Mobilisierungen.
Ich war eine Weile hauptamtlich beim DGB beschäftigt und habe mitbekommen, wie die Debatte um Bürokratieabbau seit den 90er Jahren dazu geführt hat, dass die Gewerbeaufsichtsämter, die Gesundheitsämter und sonstige strukturelle Vorsorgeeinrichtungen abgebaut wurden – immer auch mit dem Hintergedanken: Solche Pandemien gibt’s ja nicht mehr. Auch der Katastrophenschutz wurde abgeschafft, den hätten wir in dieser Krise gut gebrauchen können. Das waren gute Leute, die konnten schnell Zelte aufbauen, wo Menschen getestet, behandelt und geimpft werden können.
Die Böckler-Stiftung hat damals aber gesagt: Wir machen jetzt Sozialpartnerschaft mit der Bertelsmann-Stiftung. Damit wurden all die Vorstellungen von einer Individualisierung des Gesundheitsschutzes hereingeholt, dass jeder für seine Gesundheit selber verantwortlich ist und die Unternehmen die Fürsorge für ihre Mitarbeiter übernehmen. Da brauchen wir dann keine Gewerbeaufsicht mehr. Ich habe protestiert und wurde dafür abgestraft.
Das war die Zeit, wo Wirtschaftsminister Clement die Gewerbeaufsicht komplett abschaffen wollte, und zwar in allen 16 Bundesländern. Ich habe mich dagegen gestellt, in den Gewerkschaften aber wenig Unterstützung bekommen, am meisten übrigens noch aus Bayern.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.