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Mensch oder Natur? Der grüne Konflikt

Im Namen des Naturschutzes werden Indigene und Kleinbauern vertrieben
von Kathrin Hartmann

Schutzgebiete sollen die Zerstörung der Wälder aufhalten. Sie sollen ein wichtiger Beitrag zur Rettung des Klimas sein und neuerdings auch helfen, der Verbreitung neuer Virenerkrankungen vorzubeugen. Aber so wie dieser Naturschutz praktiziert wird, geht er häufig auf Kosten Indigener und Kleinbauern.

Prinz Charles steht im antiquierten Tropenanzug zwischen exotischen Bäumen. Er umklammert den verzierten Knauf seines Stocks und blickt elegisch in die Ferne wie ein alter Kolonialherr, der in die Gegenwart katapultiert wurde. Genauer: in die Provinz Jambi. Hier soll einer der letzten Tieflandregenwälder Sumatras auf einer Fläche doppelt so groß wie der Bodensee geschützt werden. Im November 2008 pflanzt Charles ebendort, in Bungku, den ersten Baum im Hutan Harapan, dem «Wald der Hoffnung» – und damit den Setzling für einen mehr als zehn Jahre andauernden Landkonflikt.
Währenddessen baut Pak Pauzi nicht weit davon in Simpang Macan Luar ein Haus. Er gehört zum Stamm der Batin Sembilan, seit Generationen jagten und fischten sie in den neun Flüssen, pflanzten Obstbäume, Gemüse und Reisfelder. Pak Pauzis Haus ist noch nicht fertig, da verlangen Militärs, dass er es abreißt und verschwindet. Im Namen des Naturschutzes ist ihm verboten, das Land, das ihm per Gewohnheitsrecht gehört, traditionell zu nutzen. Pak Pauzi flieht mit der Familie zu Verwandten. Nach wenigen Tagen kehren sie zurück, es gibt keinen Platz, an dem sie sonst leben könnten. Für mehrere Tausend Indigene und Kleinbauern ist hier der letzte Rückzugsort. Denn der «Wald der Hoffnung» ist eine Insel in einem gigantischen Meer aus Palmölplantagen.

Indonesien: «Wald der Hoffnung»
Palmöl steckt in jedem zweiten Supermarktprodukt und wird für Biodiesel verwendet. Indonesien ist der größte Palmölproduzent der Welt. In Jambi, wo sich die Hälfte des Hutan Harapan befindet, ist dafür fast die Hälfte des Urwalds vernichtet worden, auch im heutigen Schutzgebiet: Bis 2007 hatte die Papierfirma PT Asialog die Erlaubnis zum Holzeinschlag.
Der «Wald der Hoffnung» ist ein Pilotprojekt für die Wiederherstellung von Ökosystemen. Es wurde von verschiedenen internationalen Naturschutzorganisationen entwickelt und ist eins der größten von 470 Klima- und Biodiversitätsschutzprojekten, die die Internationalen Klimaschutzinitiative des Bundesumweltministeriums in Schwellen- und Entwicklungsländern betreut. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KFW) fördert den Hutan Harapan mit 7,5 Millionen Euro.
Wald ist in Indonesien Staatsbesitz. Das Forstministerium vergibt Lizenzen für die Nutzung. 2004 führte sie eine Lizenz zur Restaurierung des Ökosystems für private Organisationen und Unternehmen ein. Für Hutan Harapan wurde sie erstmals vergeben – an die indonesische Firma PT Restorasi Ekosistem Indonesia (PT Reki). Sie verpflichtet, Wald zu erhalten und zu reparieren, Abholzung und Umwandlung in Landwirtschaftsflächen ist verboten. Der Wald soll «nachhaltig» bewirtschaftet werden, etwa durch «Ökotourismus». Doch was hoffnungsvoll klingt, gefährdet die Existenz von Indigenen und Kleinbauern.

Die Kollateralschäden «unberührter Natur»
«Wir werden nicht gehen, bis wir sterben», sagt Mat Samin. Er ist Batin Sembilan und lebt, wie Pak Pauzi, in Simpang Macan Luar. Im Juni 2014 sitzt er im Büro der indonesischen NGO CAPPA in der Provinzhauptstadt Jambi; sie unterstützt Indigene und Kleinbauern, die sich im Konflikt mit PT Reki befinden. «Es ist wie im Gefängnis», wettert Mat Samin. Jeden Tag kämen Leute ins Dorf, um sie zu kontrollieren. «Wir dürfen keine Reisfelder anlegen, sonst kommen wir ins Gefängnis. Für alles, was wir auf unserem Land tun, müssen wir um Erlaubnis fragen.»
Eine bizarre Täter-Opfer-Umkehr, waren es doch die Batin Sembilan, die den Wald über Generationen so genutzt haben, dass er heute samt seiner Artenvielfalt noch existiert. 80 Prozent der biologisch vielfältigsten Gebiete der Erde sind Heimat Indigener. Die westliche Vorstellung von «unberührter Natur» hat in den vergangenen hundert Jahren geschätzt 130 Millionen von ihnen zu Naturschutzflüchtlingen gemacht. Für die Errichtung menschenleerer Nationalparks wurden sie umgesiedelt oder gewaltsam vertrieben.
2007 verabschiedeten die Vereinten Nationen die Erklärung zur Anerkennung der Rechte indigener Völker. Seither haben westliche Naturschutzorganisationen wie Birdlife International, Conservation International oder der WWF, die in Schutzgebieten arbeiten, dort «Gemeindeprojekte». Auf ihren Webseiten sieht man neben den Fotos von Urwaldriesen und tropischen Vögeln auch solche von strahlenden Indigenen.
«Einmal die Woche kommt wer und macht eine halbe Stunde Unterricht. Das brauchen wir nicht, wir brauchen unseren Wald», sagt Matsamin wütend. Über die Wasserklosetts, die man ihnen in den Wald gestellt hätte, schüttelt er lachend Kopf. «Sie erlauben uns zu scheißen, aber nicht zu essen.»
Indigene werden für Schutzprojekte zwar nicht immer vertrieben – aber sie dürfen dieses nur noch eingeschränkt nutzen. Deshalb müssen auch die Batin Sembilan Lebensmittel kaufen. Doch das Geld, das sie mit «grünen Jobs» verdienen, reicht meist nicht. Sie dürfen Dinge verkaufen, für die man keine Bäume fällen muss, Honig oder Produkte aus Rattan. Oder sie ziehen in Baumschulen Setzlinge für die Aufforstung auf. Pro Stück bekommen sie laut CAPPA sieben Cent und verdienen im Schnitt 70 Euro im Monat. Abgesehen davon, dass man davon nicht leben kann, gibt es im «Wald der Hoffnung» nur 170 solcher Jobs.
Ihnen bleibe nichts übrig, als sich auf den Palmölplantagen zu verdingen oder Ölfrüchte zu klauen, sagt Mat Samin. Sein Dorf Simpang Macan Luar grenzt an die seit dreißig Jahren betriebenen Ölpalmen-Monokultur der Firma PT Asiatic Persada, die eine Fläche die anderthalbmal so groß ist, wie München in Anspruch nimmt.
Polizei und Militär vertrieben die Indigenen mit Gewalt von ihrem Land, walzten ihre Hütten platt und schossen auf sie. Im März 2014 misshandelten Militärs und Firmensecurity sieben Männer schwer, einer von ihnen, Puji, starb. Im Juni 2014 besetzen Hunderte Indigene die Plantage, sie schlafen unter Plastikplanen und im Straßengraben. Um zu überleben, jagen sie im Hutan Harapan.

Hundertschaften und Bulldozer
So werden Menschen zwischen Palmölboom und Naturschutz zerrieben. Beide gründen in der Wachstums- und Klimapolitik der reichen Länder des Nordens. Um ihren CO2-Ausstoß zu senken, setzt die Europäische Union auf Biosprit. Allein die Ankündigung dieser Strategie sorgte für einen Abholzungboom und machte Indonesien zum drittgrößten CO2-Emittenten der Welt. Rechnet man diesen Schaden ein, ist Biodiesel aus Palmöl dreimal so klimaschädlich wie fossiler Diesel.
«Die Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen steigt, Ölpalmen sind am effizientesten», sagt Wolfram Lorenz von der Uni Göttingen, der das Harapan-Projekt wissenschaftlich begleitet. Man müsse «der Natur etwas Gutes tun, ohne den ökonomischen Vorteilen im Wege zu stehen.»
Und das ist das Problem: Schutzprojekte bedeuten kein Ende der Palmölplantagen, sie sollen sie ausgleichen. Palmöl ist ein wichtiges Exportprodukt Indonesiens, doch das Land ist seit dem Klimagipfel in Paris verpflichtet, bis 2030 29 Prozent Emissionen einsparen. «Bei einer erfolgreichen Vermeidung von Entwaldung und Wiederaufbau von Wäldern kann Indonesien hierfür in Zukunft ergebnisbasierte Zahlungen über bi- oder multilaterale Kooperationen erhalten», schreibt das Bundesumweltministerium. Der Harapan-Wald soll binnen 30 Jahren 15 Millionen Tonnen CO2 speichern – das ist so viel, wie die Bundesregierung zwischen 2005 und 2102 jährlich als Emissionsrechte an die Industrie verteilt hat, damit diese kein CO2 real einsparen musste.
Restaurationsprojekte gibt es weltweit. Wenn für Indigene und Kleinbauern aber nur Platz ist, wenn sie sich in Wertschöpfungsketten von Schutzprojekten zwängen lassen, führt das zu Konflikten: In Indonesien werden 70 Prozent der Wälder und des Agrarlandes von Konzernen kontrolliert, Nationalparks und Wälder, die für Restaurierung vorgesehen sind, bilden fast den ganzen Rest. Demgegenüber stehen etwa 50 Millionen Indigene, die von den Wäldern abhängig sind, und 50 Millionen landlose Kleinbauern. Mindestens 5000 ungelöste Landkonflikte gibt es in dem Land, nur die Hälfte der Menschen hat verbriefte Landrechte.

Das Harapan-Projekt
Im Büro von CAPPA liegen Fotos auf dem Tisch. Sie zeigen bewaffnete Polizisten, Bulldozer, protestierende Menschen und ein brennendes Haus. Im Dezember 2012 rückte in Sungai Jerat eine Hundertschaft von Polizisten mit 150 Bulldozern an, schüchterte widerständige Bauern ein und brannte das Haus des Bauernführers Sarwadi Sukiran nieder. Das Dorf liegt in dem Teil des Hutan Harapan, den PT Asialog 2003 verwüstet hinterließ. Hier siedelten sich rund 2000 Landlose an, viele sind Mitglieder des indonesischen Zweigs der Kleinbauernbewegung La Via Campesina. Für PT Reki sind sie «Eindringlinge» und «Holzdiebe». Laut den Projektbetreibern hätten «Neusiedler», die nach Projektbeginn kamen, 200 Quadratkilometer zerstört. Aber die überwältigende Zerstörung von 140000 Quadratkilometern Regenwald und Torfböden wurde von großen Firmen begangen. Sie kommen ungeschoren davon.
Trotz Konfliktvermittlungen ist die Lage unübersichtlich. Innerhalb des Projektes prallen Rechtssysteme aufeinander: So haben Siedler von Indigenen Land überlassen bekommen, auch lokale Behörden haben Nutzungsrechte vergeben. Für viele Vertriebene aus den umliegenden Plantagen ist der Ort das letzte Refugium. Jonas Hein vom Deutschen Entwicklungsinstitut hat sein Dissertation über die Konflikte im Harapan-Projekt geschrieben. «Die Konzession an PT Reki wurde vom Forstministerium ohne Prüfung der Siedlungen vergeben. Sie wurden ad hoc als illegal abgestempelt. Von KfW und Bundesumweltministerium hätte man erwarten können, dass der Projektimplementierung weitreichendere Konsultationen vorausgehen», kritisiert er.
Seit Dezember 2015 gibt es immerhin eine Vereinbarungen mit fünf Batin Sembilan-Gemeinden, sie dürfen 14,5 Quadratkilometer Wald für Siedlungen und Nahrungsmittelanbau nutzen. Auch mit Siedler-Gruppen gab es Verhandlungen. Das Bundesumweltministerium will «bei aller notwendigen kritischen Betrachtung folgendes unterstreichen: Ohne das Projekt wäre der Wald längst Palmölplantagen gewichen, bei denen wahrscheinlich niemand die Interessen der Indigenen und der armen Kleinbauern in irgendeiner Form berücksichtigt hätte.» Bestimmt.
Man könnte sich aber auch fragen, ob Wald nicht konfliktfrei geschützt werden könnte, wenn man mit Indigenen und Bauern gemeinsam einen Plan entwickeln würde, damit sie ihren Wald traditionell nutzen oder geraubtes Land zurückbekommen können, um Plantagen wieder zu Wald zu machen.
Heute ist der Hutan Harapan selbst in Gefahr. Denn die indonesische Regierung will eine Straße durch den Tieflandregenwald genehmigen, die diesen – Habitat für Elefanten und Indigene, die sich ihr Bleiberecht dort hart erkämpft haben – zerstückelt. Darauf sollen Lkw künftig Kohle transportieren.

*Die Autorin hat 2014 für ihr Buch Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren (München: Blessing, 2015) die Region be­sucht und mit Betroffenen des Landkonflikts gesprochen.


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