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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2021 |

BUCH: Max Brym: Roter Widerstand in der bayerischen Provinz

Jüchen: Romeon, 2021. 108 S., 11,95 Euro
von Nick Brauns

Bei ihrer ersten größeren Saalveranstaltung in der bayerischen Kleinstadt Burghausen im Gasthof Glöckelhofer holten sich die Nazis am 7.Juli 1932 eine blutige Nase.

Denn Mitglieder der SPD-nahen Wehrorganisation Reichsbanner und des KPD-nahen Kampfbundes gegen den Faschismus hatten sich – alle ihre Differenzen über den richtigen Weg zum Sozialismus hintenanstellend – zusammengetan, um die „Braunen“ aus ihrer Stadt zu jagen. Erst wurde die Internationale und „Brüder, zur Sonne zur Freiheit“ angestimmt, dann flogen Bierkrüge und Aschenbecher auf die Nazis, die am Ende von der Polizei gerettet werden mussten. Nachzulesen ist die „Schlacht im Glöckelhofer“ in dem rund 110-Seiten umfassenden Bändchen „Roter Widerstand in der bayerischen Provinz“ von Max Brym. Im Mittelpunkt steht die durch die längste Burgmauer Deutschlands bekannte Stadt Burghausen nahe der österreichischen Grenze, die mit Trostberg und Töging am Inn das bayerische Chemiedreieck bildet. Insbesondere die im ersten Weltkrieg mit Unterstützung der Obersten Heeresleitung aufgebauten Wacker-Werke wurden zu einer der örtlichen Hochburgen der Arbeiterbewegung im Agrarland Bayern. Die Nazis taten sich dagegen schwer, trotz Unterstützung durch die Werksleitung der Wacker-Chemie und des Opportunismus der bayerischen Volkspartei, die den Bürgermeister stellte, im „roten Burghausen“ Fuß zu fassen. Selbst bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 hatten die beiden Arbeiterparteien zusammen noch mehr Stimmen als die NSDAP.
Burghausen steht für Brym exemplarisch für viele kleine und mittlere Städte, in denen kommunistische und sozialdemokratische Arbeiter von sich aus zu der Erkenntnis kamen, dass sie nur gemeinsam gegen die Nazis bestehen konnten. Während die KPD-Führung immer wieder sektiererisch gegen den „Sozialfaschismus“ der SPD-Führung agitierte und die SPD-Führung auf strikte Legalität setzte, bildeten Arbeiter an der Basis spontan die antifaschistische Einheitsfront. In Burghausen gab es sogar ein geheimes Abkommen zwischen KPD und Reichsbanner, im Falle eines faschistischen Putsches die örtliche Gendarmeriestation zu besetzen, die dort gelagerte Waffen an Arbeiter zu verteilen und bewaffneten Widerstand zu leisten. Mit dem Jahrmarkt-Kunstschützen Simon Vorburger hatte die örtliche KPD einen echten Waffenexperten. Doch als es so weit war, wollten die Sozialdemokraten vom militanten Widerstand nichts mehr wissen. Und die KPD-Leitung in Berlin wies ihre Mitglieder immer noch in der Hoffnung auf eine nahende Revolution an, breiten Massenwiderstand zu leisten, was oft genug bedeutete, diese ins offene Messer laufen zu lassen. Als am 9. März 1933 im Rahmen der Gleichschaltung der Länder die Hakenkreuzfahne am Burghausener Rathaus gehisst werden sollte, gelang dies angesichts Dutzender aufmarschierter Kommunisten, die antifaschistische Parolen riefen, erst in den Abendstunden unter Polizeischutz. Dies sollte die letzte öffentliche Kundgebung der KPD in Burghausen sein, noch in der Nacht wurden ihr Leiter Alois Haxpointner und weitere Kommunisten verhaftet. Doch der Widerstand ging im Untergrund weiter. Frauen sammelten für die Rote Hilfe, die die Familien der Verhafteten unterstützte. Dem zur Tarnung in die SS eingetretenen KPD-Mitglied Philip Huber, der als Pförtner bei Wacker arbeitete, gelang es, sogar unzufriedene SA-Männer für seine illegale Radio-Hörergemeinschaft des deutschsprachigen Senders von Radio Moskau zu gewinnen. Auch die linkssozialistische Gruppe Neu Beginnen, deren aus der SPD kommende Mitglieder Lenins Schriften zur Organisationsfrage studierten, hatte Anhänger in Burghausen.
Leider konnte sich der Autor offenbar an manchen Stellen nicht entscheiden, ob er eine populärwissenschaftliche Darstellung oder einen „Roten 1-Mark-Roman“ schreiben wollte. Wenn etwa ein örtlicher Nazifunktionär als „Säufer und Rockjäger“ charakterisiert wird, wirkt das zwar plastisch, doch bleibt offen, woher dieses Detailwissen stammt. Nicht nur hier wären Quellenangaben und nicht nur eine spärliche Liste benutzter Literatur am Ende wünschenswert gewesen.
Heute sei die Erinnerung an den Arbeiterwiderstand in Burghausen weitgehend verblasst, bedauert Brym. Ein besonderes Verdienst des Büchleins ist es daher, den Burghauser Kommunisten Alois Haxpointner, der aufgrund seiner Widerstandstätigkeit zehn Jahre im KZ Dachau gequält wurde, dem Vergessen entrissen zu haben. Einige Dokumente vom Prozess gegen Alois Haxpointner, die Brym von dessen Urenkelin erhalten hat, runden das Buch ab.
Zu Hoffen ist, dass sich der Wunsch einiger im Anhang zitierter Burghausener Gymnasiasten erfüllen wird, diesen unbeugsamen Widerstandskämpfer, der sich nach dem Faschismus zunächst weiter für die KPD und ab Mitte der 50er Jahre die SPD engagierte und bis zu seinem Lebensende 1978 in der VVN aktiv blieb, einmal mit einer Alois-Haxpointner-Straße zu ehren.


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