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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2021 |

Die linke Debatte bleibt oft in der Phase der Wut stecken

Jede Aktivistin kennt das Problem: Wie verwandle ich meine Wut in eine kollektive Kraft? Organizing gibt Methoden an die Hand. Der Podcast Klassenfrage will sie breiter bekannt machen
Gespräch mit Stefan Reiner und Katja Barthold

Der Podcast Klassenfrage zu Themen wie dem Matrosenaufstand 1918 bis hin zu Interviews mit Aktiven aus Betrieben und Initiativen will helfen, die Klasse sichtbar zu machen und Handwerkszeug für erfolgreiche Kämpfe zu liefern. Eng damit verzahnt ist die Homepage organisier-dich.info, um Organizing-Tools bekannter zu machen.

Beides betreiben Stefan Reiner und Katja Barthold, die hauptamtlich bei Gewerkschaften arbeiten, in ihrer Freizeit. Violetta Bock sprach mit ihnen über ihre Motivation, Organiz­ing und persönliche Lehrsätze.

Habt ihr für euch eine Definition für Organizing?
Stefan: Für mich ist es tatsächlich eine Ermächtigung und die Frage, wie wir Kämpfe gewinnen. Das ist Handwerk, und da kann man besser drin werden. Das ist keine Gefühlssache, sondern je besser man das macht, desto besser funktioniert es auch. Es ist erschreckend, wie das Wissen darüber abhanden gekommen ist. Jetzt gibt es halt einen fancy englischen Namen, aber im Prinzip geht es darum, eine Basis aufzubauen und Kämpfe zu gewinnen. Ohne dies dürfte es eigentlich keine Mobilisierung oder Verhandlung geben. Denn wenn wir nicht organisiert sind, für wen mobilisieren wir dann? Und vor allem, für wen verhandeln wir dann?

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, einen Podcast zu machen?
Katja: Seit wir uns 2017 auf einer Organizing-Schulung kennenlernten, standen wir immer wieder im Austausch, wenn wir im Betrieb mit den Methoden gerade mal nicht weiterkamen. Theorie und Praxis sind bekanntlich zwei verschiedene Sachen. Und da haben wir gemerkt, eigentlich wäre es cool, wenn man auf dieser Basis mit einem größeren Kreis Erfahrungen und Tipps austauschen könnte. Stefan hatte dann die Idee, diese Homepage zu machen, um Organizing bekannter zu machen.
Stefan: Die Homepage habe ich 2019 aufgebaut, weil ich auf der Suche nach Einstiegen ins Organizing, also wirklich den Basics und ersten Schritten war. Außer englischen Büchern oder denen der Kasseler Initiative OKG (Organisieren – Kämpfen – Gewinnen) habe ich nicht viel gefunden. Und wenn wir es populär machen wollen, dann muss es einfach sein.
Katja: Meine Grundintention war, die Leute, die ich in meiner Arbeit kennen lerne, in den Betrieben, aber auch in der Gewerkschaft, sichtbar zu machen. Ich war immer wieder geflasht, was in den Betrieben los ist. Da kriegen so viele jeden Tag was auf die Fresse, kämpfen jeden Tag neu, treten für ihre Kollegen ein. Das sind Leute, die wir früher in unserer Antifagruppe als Bürgerliche beschimpft hätten, die in meinen Augen aber viel mutiger waren als jedes Antifakind. Mir war dann irgendwann klar, das, was in den Betrieben passiert, in so einer Mikroebene, ist das, was gesellschaftlich passiert, nur dass man es noch greifen kann. Und meine Hoffnung war, wenn wir es sichtbar machen, verstehen wir auch besser, was da eigentlich abgeht. Da dachte ich, damit wir nicht nur die Üblichen erreichen, muss es auch zum Anhören sein. So entstand die Idee des Podcasts.
Inzwischen haben wir Mikros, ein kleines Studio und ergänzend zu den Interviews die Basicreihe Organizing, die Hand in Hand mit der Homepage läuft.

Ihr interviewt verschiedenste Leute. Wie ist euer Eindruck vom Stand um Organizing in Deutschland?
Stefan: Also gewerkschaftlich würde ich sagen, hängt es den Leuten wieder zu den Ohren raus, aber das heißt nicht, dass es in der Praxis tatsächlich verankert ist. Von den Hauptamtlichen kennt, glaube ich, inzwischen fast jeder die Methoden, und im Ehrenamt haben auch viele etwas davon mitbekommen. Außerhalb dieses Bereichs wird es jetzt ein größeres Thema.
Katja: In vielen Bereichen ist es noch gar nicht gängig. Bei Community Organizing wird es jetzt erst populärer, auch stark durch Deutsche Wohnen Enteignen und ihre gute Öffentlichkeitsarbeit. Und dennoch: Wenn ich dann in manche linke Diskussionen reinhöre, bleiben viele Linke nach wie vor bei der Empörung stehen. Da geht so viel Energie verloren, statt konkrete Ziele zu formulieren und Themen konkret gewinnbar zu machen.
Stefan: Ja, eigentlich bleibt die linke Debatte oft im Anger, in der Phase der Wut stecken, statt von der Hoffnung und dem Ziel auszugehen. Organizing stellt die Frage nach dem Wie?

Könnt ihr ein paar Beispiele nennen, was ihr aus den Gesprächen mitgenommen habt?
Katja: Bei der Folge über das Thema: Wie führe ich Verhandlungen? fand ich hilfreich, dass es auch mal ok ist, strategisch ranzugehen und konkrete Schritte nicht mit allen hundert Beschäftigten abzusprechen, sondern dass es darauf ankommt, immer wieder Transparenz herzustellen über das, was wir tun. In konkreten Situationen kommen dann manche Bemerkungen hoch, wie zum Beispiel: «Es kann dir nicht wichtiger sein als ihnen.» Da geht es auch darum, immer wieder mit allen rückzukoppeln, wo man gerade steht, statt vor lauter Euphorie alleine loszulaufen. Letztens habe ich einen Kollegen interviewt und ihn gefragt: «Warum seid ihr eigentlich immer so geschlossen?» Er hat gemeint: «Wir sind nicht geschlossen, wir diskutieren das nur aus, bevor du in den Betrieb kommst.»
Stefan: Uns gibt es auch immer Kraft, wenn wir mit der Nahverkehrsinitiative, mit Jena Wohnen oder mit Robert Maruschke sprechen, einem Initiator von Community Organizing in Berlin. Man kriegt dann einfach Lust, das auch zu machen und in die Praxis zu bringen.

In der Diskussion um Organizing spielt das Verhältnis von Ehrenamt und Hauptamt eine große Rolle. Wie seht ihr das?
Stefan: Zum einen glaube ich, dass Organizing in den Gewerkschaften stärker als in Stadtteilen betrieben wird, weil es dort Hauptamtliche gibt. Das Ziel ist ja immer, starke Strukturen aufzubauen, die nicht sofort wieder auseinanderfallen. In manchen Betrieben machen die Leute das schon immer und sind super organisiert. Als Hauptamtliche ist unsere Aufgabe, am Spielfeldrand zu bleiben. Wir machen nichts, was die Leute selbst machen können. Das ist manchmal echt schwer.
Katja: Ich glaube, dass es auch beim Community Organizing sinnvoll ist, das als Beruf zu machen, weil es einfach sauanstrengend ist, und ich weiß auch nicht, wie lang das jemand durchhält. Je mehr das machen, desto besser. Darum: Organisiert euch!

Die Podcasts sind nachzuhören auf https://klassenfrage.de/. Infos über Organizing finden sich auf https://organisier-dich.info/.


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