Für Stress und Gesundheitsgefährdung gibt es nur den Mindestlohn


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2021/05/fuer-stress-und-gesundheitsgefaehrdung-gibt-es-nur-den-mindestlohn/
Veröffentlichung: 01. Mai 2021
Ressorts: Arbeitskämpfe, Arbeitswelt, Gesundheit, Gewerkschaften, Industrie, Landwirtschaft

In der Fleischindustrie herrscht Tarifkampf, die Arbeitgeberverbände
blockieren die Verhandlungen

von Tina Ress

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und der DGB riefen am Samstag, dem 17.4., in der Region Nordhessen zu einer Kundgebung in Gudensberg im Schwalm-Eder-Kreis nahe Kassel auf.

Im Rahmen der Tarifverhandlungen mit der Fleischindustrie mobilisierte die Gewerkschaft die Belegschaft des Geflügelfleischkonzerns Plukon, um gemeinsam mit den Beschäftigten Druck auf die Arbeitgeberverbände zu machen. Dem Aufruf zur Kundgebung folgten mehr als hundert Beschäftigte.
Die Aktion in Gudensberg ist Teil einer zweiwöchigen Reihe von Protesten, die in vielen Schlachthöfen und fleischverarbeitenden Unternehmen während der laufenden Verhandlungen mit der Fleischindustrie für einen flächendeckendem Tarifvertrag stattfinden.
Die Unternehmen der Fleischwirtschaft haben in der dritten Verhandlungsrunde erneut die Forderungen der Beschäftigten und der Gewerkschaft ignoriert und ein Angebot vorgelegt, das mit 10,50 Euro pro Stunde nur knapp über dem bundesweit gesetzlichen Mindestlohn liegt. Die Beschäftigten in der Fleischindustrie fordern dagegen einen Einstiegslohn von 12,50 Euro die Stunde, der nach einer Einarbeitungszeit auf 14 Euro erhöht werden soll, die Forderung für fachspezifische Arbeiten beträgt 17 Euro in der Stunde. Weitere Forderungen beziehen sich auf verbesserte Arbeitsbedingungen und Urlaubsregelungen.
Mit der aktuellen Protestreihe hoffen die Beschäftigten und die Gewerkschaft, dass sich die Arbeitgeberverbände in den Verhandlungen bewegen. «Falls sich nach diesen Kundgebungen keine Einigung mit den Arbeitgeberverbänden erzielen lässt, dann wird das ein heißer Sommer werden», meint der zuständige Gewerkschaftssekretär der NGG, Stefan Walter. Gemeint sind damit Streikandrohungen, sollten die Arbeitgeber nicht einlenken. Nach Angaben der Gewerkschaft wächst derzeit der Organisationsgrad, auch bei der Kundgebung in Gudensberg konnten weitere Gewerkschaftseintritte verzeichnet werden.

Die Fleischindustrie boomt
Die Plukon Food Group ist ein internationaler Geflügelkonzern mit Sitz in den Niederlanden sowie 27 Niederlassungen in den Niederlanden, Deutschland, Belgien, Frankreich, Polen und Spanien. Im Jahr 2019 betrug der Umsatz 1,8 Milliarden Euro. Von 2016 bis 2019 ist der Umsatz von Plukon um knapp 30 Prozent gestiegen, in den letzten zehn Jahren um über 140 Prozent. Angesichts dieser Wachstumszahlen dürfte der Umsatz von Plukon inzwischen wohl bei über zwei Milliarden Euro liegen. Der Konzern ist der zweitgrößte Hühnerfleischproduzent in der EU.
Schon vor der Corona-Pandemie waren die miesen Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie bekannt. Während der Pandemie drang durch die vielen Infektionsherde gerade in den Unternehmen der Fleischwirtschaft das ganze Ausmaß der schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen an die breitere Öffentlichkeit. In diesem Arbeitssektor sind hauptsächlich osteuropäische Arbeiter:innen beschäftigt, meist aus Bulgarien.
Die mehr als fünfzig Kundgebungen, die in diesen zwei Protestwochen anstehen, werden deshalb auch vom DGB-Projekt «Faire Mobilität» begleitet. Das Projekt klärt die Beschäftigen über ihre Rechte auf, hilft bei Übersetzungen und hält Kontakt zu den Arbeiter:innen. Während den Kundgebungen, aber auch wenn Unternehmen Informationsstände machen, sind die Gewerkschafter des Projekts vor Ort, um Übersetzungen anzubieten.
Auf der Kundgebung in Gudensberg sprachen der Geschäftsführer der NGG-Region Nord- und Mittelhessen, Andreas Kampmann, die DGB-Regionsgeschäftsführerin Nordhessen, Jenny Huschke, ein Sprecher der Jungen NGG Marburg, Orry Mittenmayer; Vertreter:innen der nordhessischen Vernetzung gegen die Tierindustrie überbrachten eine Solidaritätsbotschaft.
Während der Reden wurde deutlich, dass die Beschäftigten mit großer Zustimmung den Aussagen folgten. Als ein Redner mit Bezug auf den Artikel 1 des Grundgesetzes bemerkte, die Würde des Menschen werde hier durch die schlechten Arbeitsbedingungen und die miserable Bezahlung sehr wohl angetastet, erntete er viel Applaus aus der Belegschaft.

Union Busting gibt es auch hier
Und es stimmt, einiges liegt im Argen in Bezug auf die Arbeitsbedingungen im Betrieb Gudensberg vom Konzern Plukon, bei dem circa 500 Arbeiter*innen angestellt sind: Unklarheit über die vertraglichen Regelungen für die übernommenen Leiharbeiter und Werkvertragsarbeiter*innen, Angriffe auf Betriebsratsmitglieder und hierdurch Umgehung von Mitbestimmung durch Union Busting. Für die Arbeiter:innen gibt es keine allgemeine Corona-Zulage während der Pandemie, und das obwohl die Aufträge in der Zeit gestiegen sind.
Es ist ein profitorientiertes System, das Arbeiter:innen maximal ausbeutet, ohne Rücksicht auf Mensch, Tier und Natur. Der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen bedeutet deshalb gleichzeitig, sich dem Konzern und seinem Profitstreben entgegenzustellen. Denn eine Transformation der Fleischindustrie im Sinne eines sozialökologischen, solidarischen Umbaus der landwirtschaftlichen Industrie, muss immer auch die Beschäftigten miteinbeziehen.