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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2021 |

‹Hauptsache kämpfen› reicht nicht

Für den Aufbau einer sozialistischen Bewegung brauchen wir auch Kader
von Michael Heldt

Die alltägliche politische Arbeit besteht in der Hauptsache darin, Menschen, die bisher unentschlossen und ohne Hoffnung sind, zu sichtbaren Aktivisten, Kernen von Kampagnen und festen Mitstreiter:innen zu entwickeln.

Dieser Prozess ist nie abgeschlossen: Wir gewinnen Menschen, die plötzlich an der Spitze einer Kampagne und Bewegung stehen und verlieren sie wieder, wenn es nicht gelingt, die vielen, unvermeidbaren Veränderungen der Lebensumstände und Niederlagen zu verarbeiten.
Eric Mann, der den Begriff des transformativen Organizing geprägt hat, beschreibt die Entwicklung von Kritikern (hier «Sympathisanten» genannt) zu Aktivisten, Organizern und Kadern. Natürlich sind die Kategorien grob und werden der Realität oft nicht gerecht. Viele Organisierende werden immer wieder die Rolle von Aktivisten einnehmen, jeder Kader spezielle Lücken in einem Organisierungsprozess füllen, usw.

Sympathisanten stehen an der Front
Wir treffen sie im Hausflur, auf der Straße, im Café. Sie muntern uns mit netten Worten auf weiter zu machen, beglückwünschen uns zu kleinen Erfolgen, fühlen sich selbst meist nicht als aktiver Teil unserer Kampagnen und Bewegungen – sind es aber. Sie verteidigen uns, wenn wir nicht dabei sind, gegen Anfeindungen und Schmähungen, überzeugen Menschen, die in Gegnerschaft zu unseren Zielen stehen, von der Legitimität unserer Forderungen, polemisieren gegen die gesellschaftlich vorherrschenden Niederlagenstimmung, die uns einflüstern will: «Das alles bringt doch nichts!»
Gleichzeitig sind sie meist die größten Verfechter von Stellvertreterpolitik: «Habt ihr gut gemacht!», «Ihr macht das schon!» usw. Sie zu festen Bündnispartnern zu machen ist eine entscheidende Aufgabe, um die Arbeit unter unserem «Zielpublikum» zu stabilisieren und unsere Basis zu festigen.
Ohne Sympathisanten sind wir nichts. Oft sind sie eingefahren in ihre Rolle, hängen an ihr und wollen den nächsten Schritt nicht, oder nur halbherzig gehen. Kein Wunder: Er wird tatsächlich ihr Leben verändern, vieles auf den Kopf stellen – das spüren sie, das schreckt ab.

Aktivist:innen und Organizer:innen
Die meisten von uns waren zu irgendeinem Zeitpunkt politische Aktivis­t:innen. Sie brennen für die Sache, wollen ihre Meinung und Argumente unter die Menschen tragen – durch unermüdliche Verbreitung der Ziele, Publikationen, durch Organisieren, öffentliche Reden – sehr bald auch mit ihren Gegnern.
Wie sich eine Aktivistin weiter entwickelt, hängt sehr davon ab, mit welcher Organisation, mit welchen Menschen sie in Berührung kommt und welche politischen Ideen prägend auf sie einwirken.
Organizer:innen sind fest mit einer Organisation verbunden, sie bauen Kampagnen auf, binden Menschen ein und helfen ihnen, Kämpfe zu führen. Darüber wird viel geschrieben. Eine andere Kategorie wird in den letzten Jahren nicht mehr so gerne beschrieben, ist aber unwidersprochen Teil des Nervensystems der politischen Arbeit: Unter Organizer:innen entwickeln sich Kader, die mehr noch als jene durch ein hohes Maß an Beständigkeit, Rastlosigkeit bei gleichzeitiger innerer Ruhe auszeichnen.
Wie Organizer:innen die Grundlage für wachsende und erfolgreiche Bewegungen sind, so werden wir hunderte neuer Kader benötigen, die bereit sind, die Arbeit für einen linken Kurswechsel zu riskieren, neue Organisationen aufzubauen, die Arbeit von Bewegungen zusammenbringen und in einen geschichtlichen Rahmen zu setzen. «Hauptsache kämpfen» wäre für die Abschaffung des Kapitalismus oder angesichts bürokratischer Gewerkschaftsapparate zu wenig.
Blicken wir auf erfolgreiche Bewegungen, so bildeten ihren Kern oft nicht nur Organizer, sondern politisch allseitig bewusste Kader, die ausgehend von einer materialistischen Gesellschaftsanalyse Entwicklungen einordneten und aus ihrer Überzeugung heraus Beharrlichkeit aufwiesen statt einen individuellen Ausweg zu suchen.
Nachdem die Zahl von Organizer:innen in Deutschland seit einigen Jahren wächst, sollten wir uns der Aufgabe zuwenden, gute Bedingungen zu schaffen, um Kader herauszubilden, die für die Aufgaben der kommenden Jahre gerüstet sind und wiederum Organisationen aufbauen, die diese Ausbildungsarbeit in Theorie und Praxis gewährleisten. Andernfalls müssen wir scheitern und den Erfolg der Organizer:innen dem Gedeih und Verderb der Bewegungen überlassen.
Wie bei den Organizer:innen auch haben wir hier damit zu ringen, ob wir der Tendenz zur Hauptamtlichkeit nachgeben, ob wir gescheiterten Organizer:innen ein Gnadenbrot als Bürokraten erlauben oder ob wir ihnen helfen, ihre Erfahrungen in eine neue offensive Klassenpolitik einzubringen, die nur auf einer Unzahl ehrenamtlich Arbeitender beruhen kann.

Hörkapitel zur Rolle des Kader auf https://soundcloud.com/user-172884260/rolle-12-der-kader?in=user-172884260/sets/handbuch-transformatives.


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