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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2021 |

‹Ich war lange ignorant, was die Klimakrise angeht›

Dreharbeiten für labournet.tv The Loud Spring über die globale Klimabewegung
Interview mit Johanna Schellhagen

Du führst seit vielen Jahren Interviews mit Menschen, die in verschiedenen Teilen der Welt Arbeitskämpfe führen. Für euer neues Projekt habt ihr euch jetzt der internationalen Klimabewegung zugewandt. Wie kam es zu diesem neuen Fokus? Gibt es Schnittstellen?

Tja, ich war lange sehr ignorant, was die Klimakatastrophe angeht, aber irgendwann war das nicht mehr aufrechtzuerhalten. Man kann nicht in vollem Tempo auf eine Wand zurasen und dabei so tun, als wäre alles in Ordnung und das machen, was man immer getan hat. Die Idee einen Film darüber zu machen, kam, weil wir dachten, dass wir der Klimabewegung etwas zu sagen haben.
Wir hatten das Gefühl, es gibt in der Klimabewegung eine große Ratlosigkeit, eine große Leerstelle. In jedem Film über den Klimawandel wird gesagt, wie dringend wir etwas tun müssen. Auf den Schildern steht «System Change not Climate Change», aber dieser Slogan bleibt sehr abstrakt.
In der Klimabewegung setzt sich zwar mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass wir einen Systemwandel brauchen, aber eine konkrete politische Vorstellung davon, wie wir einen Systemwandel herbeiführen können, fehlt. Es wird nicht über politische Macht diskutiert. Und da dachten wir, dass es fruchtbar sein könnte, unsere Position dazu in einen Film zu packen und der Klimabewegung zur Verfügung zu stellen.

Viele Menschen mit denen ich gesprochen habe, sind schon sehr gespannt auf den Film. Dazu hat sicher der pulsierende Trailer beigetragen. Kannst du etwas über den Entstehungsprozess des Films verraten?

Ich habe vor drei Jahren eine Person kennengelernt, die sich seit langem mit Klimawandel und der Zerstörung der Natur beschäftigt, aber eher mit der naturwissenschaftlich, technischen Seite, mit Themen wie Energiesysteme, Nachhaltigkeit, Low Tech, Ressourcenknappheit, Artensterben, Landwirtschaft. Durch diese Begegnung ist mir das Ausmaß der Katastrophe erst klar geworden, bis dahin saßen meine Scheuklappen recht gut.
Gleichzeitig hatte diese Person überhaupt keine Vorstellung davon, wie man die Katastrophe aufhalten könnte und war entsprechend hoffnungslos. Unsere Wissensfelder hatten also überhaupt keine Überschneidungen, alles was er wusste, war für mich völlig neu, und alles was ich über Politik wusste, war ihm total fremd. Da wurde mir klar, dass es meine Aufgabe ist, einen Film zu machen, der diese beiden Welten zusammenbringt. Das war der Ausgangspunkt.

Die Stilmittel kommen im Trailer sehr vielseitig daher. Es sind animierte Sequenzen zu sehen, Bilder von Naturkatastrophen aus Medien, Aufnahmen von Protesten, Interviews. Was war euch bei der Darstellung wichtig?

Das Wichtigste ist, dass der Film nicht langweilig ist und Leute Lust haben, ihn zu schauen. Der Film muss einen guten Rhythmus haben und das Ausmaß der Katastrophe angemessen illustrieren. Es ist nicht damit getan, drei Jahre zu recherchieren, 5000 Bücher zu lesen, die brillantesten Leute zu interviewen. Wenn die Leute sich den Film dann nicht anschauen oder dabei einschlafen, bringt das trotzdem nichts. Wir arbeiten auch mit animierten Infografiken, um die vielen Informationen zu technischen und naturwissenschaftlichen Gegebenheiten prägnant und komprimiert darzustellen. Das Herzstück des Films ist eine animierte Passage, in der wir darstellen, wie der Übergang zu einer anderen Gesellschaft, samt Übernahme der Produktion, aussehen könnte.

Haben die Interviews für den Film bei dir selber nochmal neue Gedanken angestoßen? Was waren neue Erkenntnisse für dich? Gibt es Sequenzen oder Geschichten, die dich besonders bewegt haben?

Ja, ich im Grunde wird mir mit jeder Woche Recherche klarer, dass der Kapitalismus das Überleben der Menschheit nicht sichern kann, so hat Mike Davis das formuliert. Jeder Wissenschaftler, jede Wissenschaftlerin, alle Aktivist:innen, mit denen wir sprechen, bestätigen das auf andere Art und Weise, aber im Grunde läuft es bei allen darauf hinaus.
Um mal eine Sache herauszugreifen: Ich hätte es vor einem Jahr nicht für möglich gehalten, dass die Geldsummen, die Staaten für den Klimaschutz ausgeben, und diejenigen, mit denen sie die fossile Industrie subventionieren, so weit auseinanderklaffen. Es zeigt, dass die Regierungen der Industriestaaten de facto alles tun, um den Planeten möglichst schnell zu zerstören.

Im rheinischen Braunkohlerevier hat sich das Verhältnis zwischen Klima-Aktivist:innen und den Beschäftigten in der Kohleindustrie als sehr konfliktreich herausgestellt. Was denkst du, sind Perspektiven für mögliche Kooperationen? Was bräuchte es dafür?

Ich habe mich mit Beatrix Sassermann von den Klimagewerkschafter:innen darüber unterhalten. Sie hat gesagt, die Gewerkschaftsführungen von Ver.di und der IG BCE stehen fest auf der Seite der Unternehmen, und das ist ja absolut nichts Neues, diese Co-Management-Haltung – geschenkt, wir wissen, dass das so ist. In unserem letzten Film Luft zum Atmen ging es im wesentlichen um dieses Problem.
Es gibt aber auch einen objektiven Widerspruch, weil die Leute in der Region Arbeitsplätze brauchen, um zu überleben – das kann man nicht wegdiskutieren. Die Arbeiter:innen wollen ihre Arbeitsplätze behalten, nicht weil sie reaktionäre Trottel sind, sondern weil sie in einer Gesellschaft leben, in denen man einen Job braucht, um zu überleben. Problematisch sind eher die Gewerkschaften, die sich zum Sprachrohr der Konzerninteressen machen, statt über alternative Beschäftigungsmöglichkeiten für die Arbeiter:innen nachzudenken.
Von der Seite der Klimabewegung her ist es andererseits richtig kontraproduktiv, die Gewerkschaftsführung mit den Arbeiter:innen gleichzusetzen. Der DGB ist nicht das Sprachrohr der Arbeiter:innenklasse! Und die Arbeiter:innenklasse ist auch kein homogener Block, die Arbeiter:innenklasse sind wir alle. Es ist für die Klimabewegung extrem wichtig zu erkennen, dass ihre Akteure selbst auch Teil der Klasse sind.
Beatrix Sassermann hat mir erzählt, dass es immer mehr Leute aus der Klimabewegung gibt, die sich bei den Klimagewerkschaft:innen melden und mit ihnen zusammenarbeiten wollen. Das Verständnis dafür, dass wir zusammen kämpfen müssen, wird immer stärker.

Auch was Ausdruck, Aktionsformen und Strategien anbelangt, gibt es große Unterschiede zwischen der Arbeiter:innenbewegung und der Klimabewegung. Was können/kann die Klimabewegung von Arbeitskämpfen aus deiner Sicht lernen? Und umgekehrt? Wie könnte der «kulturelle» Spagat gelingen?

Ich glaube, es geht nicht um einen kulturellen Spagat oder um Aktionsformen, sondern um die Erkenntnis, dass wir in einem Klassenkonflikt stehen, und die Klasse derer, die Kapital besitzen, den Planeten zerstört, um ihre Waren auf dem Weltmarkt verkaufen zu können – mit ihren jeweiligen Regierungen als Steigbügelhaltern. Sobald diese Erkenntnis zur allgemeinen Grundlage der Klimabewegung geworden ist, haben wir eine Chance zu gewinnen. Darum geht es.

In eurer Crowdfunding-Kampagne sagt ihr, dass ökologische Nischenprojekte und individuelle Konsumänderungen keine Möglichkeiten darstellen, der Klimakrise zu begegnen. Im Film werden andere Transformationsstrategien aufgezeigt. Was denkst du, sind wichtige Elemente?

Es ist wichtig, das nicht gegeneinander zu diskutieren. Jede Tonne CO2, die eingespart wird, rettet Leben. Menschen, die kein oder weniger Fleisch essen, handeln also richtig. Aber wir müssen das Problem trotzdem grundsätzlich angehen, wenn wir eine Chance haben wollen, als Menschheit zu überleben.
Was wir in dem Film vorschlagen, ist im wesentlichen, dass die Übernahme der essentiellen Produktion entscheidend ist, um politische Macht aufzubauen und zu halten. Und dass wir die Gesellschaft erst transformieren können, wenn die Produktion in den Händen der Leute ist und nicht in den Händen von Investoren, die ihr Kapital vermehren müssen, um auf dem Weltmarkt zu bestehen. Wir müssen aus dem Kapitalismus aussteigen, um all die Maßnahmen umsetzen zu können, die die Zerstörung des Planeten aufhalten.
Ich nennen mal ein paar Beispiele, was man tun könnte, um den CO2-Ausstoß drastisch zu senken: das Militär abschaffen – das US-Militär allein erzeugt gleich viel CO2 wie Nigeria mit seinen 200 Millionen Einwohnern. Wir können große Teile der Produktion einstampfen, die wir für ein glückliches Leben gar nicht brauchen; wir können alle Gebäude isolieren; wir können den öffentlichen Personennahverkehr ausbauen, Geräte so bauen, dass sie repariert werden können, die Landwirtschaft umstellen.
Die Liste ist sehr lang, aber wenn wir diese Dinge nur fordern, ins Blaue hinein sozusagen, wird nichts von alledem passieren, weil es den Profitinteressen der Unternehmen entgegensteht. So lange wir nicht begreifen, dass es eine Machtfrage ist, so lange haben wir gar keine Chance.

Habt ihr schon Ideen, wie der Film verbreitet werden soll? Plant ihr eine Kinotournee? Was sind die nächsten Schritte?

Wir haben einen Verleih für den deutschsprachigen Raum. Wir suchen noch Leute, die die Distribution in anderen Ländern organisieren, da wir den Film auf englisch produzieren und auch hoffen, dass dadurch auch international diskutiert wird, was passieren muss. Wir wollen, dass lokale Gruppen Filmveranstaltungen organisieren, am besten im Programmkino vor Ort. Uns ist es wichtig, dass die Zuschauer:innen nach der Vorführung miteinander ins Gespräch kommen..
Alle, die den Film zeigen wollen, sollen uns einfach anschreiben. Anfang nächsten Jahres geht es los.

Johanna Schellhagen ist Teil eines kleinen Frauenkollektivs in Berlin, das seit 2011 labournet.tv aufbaut, ein kostenloses Online-Archiv für Filme aus der Arbeiterbewegung.
Sie und ihre Kolleginnen haben bis zum Ausbruch der Pandemie regelmäßig Filmveranstaltungen mit kämpfenden Belegschaften organisiert.
Das Interview führte Moritz ­Binzer

Der Film ist noch nicht ausfinanziert. Die Filmemacherinnen freuen sich über Spenden: Content e.V.
IBAN: DE82100100100006814102
Stichwort: The Loud Spring


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