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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Imagining Progressive Futures

Nicholas Powers ermuntert uns, uns eine progressive Zukunft vorzustellen
Interview mit Nicholas Powers*

Nicholas Powers schreibt spekulative Fiktion. Er stellt sich vor, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die geprägt ist von progressiven politischen Maßnahmen – er bietet also eine Alternative zu konservativen, dystopischen Zukunftsvarianten.

Im nachfolgenden Artikel spricht er darüber, warum wir uns eine bessere Welt vorstellen müssen, warum Maßnahmen wie der Green New Deal wirkmächtige Geschichten in sich bergen und dass man mit Fiktion Politik üben kann. Deshalb ist seine Fiktion gewollt politisch.

Eine andere Welt ist möglich, mehr noch, in unseren Köpfen existiert ­bereits eine andere Welt. Und das ist nicht nur die Welt des jeweiligen Autors. Wenn ich schreibe, kommt ein Teil natürlich aus meiner eigenen Bilderwelt, meiner Poesie, Wörtern, Erlebnissen und dem emotionalen Zugang zu Geschichten. Wenn man tiefer eintaucht, stößt man aber auf das kollektive Unbewusste. Das besteht aus den Wünschen, Hoffnungen und Ängsten, die in dem, was ich als Gemeinschaftskörper bezeichne, verdrängt werden. Weil wir alle im selben System leben, unterdrückt eben dieses System ähnliche Gefühle in uns. Und so werden diese von Haus aus politisch, denn wenn man sie durch die Fiktion befreit, erhascht man einen Blick auf das, was wir wirklich fühlen. Dabei werden Gefühle durch Bilder, Handlungsstränge, Geschichten, Figuren kanalisiert, die uns ermöglichen uns vorzustellen, wie wir das fiktive Geschehen im wahren Leben umsetzen können. Wenn man etwas in der Phantasiewelt übt ist, dies von sich aus ein politischer Akt, denn man kann es in der realen Welt üben. So kann man damit anfangen, die Welt nach und nach oder ganz schnell so zu gestalten wie die, die man sich vorgestellt hat. Daher glaube ich, dass Fiktion eine Übung für die Politik ist.

In meinen Geschichten geht es immer um die Zukunft – eine Zukunft, die wiedererkennbar ist und die von der Welt ausgeht in der wir heute leben. Die Zukunft ist die Bühne für meine Geschichten. Zukunft ist ein Kampffeld zwischen einer konservativen Dystopie und ­einer Art von linksliberalen oder progressiven Vorstellung, wie die Welt zu retten ist. Diese zwei Arten von Impulsen gibt es. Wir ringen stets um die Zukunft. Die konservative, dystopische Fiktion enthält eine Art anthropologischer Skepsis, wonach wir bestialisch sind, das Leben ist kurz und animalistisch. Wir sind rot, Blut und Klauen. Das ist eine sehr pessimistische Sicht auf die menschliche Natur. Daneben gibt es die Rousseausche Tradition des ­edlen Wilden, wonach wir von Haus aus gut sind und die Zivilisation uns korrumpiert. Es gibt also beides, und die Geschichte zeigt das.
Mit der Fiktion von Zukunft habe ich versucht mir vorzustellen, dass der Kern eines ­Populismus der Arbeiterklasse das Bedürfnis nach Erlösung ist. Im täglichen Leben erfahre ich, dass die Menschen desto rauer sind, je verzweifelter sie sind. Sie kämpfen gegen ein­ander um die knappen Ressourcen, dabei bleibt jedoch ein schaler Geschmack zurück. Die Grausamkeit, die mitunter zum Überleben notwendig ist, wenn man arm ist, enthält viel Gewalt, die andere oder wir selbst erfahren. Eines der Elemente, die mir an der Vorstellung von einem zukünften Green Deal gefallen, ist, dass es eine Art von globalem humanistischen Projekt in sich birgt, in dem die Leute sich in gewisser Weise von der Gewalt, die im sozialdarwinistischen System für das Überleben notwendig ist, lösen können. Das bringt ein Gefühl der Erlösung hervor, Erlösung durch Arbeit und die Tatsache, dass man das Leben der anderen rettet.
Das ist der emotionale Motor, auf den ich zurückgreife. Das ist es auch, was mich am Green New Deal so reizt. Es geht nicht nur um dessen glänzende technologische Infrastruktur, sondern auch darum, wie das Konzept die Menschen verwandelt, die daran arbeiten.

In meinem Kopf habe ich ein Publikum vor Augen, das aus drei Gruppen besteht; es sind Menschen, die ich kenne. Da gibt es die linksliberalen Aktivisten, die eine Vision jenseits des politischen Diskurses brauchen. Die zweite Gruppe sind Leute aus der Arbeiterklasse, die lediglich einen Newsletter oder die Zeitung The Indypendent im Waschsalon oder im Café in die Hand nehmen. Die dritte Zielgruppe sind Konservative, die nicht unbedingt vom politischen Argument angetan sind, sondern von der emotionalen Schärfe, die meine Figuren auszeichnet. In einem Teil meiner Arbeit geht es also nicht um Politik, sondern darum, wie Menschen in dieser Situation agieren. Meine Figuren müssen wiedererkennbare Charaktere sein, keine Sprachrohre politischer Ideologie. Ich hoffe also, dass auch Konservative meine Geschichten lesen können und sich eventuell darin wiedererkennen. Wenn sie sich einmal mit einer der Figuren identifizieren können, dann werden sie von der Geschichte gefangengenommen, vielleicht sind sie dann überrascht, dass sie sich mit der Ideologie ­anfreunden können.

In Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte geht es darum, jemandem eine spirituelle zweite Chance zu geben, indem man ihn mit der Welt wieder vereint, statt ihn mit Geld ­einzumauern, das ist der Geizhals Ebenezer Scrooge.
Aktivistinnen und Aktivisten können Menschen vor allem mit zwei Dingen einmauern. Das eine ist der Jargon – da hört man auf, wie ein richtiger Mensch zu reden, und alles wird auf politisches Murmeln im Mund reduziert. Das andere ist der Zynismus, die Selbstgerechtigkeit, wenn man also einen emotionalen Klang hat, der dominant ist. Das wird zu einer Art Wand, man kann mit den dynamischen Emotionen der Leute nicht wirklich umgehen, weil man stets auf dieser Ebene von Zynismus oder Selbstgerechtigkeit bleibt. Ich kenne solche Menschen. Einige von ihnen sind sehr talentiert und entgleiten der Bewegung.
Mir geht es darum, durch sinnestäuschende Zeitreise zu zeigen, wie der konkrete Umgang mit menschlichen Gefühlen uns ermöglicht, wieder in Kontakt mit der Bewegung zu treten – und auch der Bewegung ermöglicht, wieder mit wahrer Menschlichkeit Verbindung aufzunehmen. Das ist ein tiefgreifender interagierenden Prozess, bei dem die Bewegung neue Kraft bekommen kann durch die Anerkennung dessen, wie man sich wirklich fühlt. Man selbst kann aber auch neue Kraft bekommen, wenn man auf den Gesamtzusammenhang der Bewegung blickt und sagen kann: Ok, meine Gefühle müssen zwar anerkannt werden, sie müssen aber nicht jede einzelne Entscheidung von mir bestimmen, vielleicht kann ich mich darüber erheben und das große Ganze ­betrachten. Das könnte mein Leitstern sein.

Ich werde manchmal gefragt, ob beim Schreiben meiner Geschichten eine Organisation wie die Democratic Socialists of America (DSA) eine Rolle spielt. Nun, ich bemühe da gern das Bild von der olympischen Fackel: Athleten auf der ganzen Welt nehmen die Fackel in die Hand, bis sie Athen erreicht oder den Ort, wo die Olympischen Spiele stattfinden. In gewisser Weise ist die DSA eine solche Fackel. Sie geht voran und die alte Generation sagt der jungen: Nun seid ihr an der Reihe. Im Moment gedeihen Geschichten über den Generationswechsel in den verschiedensten Genres – z.B. bei Star Wars. Die Millennial Generation ist riesig, auch die Generation Z.
Die DSA ist meiner Meinung nach dabei, diesen generationsübergreifenden Schritt zu machen. Dabei ist sie sehr umsichtig. Die Frage, die im Raum steht, lautet: Was tun wir, wo es ein nie dagewesenes Interesse am Sozialismus gibt?
Es gibt natürlich auch das Interesse am Faschismus, der konkurrierenden rechten Kraft, die die andere Seite anbietet. Das ist ein ­geschlossener Mythos, der seine Opfer hat, wobei diese Opfer Weiße sind, die von der amerikanischen Vielfalt vertrieben werden. Die Opfer sind so Dinge wie die Statuen, die vom Sockel gestoßen werden. Deren Vorstellung von Gemeinschaft ist der geteilte Hass auf den Anderen.
Dieser Mythos führt letztendlich in eine Sackgasse, weil es dabei immer darum geht, wie wir uns von der Welt und den anderen abgrenzen und dabei rein bleiben. Der sozialistische Mythos ist hingegen von Haus aus offener, bei ihr geht es darum, wie wir Menschen, die anders sind, ansprechen können. Wie wir Koalitionen schmieden, die nicht nur Generationen miteinander verbinden, sondern auch Sprachen, Ethnien, sexuelle Vielfalt. Das ist ein ganz anderer Mythos mit einem anderen Ziel. Deshalb ist er auch erfolgreicher, denn er hat Türen, die sich zur realen Welt öffnen.
Das ist die DSA für mich, und ich hoffe, dass sie sich weiterhin auf den Populismus beruft und die Leute dort trifft, wo sie tatsächlich ­stehen, und sich nicht zurückzieht, wie andere linke Generationen, in Buchclubs, Sektierertum, rhetorische Sprache. Menschen sollten auch nicht gleich dafür verurteilt werden, dass sie falsche Wörter benutzen. Man muss wohlgesonnen sein, den Leuten Raum zugestehen und ihnen zu verstehen geben, dass wir an ­einem unterschiedlichen Punkt stehen und doch alle versuchen, in die richtige Richtung zu gehen.

Nicholas Powers unterrichtet Englisch an der Universität SUNY in Old Westbury, New York, mit dem Schwerpunkt auf Creative Nonfiction, Black Women Writers, Literature of Class and Consciousness, Topics in Afro-American Literature, Afro-American Poetry and Plays… Er schreibt darüber hinaus für verschiedene Zeitungen.
Er veröffentlichte The Ground Below Zero: 9/11 to Burning Man, New Orleans to Darfur, Haiti to Occupy Wall Street bei UpSet Press (2013).

*Der Text ist ein umgearbeitetes Interview, das Nicholas Powers der Onlinezeitung der Democratic Socialists of America, Democratic Left, am 6.März 2021 gegeben hat.


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