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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2021 |

Prominente TV-Schauspieler nutzen Covid zur Selbstdarstellung

Zur Video-Aktion „Allesdichtmachen“
von Meinhard Creydt

Die inhaltliche Botschaft der Videos von prominenten TV-Schauspielern zur Covid-Pandemie
lautet: Die Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche sind übertrieben. Die Regierung macht Panik. Der Staat handelt autoritär. Es gibt keine freie Diskussion über die Corona-Politik.

Wo leben diese Schauspieler? In den Medien und der Öffentlichkeit wird allenthalben über die Konzepte und Auflagen zur Seucheneindämmung kontrovers diskutiert. Die Behörden
sind – vorsichtig gesagt –eher zurückhaltend in der Durchsetzung der beschlossenen Maßnahmen gegen diejenigen, die sich nicht an sie halten. Keine Protestbewegung, die so massiv und in Serie wie die Corona-Verharmloser gegen Auflagen verstößt, wurde jemals so mit Samthandschuhen von der Polizei angefasst. Die Videos schlagen keine Alternative vor zu den Abstandsregeln und den Maßnahmen zur Einschränkung von Kontakten zwecks Eindämmung der Ansteckung. Gewiss lässt sich kritisieren, dass in den Betrieben erst spät und nur freiwillig getestet wird, und daran, dass Betriebe im Unterschied zu Schulen als nicht-schließbar gelten. Darum geht es „Allesdichtmachen“ aber nicht.

Die Auftritte der Schauspieler „suggerieren, die Maßnahmen der Politik seien samt und sonders sinnlos und von bösen Absichten bestimmt. Sie unterstellen zudem, die Medien transportierten nur eine Sicht der Dinge – die der Regierung. Das eine wie das andere ist so unterkomplex wie unzutreffend, dass man es nicht witzig finden kann“ (FAZ 23.4.2021). Medien mit großem Wirkungsgrad – wie die ‚Bild’-Zeitung mit ihrer „irren Kampagne“ (ebd.) gegen den Virologen Christian Drosten – haben immer wieder die „Freiheit“ des Individuums gegen die Maßnahmen zur Pandemieeindämmung gestellt. Albrecht Lucke arbeitet in den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ (April 2021) heraus, wie ‚Bild’ und ‚Welt’ die Corona-Politik in eine Reihe stellen mit der Klimapolitik. Die Springer-Journalisten verbreiten die Vorstellung, bei beiden handele es sich um sachlich unbegründete Angriffe auf die individuelle Freiheit. Die Corona-Politik wird stilisiert als Testlauf eines sich autoritär aufführenden Staates für die „Ökodiktatur“.

Der Politikwissenschaftler Josef Holnburger weist darauf hin, dass die Prominenten-Videos mit den Schauermärchen von „vermeintlich gleichgeschalteten Medien“ oder einem „Kritikverbot an der Regierung“ nur wiederholen, was auf den Demonstrationen von Covid-Verharmlosern seit einem Jahr verbreitet wird (Tagesspiegel 24.4.21). Ulrich Matthes, der Präsident der Filmakademie schreibt zur späten Reue mancher der Video-Darsteller „Ich finde die Krokodilstränen, die einige der Kolleginnen und Kollegen jetzt weinen, sie seien so gründlich missverstanden worden, vollkommen unverständlich, weil manche Textbausteine fast wörtlich aus der Querdenkerszene stammen könnten“ (Ebd.).

Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz sagt zutreffend: „Wer sich über den Corona-Schutz lustig macht, zeigt kein Mitgefühl für 80.000 Corona-Tote, ihre Angehörigen und die sorgenden Menschen. Nur wenige Tage nachdem am vergangenen Sonntag Deutschland der Opfer der Pandemie gedacht hat, zeigen sich Prominente wenig einfühlsam“ (FAZ 25.4.). Die Reaktion der spanischen Medien auf die Aktion „Allesdichtmachen“ ist – vorsichtig gesagt – von Unverständnis geprägt. In Spanien wäre so etwas unmöglich. Zu groß ist die Betroffenheit über Covid.

Die mit ihren Videos auftretenden Schauspieler immunisieren ihre inhaltliche Position, indem sie sie als Spaß und Ironie ausgeben. Einerseits äußern sie sich inhaltlich, andererseits ziehen sie sich bei Kritik darauf zurück, es sei ja so schwer, Ironie zu begreifen, und viele Zeitgenossen seien nun einmal humorlos und würden keinen Spaß verstehen. Im Tagesspiegel (24.4.) heißt es zu Recht: „Schauspieler sind Darstellungsprofis. Als Autor:innen sind sie meist Laien. Inzwischen heißt es, nicht alle Beteiligte hätten ihre Texte selbst geschrieben. […] Bei der Satire als zugespitztem Witz, bei Ironie und Sarkasmus gehört die Wortwahl zu den schwersten Kunststücken. Wenn die Pointe nicht sitzt, wird sie zum Flachgag. Wen ironisiert Richy Müller mit seiner ‚Zwei-Tüten-Atmung’ zur Vermeidung von womöglich kontaminierter Raumluft: die Aerosolforscher, die unbequeme Tatsache, dass Innenräume gefährlicher sind als Open-Air, die eigenen Ängste?“

Der Pianist Igor Levit schreibt auf Twitter, die stumpfste Waffe gegen die Pandemie sei „schlechter, bornierter Schrumpfsarkasmus, der letztendlich bloß fader Zynismus ist, der niemandem hilft. Nur spaltet“ (Spiegel 24.4.2021). Die Psychologin Tabea Scheel kommentiert: „Hinter Zynismus steht meistens Frust, Resignation und Verletzung. Diese Form des Humors enthält nichts Konstruktives. Sie provoziert, sie erzielt Aufmerksamkeit, aber die Sache, um die es eigentlich geht, gerät in den Hintergrund“ (Ebd.).
Die sich mit den Videos zu Wort meldenden Schauspieler meinen anscheinend: Nur weil sie im ‚Tatort’ (von anderen verfasste) Texte und (von anderen konzipierte) Figuren in Szene setzen, verstünden sie etwas von Kunst. Sie verwichtigen die Videoaktion als einen ästhetischen Versuch. Bei solchen Experimenten sei nun einmal nie absehbar – so die ansprüchelnde Selbstbeschreibung des eigenen Tuns – , ob sie beim Publikum ankämen. Der Spiegel-Kulturredakteur Wolfgang Höbel ist da andere Auffassung. „Als Film“, sagt er, „müsste diese Kampagne ‚Kleinhirnküken’ heißen“ (Der Spiegel 24.4.2021) – in Anspielung auf Till Schweigers ‚Zweiohrküken’

Dass die Video-Aktion inhaltlich eher die an ihr Beteiligten vorführt, heißt nicht, dass sie nicht von ihr profitieren. In der Aufmerksamkeitsökonomie haben sie sich einmal zusätzlich ins öffentliche Gespräch gebracht. Unzählige „Talksshowauftritte werden folgen, in denen die Schauspieler*innen dann erklären dürfen, wie falsch sie ja verstanden wurden und natürlich was sie eigentlich meinten“ (Neues Deutschland 23. 4.). Es ist wahrscheinlich auch die Institution der Talkshows, die prominente Schauspieler motiviert, zu allem ihren Senf zu geben, ohne zu merken: Wer zu allem seinen Senf gibt, ist auch nur ein Würstchen. Sie fühlen sich ungeheuer wichtig und stellen ihr aufgeblasenes Ego aus. So Jan-Josef Liefers in „Drei nach neun“ mit seinem Hinweis, das letzte Mal, dass ihm jemand gesagt hätte, er sei naiv, sei das von einem DDR-Bonzen gekommen. Solche Mimen sind auf Selbstdarstellung aus. Ihr Verhältnis zur Welt ist okkasionalistisch. Alles gilt ihnen als Gelegenheit für einen Auftritt. Unter ihrer Profilneurose leiden sie anscheinend nicht, sondern genießen sie eher.

Nachdem ihnen nun der Wind entgegenbläst, reagieren die TV-Schauspieler auf verschiedene Weise. Die einen kokettieren mit ihrer gespielten oder tatsächlichen Naivität. Andere sind beleidigt über den „faschistoiden shitstorm“ – so der Drehbuchautor, Tatort-Regisseur und Mitinitiator der Aktion, Dietrich Brüggemann. Die Berliner Standardfrage in solchen Fällen lautet: „Ham’ses nich ne Nummer kleiner?“ Brüggemann zeigt, dass er sich in Extremen bewegt und auf die konkrete Kritik an vielen Momenten der Videos nur mit dem größtmöglichen Negativausdruck zu reagieren vermag. Drosten und Lauterbach werden verbal ganz anderes angegriffen als die Videokünstler und bekommen Morddrohungen. Brüggemann misst mit zwei verschiedenen Maßstäben. Andere, die sich an der Video-Aktion beteiligt haben, schwenken schnell um und richten ihr Fähnchen nach dem Wind aus. Eine vierte Reaktion ist ambitionierter. Sie tut so, als handele es sich bei der Videoaktion um eine Art interessantes Experiment künstlerischer Freiheit, das man doch einmal anstellen könne und dessen negativer Ausgang nichts über die Experimentatoren aussage. Solche Leute gefallen sich in der Attitüde „man wird doch mal fragen bzw. problematisieren dürfen, oder !?“, als hätte es dafür ausrechnet ihrer bedurft, und in der Pose „wir trauen uns was“.

Die Schauspieler zeigen mit ihren Videos: Sie haben nicht nur keine Kompetenz in der Sache, sondern ihnen fehlt auch noch die Kompetenz, ihre eigene Unbedarftheit und ihre menschliche Unreife wahrzunehmen. Aristoteles’ Begriff „dummstolz“ drängt sich hier auf. Dietrich Bonhoeffer schreibt zu Recht (in: Widerstand und Ergebung): „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. […] Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch […]. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden, ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht.“


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