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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2021 |

Vor 110 Jahren starb Paul Singer

‹Kleinigkeiten sind nur Teil der großen Gesamtheit›
von Manfred Dietenberger

Wie gewinnen Linke die Herzen der arbeitenden Menschen? Das ist ein treibendes Motiv hinter dem Organizing-Ansatz. Paul Singer war einer von denen, die es vormachten.

Vor 110 Jahren starb Paul Singer nach kurzer schwerer Krankheit am 31.Januar 1911 in Berlin. Anders als in der Zeit von 1890 bis 1909, in denen Paul Singer neben August Bebel Co-Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands war und seine Bekanntheit und Popularität in der Arbeiterbewegung der des «Arbeiterkaisers» Bebel in nichts nachstand, kennen ihn heute nur noch wenige abhängig Beschäftigte.
Paul Singer wurde am 16.Januar 1844 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Berlin geboren. Als sein Vater vier Jahre später starb, musste Singers Mutter, auf sich allein gestellt, ihn samt seiner Geschwister mit dem Betrieb einer Wäsche- und Strumpfwarenhandlung großziehen. Paul Singer besuchte die Realschule und schloss daran eine kaufmännische Lehre an.
Als 25jähriger gründete er in Berlin zusammen mit seinem älteren Bruder Heinrich die Damenmäntelfabrik Gebrüder Singer. Das junge Unternehmen ließ – wie in der damals aufkommenden Konfektionsindustrie üblich – ihre hauptsächlich für den Export bestimmten, preiswerten Damenmäntel von sogenannten «Zwischenmeistern» (heutigen Scheinselbständigen) und Heimarbeiterinnen herstellen.
Wilhelm Liebknecht war es, der Paul Singer wohlwollend scherzhaft als «Großbourgeois und musterhaften Sozialdemokraten» charakterisierte, als er ihn 1878 mit Friedrich Engels und Karl Marx bekannt machte.
In der Tat war Singer erst im Jahr zuvor aus dem operativen Geschäft der Damenmäntelfabrik ausgeschieden. Dazu bewog ihn nicht hauptsächlich die Rücksicht auf seine Tuberkulose, nein, er wollte künftig ganz für die (nicht von der!) Politik im Interesse der Arbeiterschaft leben. Schon während seiner Tätigkeit als Unternehmer verband er – geprägt von den ärmlichen familiären Verhältnissen, in denen er aufgewachsen war – Empathie und konkrete Solidarität mit dem Schicksal der sozial Benachteiligten.
So wurde er schon als 18jähriger aktives Mitglied in der bürgerlich-liberalen Deutschen Fortschrittspartei und lernte in dieser Zeit unter anderem Ferdinand Lassalle kennen. 1868 beteiligte er sich an der Gründung eines Demokratischen Arbeitervereins in Berlin, im Jahr darauf wurde er Mitglied der neu gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und engagiert sich hier von Anfang an auch finanziell.

Sozial und publizistisch aktiv
In besonderem Maße galt dies, nachdem die SPD durch die Sozialistengesetze in die Illegalität gedrängt wurde. Mit viel Elan und persönlichem Vermögen schuf er als Inhaber der «Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer & Co.» und als Mitbegründer des Verlags J.H.W.Dietz die materiellen Vorausetzungen für die sozialdemokratische Untergrundpresse. Daneben initiierte und unterstützte er von Anfang an verschiedene Hilfsorganisationen. 1877 war er Mitinitiator des Johann-Jacoby-Fonds, einer Hilfsorganisation für politisch Verfolgte.
Besonders aktiv und intensiv setzte er sich mit der katastrophalen Lage der Berliner Obdachlosen auseinander und griff handelnd ein; zusammen mit anderen Berlinern gründete er einen Asylverein. Während des Sozialistengesetzes initiierte Singer Solidaritätsaktionen und half beim Aufbau der illegalen Parteiorganisation, u.a. durch die Mitgründung des Zentralorgans der Partei, Der Sozialdemokrat.
Weil er einen in die Partei eingeschleusten Spitzel öffentlich entlarvte, wurde er 1886 aus Berlin ausgewiesen und musste nach Dresden ausweichen. Seine Abreise wurde für den so Gemaßregelten und die Berliner Arbeiterbewegung zu einem Triumph. Zu Zehntausenden winkten die Berliner dem am Zugfenster Stehenden von Brücken und Stationen der Berliner Ringbahn zu – sehr zum Ärger der Polizei, die vorsorglich den Bahnhof abgesperrt hatte und nun machtlos zusehen musste.

Kommunalpolitik
Nach dem Fall der Sozialistengesetze kehrte Singer nach Berlin zurück und eroberte dort einen Sitz im Berliner Stadtparlament und ein Direktmandat im Reichstag. Mit großem Engagement widmete er sich der Komunalpolitik. Dort beackerte er die Felder öffentliche Gesundheitspflege, Wohnungspolitik, Schul- und Erziehungswesen, städtisches Verkehrswesen, Armen- und Waisenpflege sowie Sozialpolitik.
Um diese Themen auf die öffentliche Agenda zu setzen, skandalisierte er besonders krasse Beispiele aus diesen Politikbereichen. So prangerte er im Berliner Abgeordnetenhaus äußerst öffentlichkeitswirksam die Verschwendung öffentlicher Gelder am Beispiel einer Etatüberschreitung von 25000 Mark für «eine Feststraße zum Einzug des Königs von Italien» an: «Mögen die Magistratssachwalter, die das Geld mehr ausgegeben haben, das Mehr aus ihrer Tasche bezahlen.»
Singer war nicht nur Kommunalpolitiker, sondern auch ein unermüdlicher und lautstarker Kämpfer für Völkerfrieden, gegen Militarismus und Krieg. 1870 geißelte er couragiert die Annexion von Elsass-Lothringen. Im Duo mit Bebel lehnte Singer die Bewilligung sämtlicher Mittel für deutsche Militärinterventionen im Ausland ab. Dem Mainzer SPD-Parteitag im September 1900 legte Singer eine von ihm verfasste Resolution zur Abstimmung vor, in der er die «abenteuerliche, gewaltsame Chinapolitik der Regierung» verurteilte.

Im Reichstag
Paul Singer war 1891, 1893, 1896 und 1907 Vorsitzender bzw. Ko-Vorsitzender der Kongresse der II.Internationale. Er war bekannt als guter Redner und Macher. Versammlungen mit ihm waren fast immer überfüllt. Seine Zuhörer schätzten seine gelebte Solidarität mit den Benachteiligten, für die der urwüchsige Berliner mit dem ihm eigenen trockenen, herzhaften Humor eindringlich warb. Ein Paradebeispiel war eine Reichstagsrede vom 18.Mai 1897:
«Meine Herren», sagte Singer da, «aus der Vergangenheit will ich einige drastische Fälle mitteilen, die zur Auflösung von Versammlungen geführt haben … Schon vor dem Sozialistengesetz wurden hier in Berlin Versammlungen aufgelöst aufgrund des jetzt bestehenden Vereins- und Versammlungsrechts, z.B., weil Kellnerinnen im Saal waren – der Beamte meinte, Frauenspersonen dürfen an politischen Versammlungen nicht teilnehmen; ferner, weil ein Fenster im Saale geöffnet war. Dadurch war die Versammlung zu einer Versammlung unter freiem Himmel geworden … Aufgelöst wurde eine Versammlung, weil ein Hund durch den Saal lief und der überwachende Beamte geglaubt hat, der öffentliche Friede würde dadurch gestört werden, oder auch vielleicht, weil der Hund minderjährig war.»
Kein Wunder, dass die Berliner ihren «Paule» liebten. Am über fünfstündigen Trauerzug zu seiner Beisetzung im Zentralfriedhof in Berlin-Friedrichsfelde gaben ihm mehrere hunderttausend Teilnehmerinnen und Teilnehmer das letzte Geleit. Im Nachruf in der Rabotschaja Gaseta schrieb W.I.Lenin: Paul Singer war einer, der «bis ans Ende seiner Tage … der unversöhnlichen, revolutionären sozialdemokratischen Politik unerschütterlich treu (blieb) … Niemals ist einem Mächtigen dieser Welt die Ehre einer solchen Bestattung zuteil geworden.»
Und Leo Trotzki schrieb in der Wiener Prawda: «Er wusste fest und lehrte andere, dass man jede Sache gut machen muss. Für ihn bestanden keine Kleinigkeiten, wenn die Sache um die Interessen des Proletariats ging: ‹Kleinigkeiten› sind nur Teil der großen Gesamtheit … Als Deputierter war Singer der beste Kenner der Mechanik des Parlamentarismus; als Mitglied des Stadtrats war er der beste Kenner der städtischen Wirtschaft … Und bei all dieser seiner tiefen und sorgfältigen Aufmerksamkeit für Details, für die ganzen Räder und Schräubchen des bürgerlichen gesellschaftlichen Mechanismus, verlor Singer niemals die allgemeinen Aufgaben der Bewegung aus den Augen … Singer war und blieb entschlossener Gegner des opportunistischen Reformismus, er war proletarischer Revolutionär bis ins Knochenmark.»


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