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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2021 |

Die Klimagerechtigkeitsbewegung braucht einen langen Atem

Die Gruppe ausgeCO2hlt ist seit 2011 im Rheinischen Revier aktiv
von Moritz Binzer*

Die Entstehung der Kampagne ausgeCO2hlt ist eng verknüpft mit dem Widerstand im Rheinischen Braunkohlerevier.

2010 organisierte hier die Jugend des Bundes für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND) das erste Klimacamp. Die Idee von Camps, auf denen Austausch, Aktionen und das Ausprobieren konkreter Alternativen zusammen kamen, war kurz zuvor aus Großbritannien nach Deutschland geschwappt. 2011 trat dann ausgeCO2hlt in Erscheinung und brachte sich maßgeblich in die Organisation des zweiten Camps ein. Die Initiator:innen von ausgeCO2hlt hatten bereits in verschiedenen antikapitalistischen, sozialen Bewegungen Erfahrungen gesammelt. Dementsprechend veränderte sich die inhaltliche Ausrichtung der Klimacamps. Auch bei der Wahl der Aktionsformen konnte auf das Repertoire anderer Bewegung zurückgegriffen werden, allen voran die Anti-AKW-Bewegung. Seitdem ist ausgeCO2hlt wichtiger Akteur der Klimagerechtigkeitsbewegung.
Seit 2010 ist viel passiert. Damals standen ungefähr hundert Campbesucher:innen am Grubenrand im Rheinischen Revier und rieben sich, in Anbetracht des Ausmaßes der Zerstörung, die Augen. Heute ist der Klimakiller Braunkohle aus der Diskussion um die Klimakrise nicht mehr wegzudenken. Dass mitten in NRW die größten menschengemachten Löcher Europas gebuddelt werden, um den klimaschädlichsten Energieträger freizulegen, ist heute sehr viel mehr Menschen bekannt. Dadurch hat die deutsche Bundesregierung ihr Image als Klimavorreiterin weitgehend eingebüßt. In jahrelanger Arbeit ist es gelungen, mit vielfältigen Aktionen, Kampagnen, Pressearbeit, Bewegungsaufbau, Spaziergängen und Demonstrationen die Kohle auf die politische Agenda zu hieven. ausgeCO2hlt war an vielen dieser wichtigen Bewegungsmomente beteiligt und hat Prozesse wesentlich mitangestoßen. Obwohl der Fokus nach wie vor auf dem Kohleabbau im Rheinischen Revier liegt, ist ausgeCO2hlt bundesweit vernetzt.
Auch als im Nachklang der ersten Baggerbesetzung 2014 im Tagebau Hambach die Idee reifte, das massenhafte Vordringen in einen Tagebau für viel mehr Menschen möglich zu machen, war ausgeCO2holt dabei. Ein Jahr später durchflossen und durchbrachen zum ersten Mal Aktivist:innen unter dem Slogan «Ende Gelände» massenhaft Polizeiketten und drangen in einen Tagebau ein. Seitdem ist Ende Gelände immer größer geworden, diente Klimabewegten in verschiedenen Teilen der Welt als Inspirationsquelle und war für sehr viele Menschen die erste widerständige Massenaktion.
Die Besetzung im Hambacher Wald hat ausgeCO2hlt ebenfalls von Anfang an begleitet und unterstützt. Die dort gemachten Erfahrungen und die vielfältigen Aktionsformen der Bewegung wurden in Zusammenarbeit mit dem Künstler Oliver Scheibler in einem großformatigen Wimmelbild festgehalten. Die Grafik ist als Bildungsmaterial konzipiert und ist seitdem bei vielen Workshops und Vorträgen zum Einsatz gekommen.
Bei den vielen Aktionen im Revier sind Netzwerke und Freundschaften entstanden zwischen den Menschen, die direkt von Umsiedlungen betroffen sind und den angereisten Aktivist:innen. Um die Zusammenarbeit zu stärken hat sich das Netzwerk «Alle Dörfer bleiben» gebildet, für das sich beide Seiten oftmals auf einen gewöhnungsbedürftigen, aber bereichernden Prozess einlassen mussten. Hier liegt derzeit weiterhin der Fokus von ausgeCO2hlt: «Alle Dörfer bleiben», der Widerstand gegen die Ausweitung des Tagebaus Garzweiler und die Zerstörung von weiteren Dörfern sind die zentralen Arbeitsschwerpunkte. Wenn Polizei und RWE gemeinsam einen weiteren Angriff auf das Dorf Lützerath unternehmen, will ausgeCO2hlt mobilisieren.
Der Organisationsform Kampagne oder Plattform, als die sich ausge­CO2hlt noch zu Beginn bezeichnete, ist längst einer festen Gruppenstruktur gewichen. Es gibt eine große Kontinuität in der Zusammenarbeit und viele Gruppenmitglieder betrachten die Klimapolitik als ihr Hauptprojekt. Die hohe Verbindlichkeit liegt sicher auch an der Auseinandersetzung mit der Frage, wie es gelingen kann, langfristig politisch aktiv zu sein, ohne sich selbst zu überfordern und wegzubrechen. Dies hat sich zu einem wichtigen Thema in der Gruppe entwickelt. Darüber wird einerseits viel diskutiert, andererseits haben Konzepte, die die Selbst- und Gruppenfürsorge und den achtsamen und solidarischen Umgang untereinander fördern sollen, Einzug in die Gruppenpraxis gefunden. Da anzunehmen ist, dass die Klimabewegung einen langen Atem brauchen wird, gibt ausgeCO2hlt dieses Wissen auch in Form von Workshops weiter.
In ihrem Text «Jenseits von Hoffnung und Zweifel – warum aufgeben keine Option ist» heißt es dazu:
«Wir können, wir werden im Kampf um Klimagerechtigkeit Niederlagen einstecken, aber es bleibt der richtige Kampf. Diese Haltung ist manchmal anstrengend, weil sie Klarheit über den eigenen Antrieb erfordert, einen langen Atem und die Bereitschaft, nach dem Hinfallen wieder aufzustehen. Aber sie lässt ein Fenster offen für das Unvorhersehbare: Das scheinbar Unmögliche kann noch möglich werden. Um das zu spüren, ist es wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass das, was heute selbstverständlich geworden ist (z.B. dass der Hambacher Wald noch steht), zu einem anderen Zeitpunkt kaum mehr denkbar schien.»

*Moritz Binzer hat für diesen Artikel mit zwei Personen von ausgeCO2hlt gesprochen.
Mehr Infos über https://ausgeco2hlt.de.


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