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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2021 |

Faschisten leugnen den Klimawandel – warum?

Der weiße Mann beherrscht die Welt, weil er ein schnelles Auto hat. ­Dem Technorassismus auf der Spur
von Andreas Malm

Zwei Tendenzen greifen derzeit ineinander: der Anstieg der Temperaturen und der Aufstieg der extremen Rechten. Was passiert, wenn beide aufeinander treffen? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen beiden?

Andreas Malm und das Zetkin Collective haben gemeinsam ein Buch über den Zusammenhang von Klimaleugnung und Rassismus her­ausgebracht, White Skin Black Fuel (Weiße Haut, schwarzer Brennstoff – über die Gefahr eines fossilen Faschismus). Darin gehen sie der Frage nach, wie sich die Position der extremen Rechten zum Klimawandel in den letzten dreißig Jahren geändert hat und wie es kommt, dass rassistische Einstellungen eine Verbindung mit Klimaleugnern eingehen.
Wir veröffentlichen hier den ersten Teil eines Auszugs aus dem Mitschnitt einer Videokonferenz, die der Blog rs21scotland am 7.April mit Andreas Malm durchgeführt hat. Der zweite Teil folgt in der nächsten Ausgabe. Wir beginnen mit den historischen Wurzeln des Zusammenhangs von Rassismus und Klimaleugnung.

In den letzten Jahren hat die extreme Rechte alles in ihrer Macht stehende getan, um die Erderwärmung zu beschleunigen: Ein amerikanischer Präsident, der den Klimawandel für einen Schwindel hält, hat Beschränkungen für die Produktion fossiler Brennstoffe aufgehoben. Der brasilianische Präsident schlägt Schneisen in den Amazonas und sieht zu, wie er brennt. In Europa haben Parteien Regierungen erobert, die die Klimakrise leugnen und auf maximale Verbrennung pochen – von Schweden bis Spanien. Sie treten am aggressivsten für «Business-as-usual» ein – immer zur Verteidigung des weißen Privilegs gegen die vermeintliche Bedrohung durch nichtweiße Andere.
Die extreme Rechte ist ein großes Hindernis auf dem Weg zum Ausstieg aus den fossilen Energien. Zugleich sind fossil betriebene Technologien von Rassismus durchdrungen. Was sind die historischen Wurzeln der rechtsextremen Anti-Klima-Politik? Hier sind viele verschiedene Faktoren im Spiel. Einer davon ist die Verschränkung von Rassismus und Energie im frühen britischen Empire und speziell im 19.Jahrhundert.
Das 19.Jahrhundert war die Zeit, in der sich die Verbrennung fossiler Brennstoffe erstmals im großen Stil von den britischen Inseln aus in der ganzen Welt verbreitete – der Schlüssel dazu war das Dampfschiff, natürlich auch die Eisenbahn, die Lokomotiven und alle Fahrzeuge, die mit Kohle angetrieben wurden. Im Laufe dieses Jahrhunderts wurde der technologische Komplex rund um die Dampfkraft absolut grundlegend für den modernen Rassismus.
Bis zu diesem Zeitpunkt war der europäische Rassismus weitgehend religiös geprägt. So wurde etwa die Sklaverei mit der Verfluchung Hams gerechtfertigt. Noahs Sohn Ham trifft auf den nackten Vater und wird für dieses Verbrechen verflucht [1.Mose 9,20–27]. Schwarze Menschen wurden zu Nachkommen Hams erklärt und mit dieser Geschichte gerechtfertigt, warum es richtig ist, sie zu versklaven.

Der Fetisch «technologische Gewalt»
Im 19.Jahrhundert hat der religiöse Rassismus dem Platz gemacht, was wir den Technorassismus nennen. Demnach sind Weiße den People of Colour überlegen, weil die Weißen die besseren Technologien haben und die Natur vollständig beherrschen. Den Kern dieser technologischen Überlegenheit bildet die Dampfmaschine. Auf dem Rücken von Dampfschiffen und Eisenbahnen hat sich der britische Kolonialismus im 19.Jahrhundert in die verschiedensten Peripherieregionen der Welt ausgebreitet.
Es gibt ein charakteristisches Zitat, das diesen Zusammenhang untermauert. Es stammt von John Turnboat Thomson, ein Superintendent verschiedener imperialer Niederlassungen in Asien und ab 1856 Generalkonsul von Neuseeland. Er hielt in den späten 1870er Jahren einen Vortrag vor dem Parlament, in dem er u.a. sagte: «Was hat den weißen Mann oder, auffälliger, den Angelsachsen der germanischen Rasse so allgegenwärtig fortschrittlich und aggressiv gemacht? Vor allem in der jüngsten Debatte? Es ist seine Menschlichkeit und Wissenschaft in Verbindung mit Dampf. Und was ihm Dampf macht, das ist die Kohle. Was also hat Kohle mit unserer Rasse zu tun? Soweit wir wissen – alles.»
Seine Idee war also sehr klar, die Grundlage für die Macht der weißen Rasse bildete die Dampfkraft und mithin die Kohle. Diese Idee hat sich im 19.Jahrhundert in Großbritannien und in den USA stark verbreitet.
Im 20.Jahrhundert wurde sie von der zentralen Rolle der Automobilität abgelöst. Die Maschine Auto wurde zu einem Vehikel für eine besondere Art der Segregation. In der Nachkriegszeit war Automobilität sehr eng mit der sog. «weißen Flucht», also der Flucht der Weißen aus den schwarzen Innenstadtghettos verbunden. Bis heute verteidigt die extreme Rechte, nicht zuletzt in Europa, das Auto und den Verbrennungsmotor auf sehr aggressive Weise. Der klassische Faschismus hatte eine extrem fetischistische Beziehung zu fossilen Brennstofftechnologien – zu Auto, Flugzeug, Kohle und allgemein zum Verbrennen von Dingen.
Wir untersuchen das näher am Beispiel der Protofaschisten Filippo Marinetti und Ernst Jünger, später dann an der tatsächlichen Politik von Mussolini und Hitler. Gegen Ende des Buches greifen wir auf die Frankfurter Schule zurück, um einige der psychologischen Dimensionen dieser Formen der Leugnung des Klimawandels zu erfassen. Am Ende gibt es ein Nachwort über die Entwicklungen des letzten Jahres während der Pandemie.
Als das Buch fertig war, brach die Pandemie aus. Danach hat sich alles irgendwie verändert: Nicht zuletzt hat Trump die Wahlen verloren, was ein veheerender Verlust für die extreme Rechte ist. Das letzte Jahr war überhaupt ein relativ schlechtes Jahr für die extreme Rechte im Vergleich zu ihren enormen Erfolgen in den Vorjahren – auch in Europa haben bestimmte rechtsextreme Parteien Rückschläge erlitten, obwohl die Situation sehr uneinheitlich ist und keine dieser rechtsextremen Parteien wirklich abgewertet und abgeschrieben werden kann. Wir weisen dann aber auf einige jüngere Trends hin und darauf, was sie für die nahe Zukunft bedeuten könnten.

*Andreas Malm ist ein schwedischer Humanökologe und Sachbuchautor, er arbeitet an der Universität Lund. Er schreibt für Internationalen, die Zeitung der schwedischen Sektion der IV. Internationale, und für das US-Magazin Jacobin.


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