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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Helmut Weiss (1948–2021)

Der geborene Internationalist
von Angela Klein

Von allen Genossinnen und Genossen der ehemaligen KPD/ML, mit denen sich die Mitglieder der GIM im Jahre 1986 zusammenschlossen, war er derjenige, der am wenigsten mit ihnen fremdelte.

Vom ehemaligen Chefredakteur des Parteiorgans Roter Morgen hätte man das vielleicht zuallerletzt erwartet, schließlich ging mit solchen Posten oftmals auch die Rolle des Chefideologen einher. Aber nichts dergleichen. Man kam schnell auf eine unkomplizierte, distanziert-herzliche Art ins Gespräch mit ihm, das kolossal erleichtert wurde durch die Ironie, mit der er sich selber, aber auch anderen gegenübertrat. Diese Ironie war nie herabsetzend oder sarkastisch, eben weil er sich auch gerne selbst auf die Schippe nahm. Nimm dich nicht so wichtig, strahlte er aus, wir haben alle die Weisheit nicht mit dem Löffel gefressen und müssen auch nicht so tun als ob.
Das passte zum damaligen Geist der Zeit, die geprägt war von der kurzen Aufbruchzeit des Gorbatschowismus mit ihrer Aufforderung zum «Neuen Denken». Und es passte zur Vereinigten Sozialistischen Partei (VSP), die sich die Überwindung politischer Borniertheit zum Ziel gesetzt hatte.
Helmut hatte nicht das Bedürfnis, sich in den Vordergrund zu schieben, das hatte er nicht nötig. Das Kommunizieren mit anderen fiel ihm leicht, er war gesellig, darüber hinaus überaus belesen, neugierig und weltoffen. Als Auslandsdeutscher, der in Brasilien aufgewachsen war, hatte er eine erfrischende Distanz zur bundesrepublikanischen Wirklichkeit – auch der linken. Wenn er etwas seine Heimat genannt hätte, so wäre es wahrscheinlich Brasilien gewesen, aber seine häufigen Reisen führten ihn auch nach Asien und Afrika.
So war er der geborene Internationalist, natürlich mit den dazugehörigen Sprachkenntnissen – wenn man einmal ein paar gesammelt hat, fällt der Rest auch nicht mehr schwer. Die Mobilisierung gegen die Jahrestagung von IWF und Weltbank 1988 in München war die Kampagne, in der die beiden ursprünglichen Bestandteile der VSP am besten und erfolgreichsten zusammengearbeitet haben. Das war nicht zuletzt Helmuts Verdienst. Er kannte sich in den internationalen Verästelungen der radikalen Linken, der Gewerkschaften, der sozialen Bewegungen bestens aus und hatte niemandem gegenüber Berührungsängste.
Die VSP war für ihn, wie so vieles, eine Durchgangsstation. Er war stets auf der Suche, aber er hatte auch seinen eigenen Kompass. Er hat die SoZ mit aus der Taufe gehoben. Als diese im Jahr 2011 ihr 25jähriges Bestehen feierte, luden wir ihn zur Festrede ein. Er willigte ein, obwohl er sich von dem Projekt schon lange losgesagt hatte und bot kritische, auch selbstkritische, Nachdenklichkeit über linke Publizistik. Die SoZ war nicht mehr seins, aber die Solidarität mit den kleinen linken Ansätzen, so disparat sie auch waren, die hat ihn nie verlassen.
Von seiner Sorte gab und gibt es wenige, zu wenige.

Eine Sammlung der Nachrufe findet sich auf www.labournet.de/internationales/rip-helmut-weiss


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