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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Impfen in Köln-Chorweiler

Haben sie jetzt plözlich die Armen entdeckt?
von Mirijam Günter*

Am 4.Mai schaffte es Köln-Chorweiler, der Stadtteil der Armen und Abgehängten, in die Nachrichten des WDR. Dort hatte die OB Henriette Reker eine mobile Impfstation aufstellen lassen. Nach drei Tagen wurde diese wieder abgeräumt –

angeblich fehlten die Impfstoffe, nachdem zuvor kritisiert worden war, diese Leute wollten sich gar nicht impfen lassen. Der nachfolgende Kommentar wurde vor dem 7.Mai geschrieben, d.?Red.

Jetzt nennen sie die Gegenden, aus denen ich mich rausgekämpft habe, vulnerable Sozialräume (als wenn das einer der Betroffenen verstehen würde, geschweige denn, sich etwas an den katastrophalen Wohnverhältnissen ändern würde), vorher waren wir der soziale Brennpunkt. Wir wussten natürlich, dass wir bei allen nur der Asi-Stadtteil waren. Wobei ich mich frage, woher dieser Ausdruck «sozialer Brennpunkt» kommt. Gebrannt hat es selten bei uns, manchmal hat was geknackst, wenn Knochen bei Schlägereien brachen. Die Polizei kam nie. Der Presse waren wir keine Zeile wert, außer es hat so richtig gescheppert.
Jetzt zu Coronaimpfzeiten konnte ich noch mal nachlesen, woher ich denn komme. Da wo die Bildungsfernen wohnen, die keine Zeitung lesen (habe ich immer getan), ich wohnte da, wo die Menschen jetzt das Studium der RKI-Berichte verschmähen (als wenn die Reichen sie studieren würden!). Ich komme von da, wo laut der hiesigen Berichterstattung keine ausreichenden Deutschkenntnisse vorhanden sind (wir haben uns alle immer auf Deutsch unterhalten, es war der kleinste gemeinsame Nenner). Ich komme von da, wo laut einer Zeitung die Packer, Kassiererinnen und Fahrer wohnen. Wenn man denn das Glück hat, eine solche Arbeit zu ergattern, denn was anderes war und ist für uns nicht vorgesehen.
Hier wird jetzt geimpft, weil die Inzidenzwerte in diesen meinen Herkunftsgegenden so hoch sind. Vor den Häusern, die nicht alle hoch sind, tummeln sich Journalisten, die mittags berichten, dass die Leute nicht so gerne mit ihnen reden würden. Vielleicht kann mal jemand den Journalisten erzählen, was denn die genannten Berufsgruppen so für Arbeitszeiten haben. Diese abgelegenen vergessenen Stadtteile bekommen gerade eine mediale Aufmerksamkeit, die man sich seit Jahrzehnten wünscht.
In keinem Bericht konnte ich lesen, warum nicht nur diese ehrenwerten Berufsgruppen, die unser System am Leben halten, so leben müssen. Nirgendwo habe ich die Forderung gelesen, dass eine Kassiererin nach Feierabend selbstverständlich noch ihre Freundin sehen darf, unabhängig der geltenden Ausgangssperre.
Nein, sie sollen das System am Laufen halten. Und damit sie da, wo sie arbeiten gehen (oft in reicheren Vierteln), niemanden anstecken, werden sie jetzt geimpft. «Zur Gefahrenabwehr», wie ich einer Zeitung entnehmen durfte. Nicht, weil man sich als System schämt, Menschen so hausen zu lassen.
Das System ist sozusagen einen Schritt weiter gegangen: Wurde in der Pandemie bislang (nur) jeder dem Nächsten zu einer gefährlichen Viruslast, vor der man sich in acht zu nehmen hatte (Abstand halten!), sind jetzt die Abgehängten als die noch gefährlicheren Krankheitsmacher identifiziert. Abgehängt werden sie bleiben, sollen sie bleiben. Nur gefährlich sollen sie nicht sein. Das reiche und meist weiße Bildungsbürgertum will sich vor ihnen schützen, während es die Ausgangssperre locker im eigenen Garten absitzt. Deshalb die Impfe unter den Armen.
Oder lassen wir doch Frau Reker (Kölns OB) zu Wort kommen: «Es ist gut, wenn Menschen in sozialen Brennpunkten bevorzugt geimpft werden. Die können uns dann nicht mehr anstecken.»
Spätestens wenn die Pandemie vorbei ist, sind die sozialen Brennpunkte auch wieder aus den Medien raus. Ach nein, sie sind sogar jetzt schon wieder raus, es war zu wenig Impfstoff da … wollen wir doch nicht zu viel medialen Aufwand treiben mit denen … Bis zur nächsten Pandemie, die ganz sicher kommen wird.
Noch verirren sich einige Journalisten in die vulnerablen Sozialräume. Einem fällt dabei aus einem oberen Hochhausetagenfenster ein Müllbeutel vor die Füße. Endlich mal was Krasses erlebt, bei den Asis da draußen. Schade, dass im eigenen Bionaden-Hipsterstadtteil alle Kneipen zu sind. Da hätte man mal was zu erzählen gehabt.

*Mirijam Günter hat die Hauptschule besucht, sich dann aber lieber dem Schreiben zugewandt. Sie bietet Literaturwerkstätten dort an, wo benachteiligte Menschen das Gefühl haben, ein nicht beachtetes Dasein zu fristen.


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