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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Wer waren die Nationalsozialisten?

Ulrich Herbert beschreibt Aufstieg und den kurzfristigen Sieg der Nazis und wie sie sich nach dem Krieg «in Luft auflösten»
von Paul B. Kleiser

Ulrich Herbert: Wer waren die Nationalsozialisten? München: C.H.Beck, 2021. 303 S., 22 Euro

Wenige Forschungsfelder haben eine solch breite, kaum überschaubare Fülle an Publikationen hervorgebracht wie die NS-Bewegung und das Dritte Reich. Und natürlich wurden dazu – je nach Interesse und politischem Standpunkt – sehr unterschiedliche Positionen entwickelt. Daher ist es höchst bemerkenswert, wie es der Freiburger Neuhistoriker Ulrich Herbert immer wieder schafft, konzise Zusammenfassungen der Forschungsergebnisse zu publizieren – und das auch noch in gut lesbarer Form. Das gilt für sein magnum opus, Die Geschichte Deutschlands im 20.Jahrhundert, aber auch für das gerade erschienene Wer waren die Nationalsozialisten?. Letzteres könnte man durchaus auch als Lehrbuch empfehlen.
Die Nationalsozialisten hatten als Hypernationalisten drei grundlegende Ziele:

  1. Die Zerschlagung der Arbeiterbewegung (das erste KZ Dachau wurde für deren Führungen und Aktivisten errichtet);
  2. die Vernichtung der Juden als angebliche Urheber allen (modernen) Übels;
  3. die Errungenschaften der Französischen Revolution rückgängig zu machen, denn Nazis gehen ja von der grundlegenden Ungleichheit der Menschen und einer Hierarchie der Völker aus.
    Ihr Antisemitismus ergab sich aus einer Mischung aus Sozialneid – die deutschen Juden waren vor dem Weltkrieg wahrscheinlich die erfolgreichste Minderheit in Europa – und Verachtung: die «Ostjuden» wurden als kulturlos und schmutzig angesehen.
    In elf Beiträgen, die vom Kaiserreich bis in die Adenauerzeit reichen, untersucht Herbert den Aufstieg der Neuen Rechten; die Lehren der Nazis aus dem Ersten Weltkrieg; die Entstehung und Entwicklung des Antisemitismus und den Weg in den Holocaust, der nur unter Kriegsbedingungen möglich war; die – häufig widersprüchliche – Rolle der Professoren im Dritten Reich; die «Nachklänge der Volksgemeinschaft» und die Rolle der NS-Eliten in der jungen Bundesrepublik. (Hans Globke war bekanntlich Adenau­ers rechte Hand!)
    Herbert vergleicht auch die nationalsozialistische mit der stalinistischen Herrschaft und kommt zum Schluss, dass die Nazis im wesentlichen eine Politik der Eroberung, Ausbeutung und Plünderung anderer Länder (im Falle der Juden der Vernichtung) betrieben haben, die vielen Deutschen sogar zugute kam, wohingegen der Stalinismus auf dem Rücken der Bauern ein radikales Industrialisierungsprojekt durchzog, dessen – wirkliche oder vermeintliche – Gegner, etwa die «Kulaken», mit brutalen Repressionsmaßnahmen überzogen wurden.

Wie Nazis sich in Luft auflösen
Insbesondere im deutschen Mittelstand und im Adel gab es, spätestens nach der Reichsgründung mit «Blut und Eisen», besondere Affinitäten zu autoritärem, antiliberalem, militaristischem und nationalistischem Gedankengut. Da der Weltkrieg in anderen Ländern ausgekämpft worden war, waren die nationalen Energien im Lande nicht erschöpft.
Es gab zwischen November 1918 und Mai 1919 nach dem Waffenstillstand das «Traumland der Waffenstillstandsperiode»: Als die Friedensbedingungen der Alliierten mit der Forderung nach Abtrennung der «Reichslande» Elsass-Lothringen und der Region Posen sowie dem Verlust sämtlicher Kolonien übergeben wurden, schrie man, das sei «das Todesurteil für das deutsche Wirtschafts- und Volksleben». Der Kampf gegen «Versailles» wurde zum Schlachtruf sämtlicher rechter Strömungen und Gruppierungen. Es entstand die Dolchstoßlegende, wonach die «Heimatfront» dem unbesiegten Heer in den Rücken gefallen sei.
Bei der Aufarbeitung der Naziverbrechen in der jungen BRD der 50er Jahre wurden die «Schreibtischtäter» nicht als Mörder angesehen. Staatsanwalt Fritz Bauer gab deshalb dem israelischen Geheimdienst Mossad einen Tipp, wo Eichmann aufzufinden sei. Der Prozess gegen ihn begann am 11.April 1961 in Jerusalem; am 1.Juni 1962 wurde er hingerichtet. Von Klaus Staeck gibt es eine schöne Postkarte, wonach ein gewisser A.H. aus Braunau unter die Rubrik «Mitläufer» eingeordnet worden sei.
Adenauer, der im Unterschied zu anderen Mitgliedern des katholischen Zentrums nicht mit den Nazis kooperiert hatte, behauptete 1952 vor dem Bundestag, von den in Nürnberg Verurteilten seien die meisten «völlig unschuldig» gewesen. Man müsse aber zugeben, dass unter ihnen auch «ein kleiner Prozentsatz von absolut asozialen Elementen» existiere, der «wirkliche Verbrechen» begangen habe. Die große Masse seien aber «verführte Idealisten» (sic) gewesen, die nun für sich das Recht auf «politischen Irrtum» reklamierten.
Kurz nach dem Krieg, so berichteten Amerikaner und Engländer übereinstimmend, konnte man in Deutschland keine Nazis mehr finden, es war, als hätten sie sich in Luft aufgelöst.


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