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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 07/2021 |

Georg Lukács (1885–1971): Marxismus als Philosophie der Praxis

Vom romantischen Antikapitalisten zum unbequemen Kommunisten: ein linker Intellektueller im 20.Jahrhundert
von John Will

Vor 50 Jahren, am 4.Juli 1971, starb der ­ungarische Philosoph Georg Lukács. In eine assimilierte jüdische Familie des Groß­bürgertums im damaligen österreichisch-ungarischen Budapest geboren, gilt Lukács bis heute als einer, wenn nicht sogar als der wichtigste marxistische Theoretiker des 20.Jahrhunderts.

Als junger Literaturwissenschaftler vertrat Lukács vor dem Ersten Weltkrieg mit Nachdruck einen «romantischen Antikapitalismus», der sich aus der Auseinandersetzung mit Vertretern der im weitesten Sinne romantischen Kunst und – eher untergründig – aus den messianischen Fragmenten des Juden- und Christentums speiste. Diese komplexe und utopisch aufgeladene Weltvorstellung kam nicht von ungefähr: Lukács war in Heidelberg während seines Studiums Teil eines intellektuellen Milieus um den Soziologen Max Weber; insbesondere eine Jugendfreundschaft mit dem marxistischen Philosophen Ernst Bloch erwies sich beiderseitig als äußerst fruchtbar.
Die Sogwirkung der «zehn Tage, die die Welt erschütterten» erfasste auch Lukács. Von der Oktoberrevolution 1917 tief beeindruckt, fand der radikale Intellektuelle fortan im Proletariat das die gesellschaftlichen Verhältnisse überwindende Subjekt. 1918 verließ Lukács Deutschland, ging in das gärende Ungarn zurück und schloss sich, zunächst ideengeschichtlich dem Anarchosyndikalisten Erwin Szabó nahestehend, der Kommunistischen Partei an. In der kurzlebigen Räterepublik ­unter Béla Kun übernahm Lukács den Posten des Volkskommissars für Erziehung. Nach der Niederschlagung der Räte sah er sich zur Flucht gezwungen.
In Wien und Berlin ansässig, begann für ­Lukács nun eine Phase der tiefgreifenden ­Reflexion, die eng mit den Hoffnungen auf die weltweiten, revolutionären Erhebungen verwoben waren. In einer Reihe von Aufsätzen, die 1923 im Malik-Verlag unter dem Titel ­Geschichte und Klassenbewusstsein erschienen, hob sich sein romantischer Antikapitalismus in den Marxismus auf. Auf dem linken Flügel der kommunistischen Bewegung stehend, stellte sich Lukács explizit gegen reformistische Interpretationen von Marx, wie sie in der II.Internationale vorherrschten.

Geschichte und Klassenbewusstsein
Lukács konzipierte den Marxismus als Lehre vom gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang und entwickelte ihn damit zu einer revolutionären Philosophie der Praxis.
Auf der Basis der Dialektik Hegels arbeitet er die Kategorie der Verdinglichung heraus, die bereits bei Marx eine wichtige Rolle spielte, in Geschichte und Klassenbewusstsein aber zentrale Bedeutung gewinnt. Nach Lukács ­bedingt der Warencharakter in der kapitalistischen Produktionsweise eine spezifische, historische Form von Weltauffassung, die zu ­einer Ideologie führt – einem notwendig «falschen» Bewusstsein, das sich als gesellschaftlich herrschend, das heißt bürgerlich, darstellt. Im Widerspruch dazu steht das Proletariat, das zunächst nur als ein entfremdetes Produkt der bürgerlichen Gesellschaft, jedoch durch seine bestimmte Stellung im Produktionsprozess über die sozialen und ideologischen Schranken hinausgehend sich selbst erkennt und sich in der Praxis, in der bewussten Tat, befreit.
Lukács hat einen Kerngehalt des kritischen, sich dialektisch bedingenden Denkens und Handelns im Marxismus auf seine theoretischen und methodologischen Fundamente zurückgeführt, um einem vulgären Verständnis des Basis-Überbau-Modells die Problematik der Verdinglichung entgegenzustellen und ihr einen theoretischen Rahmen zu verleihen.
Dennoch verharrt Geschichte und Klassenbewusstsein nicht nur bei der «Wiederentdeckung» von Marx; organisationstheoretische Überlegungen nehmen einen weiteren, her­ausragenden Platz ein. Besonders Rosa Luxemburg, deren Werke er wohl bereits 1918 rezipierte, ist ein wichtiger Bezugspunkt. An seiner Auseinandersetzung mit der Mitgründerin der KPD lässt sich die politische Entwicklung nicht nur von Lukács allein ablesen – sie spiegelt auch die Veränderungen in der kommunistischen Weltbewegung in der Frage der Partei und ihrem Verhältnis zur Klasse wider.

Das Verhältnis zu Rosa Luxemburg
In seinem Anfang 1921 entstandenen Aufsatz «Rosa Luxemburg als Marxist» würdigt er, dass sie in der Diskussion um die revolutionäre Aufgabe von Organisation und kämpfenden Massen den Standpunkt einer dialektischen Totalität eingenommen hätte. Nur ein Jahr später wandelt sich Lukács Auffassung dramatisch. Rosa Luxemburg gilt ihm nun vor dem Hintergrund der gescheiterten Märzaktion 1921 als Vertreterin eines vermeintlichen Spontaneismus. Die Wende markiert sein Bekenntnis zur Leninschen Parteitheorie, die er im scharfen Gegensatz zu Luxemburg formuliert. Im Lichte der sich vage abzeichnenden Krise der Weltrevolution erscheinen ihm Luxemburgs Schriften als deterministisch, ohne dass er sie denunziatorisch verbannen möchte.
Als sich die Kommunistischen Partei in Sowjetrussland nach dem verheerenden Bürgerkrieg gefestigt hatte, identifizierte sich Lukács mit dem Leninismus. Zuweilen lief er dabei Gefahr, in einen Substitutionismus abzurutschen und die revolutionäre Partei tendenziell über die Arbeiterklasse zu stellen. Doch nimmt dies nichts von der fundamentalen Bedeutung von Geschichte und Klassenbewusstsein.

Das Verhältnis zum Stalinismus
Infolge der Stalinisierung der Kommunistischen Internationale sah sich Lukács gezwungen, seine Darlegungen zu entschärfen. Seine marxistischen Frühschriften hatten maßgeblichen Einfluss auf linke Intellektuelle wie etwa die Vertreter des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main, für dessen theoretische Grundsteinlegung Lukács über die Marxistische Arbeitswoche durchaus verantwortlich zeichnete. Auch noch in den 60er Jahren wurden sie von den sich radikalisierenden Jugendbewegungen begeistert aufgenommen und spielten in der theoretischen Diskussion der Neuen Linken eine wichtige Rolle.
Der Verfasser aber distanzierte sich von seinen Darlegungen. In seinem Vorwort von 1967 zu Geschichte und Klassenbewusstsein bemängelte Lukács die messianische Stoßrichtung des Buches.
Mit dem Ende der Hoffnung auf eine weltrevolutionäre Umgestaltung nach dem gescheiterten Aufstandsversuch in Deutschland 1923 und der darauffolgenden bürokratischen Erstarrung der Komintern hatte er sich der Fraktion von Stalin angeschlossen, ohne alle Positionen seiner Anhänger zu teilen. Unter dem Pseudonym «Blum» hatte er 1928 Thesen zur «demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern» am Beispiel Ungarns veröffentlicht – es war die Zeit als die kommunistischen Parteien eine ultralinke Linie gegenüber der Sozialdemokratie vertraten. Mit ihnen hatte er sich herbe Kritik eingehandelt und wurde angesichts eines drohenden Parteiauschlusses zur Selbstkritik gezwungen – eine Situation der taktischen Kapitulation, in der er sich in den 30er Jahren während der Moskauer Prozesse immer wieder befinden sollte.
In Moskau, wo er sich seit 1930 aufhielt, entkam er nur knapp den Säuberungswellen, die ausländische Kommunisten besonders hart traf. Auch wenn er ab 1929 der aktiven Politik den Rücken kehrte und sich der Literaturwissenschaft widmete, stellen die Blum-Thesen retrospektiv eine Art inneres Exil dar. Sie näherten sich der Volksfrontstrategie an, wie sie die Komintern ab 1934/35 propagierte, stellten aber auch einen Rückgriff auf die Formel der «demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft» dar, wie sie die Bolschewiki bis zum April 1917 vertraten.

Ungarn
Auf das Feld der Ästhetik gehoben, auf dem sich Lukács im literaturwissenschaftlichen Betrieb nunmehr hauptsächlich bewegte, bedeutete dies die Verteidigung des rationalistischen, bürgerlichen Realismus in der Expressionismusdebatte – gegen Bertolt Brecht, aber auch gegen seinen alten Freund Ernst Bloch.
Nach der Befreiung Ungarns durch die Rote Armee kehrte Lukács nach Budapest zurück. Am Ungarnaufstand nach dem 20.Parteitag der KPdSU 1956 nahm er tatkräftig teil. Als Kulturminister unter dem Stalingegner Imre Nagy sprach sich auch Lukács für eine antistalinistische Politik aus, verurteilte insbesondere die «sektiererischen» Züge des Stalinismus. Mit der Niederschlagung des Volksaufstands durch die sowjetische Armee wurde er zusammen mit Nagy verhaftet und verschleppt.
Anders als Nagy, der zum Tode verurteilt und zwei Jahre später von den wieder eingesetzten moskauhörigen Bürokraten des Parteiapparats hingerichtet wurde, war Lukács ein anderes Schicksal beschieden. Politisch und akademisch an den Rand gedrängt, widerrief er diesmal nicht seine Kritik. In seiner letzten Schaffensperiode bildete sich um ihn ein Kreis von jüngeren Intellektuellen wie Ágnes Heller, Ferenc Fehér oder György Márkus, denen es bis zu ihrer Ausreise 1977 gelang, inmitten der «Volksdemokratien» einen kritischen Marxismus zu entwickeln und die dabei immer wieder auf Lukács zugriffen.
Auch heute muss das Erbe von Lukács immer wieder verteidigt bzw. neu erkämpft werden. Nicht nur in der theoretischen Diskussion – nur eine kleine wissenschaftliche Gemeinde beschäftigt sich heute mit dem ungarischen Theoretiker, seine Werke werden im deutschsprachigen Raum von dem kleinen Aisthesis-Verlag veröffentlicht. Auch im wortwörtlichen Sinne: Das Lukács-Archiv in Budapest wurde unter der Regierung von Viktor Orbán trotz internationaler Proteste geschlossen.


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