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Ohne Sand keine Häuser, keine Straßen

Der Bauboom in den Städten stößt bald an Grenzen – wenn nämlich der Sand für den Beton ausgeht
von Gerhard Klas

Vince Beiser: Sand. Wie uns eine wertvolle Ressour­ce durch die Finger rinnt. München: Oekom, 2021. 320 S., 26 Euro

Sand, so sollte man meinen, ist eine unendliche Ressource. Inwzischen ist er aber – dank Verstädterung und Autowahn – Mangelware. Der vielfach ausgezeichnete amerikanisch-kanadische Journalist Vince Beiser, der für den Guardian, die New York Times und die Los Angeles Times schreibt, hat eine Produkt- und Sozialgeschichte des Sandes aufgeschrieben.
Sand ist heute nach Wasser und Luft die wichtigste Ressource. Er ist das Fundament unserer modernen Zivilisation, so wichtig wie das Mehl fürs Brot, sagt Vince Beiser, weder Städtebau noch Hightech sind ohne Sand denkbar, er findet sich in Beton, Glas, Asphalt und Computerchips.
Der Abbau führt zum Verschwinden vieler Meeresstrände – vor allem in Ländern wie Indonesien, Indien und Kambodscha, aber auch in den USA. Denn nicht jeder Sand ist für jede Art von Produkt geeignet. Der im Überfluss vorhandene Wüstensand ist nicht brauchbar, bietet kaum Haftungsfläche – anders als die Fluss- und Küstensande. Deswegen importiert Dubai den Sand für seine Wolkenkratzer häufig aus Australien. Und auch in Deutschland ist der Bedarf riesig: In einem Einfamilienhaus aus Beton stecken etwa 200 Tonnen Sand. Die Umweltschäden sind enorm, der Abbau von Fluss- und Meeressanden trägt in vielen Regionen entscheidend zur Ufer- und Küstenerosion bei, die ohnehin durch Überschwemmungen und steigenden Meeresspiegel beschleunigt wird.
Beiser prognostiziert einen akuten Sandmangel schon in wenigen Jahrzehnten. Der wichtigste Treiber sei der Städtebau: Jedes Jahr wird New York achtmal neu errichtet. Die weltweite Stadtbevölkerung wächst jährlich um 65 Millionen. Leider differenziert er an dieser Stelle nicht weiter, denn es macht einen gewaltigen Unterschied, ob die neuen Städter mehrheitlich in Neubauten wohnen oder in den Wellblechhütten der Slums. Wie auch in anderen Bereichen ist der ökologische Fußabdruck der Armen hier deutlich niedriger als der einer Mittelstandsfamilie.
Treiber ist auch der Straßenbau: 1904 gab es in den USA nur 227 Kilometer befestigte Straßen, heute ist das Verkehrssystem der USA völlig am motorisierten Individualverkehr ausgerichtet, es gibt allein mehr als 250000 Kilometer Highways, hinzu kommen die State Routes und Interstate Highways, die städtischen Straßen und die einfachen Landstraßen. Die damit einhergehende Versiegelung der Flächen ist für Beiser allerdings kein Thema – obwohl sie eine weitere ökologische Nebenwirkung darstellt.
Auch die globalen Verwertungsketten kommen zur Sprache: Bauunternehmer und Betonhersteller sind häufig global agierende Konzerne. Viele Abbauunternehmen sind eher klein und regional tätig, Bestechung von Beamten gehört zum Geschäft, Umweltschützer werden mit Gewalt bekämpft, Enthüllungsjournalisten bezahlen mit ihrem Leben. Absoluter Spitzenreiter im illegalen Sandhandel ist Indien: Die Sandmafia macht dort jährlich Umsätze von 2,3 Milliarden US-Dollar. Allein dort sind in den vergangenen Jahren mehrere Journalisten ums Leben gekommen, die über die Sandmafia recherchiert haben. Auch Beiser war bei seinen Recherchen bedrohlichen Situationen ausgesetzt.
Es geht um viel Geld: Die höchsten Preise erzielen heute hochwertige, reine Quarzsande, die für Computer- und Handychips gebraucht werden – bis zu 10000 Dollar pro Tonne, ein Preis, der deutlich über dem des Edelmetalls Kupfer liegt. Günstiger zu haben sind andere Bestandteile von Beton: zermahlener Stein, Muscheln, Korallen und Quarzsande von weniger hoher Qualität. Allerdings steigen auch hier wegen der Nachfrage kontinuierlich die Preise.
In vielen EU-Ländern ist die Förderung von Flusssand mittlerweile verboten, auch in Deutschland. Das hat zu einer Verlagerung des Abbaus in Länder des globalen Südens geführt, in denen der Markt noch nicht reguliert ist und gesetzliche Vorschriften leicht durch Bestechung und Korruption unterlaufen werden können. Beisers Buch ist ein weiterer Beleg dafür, dass unendliches Wachstum, Grundlage unseres Wirtschaftssystems, eine verheerende Illusion ist. Ein Standardwerk für alle, die sich mit der Endlichkeit der Ressourcen auf dieser Welt beschäftigen.


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