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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 08/2021 |

Rückkehr der Taliban: Das Ende der Besatzung

Über die erneute Machteroberung der Taliban
Nancy Lindisfarne und Jonathan Neale


Was bedeutet der Sieg der Taliban in Afghanistan? Warum konnte Kabul so schnell erobert
werden? Was passiert jetzt mit den afghanischen Frauen und warum unterstützen so
viele Afghan:innen die Taliban? – Der Artikel stammt von marx21.de, vom 19.August 2021. Mit freundlicher Genehmigung teilen wir ihn hier.

Erstens: Die Taliban haben die Vereinigten Staaten besiegt.
Zweitens: Die Taliban haben gewonnen, weil sie mehr Unterstützung in der Bevölkerung haben.
Drittens: Das liegt nicht daran, dass die meisten Menschen in Afghanistan die Taliban lieben. Es liegt
daran, dass die amerikanische Besatzung unerträglich grausam und korrupt war.
Viertens: Der Krieg gegen den Terror ist auch in den Vereinigten Staaten politisch besiegt worden.
Die Mehrheit der Amerikaner:innen ist jetzt für den Abzug aus Afghanistan und gegen weitere Kriege
im Ausland.
Fünftens: Dies ist ein Wendepunkt in der Weltgeschichte. Die größte Militärmacht der Welt wurde
von den Menschen in einem kleinen, bitterarmen Land besiegt. Dies wird die Macht des amerikanischen
Imperiums überall auf der Welt schwächen.
Sechstens: Die Rhetorik der Rettung der afghanischen Frauen wurde weithin benutzt, um die Besatzung
zu rechtfertigen, und viele Feministinnen in Afghanistan haben sich auf die Seite der Besatzer
gestellt. Das Ergebnis ist eine Tragödie für den Feminismus.
In diesem Artikel werden diese Punkte erläutert. Da es sich um einen kurzen Artikel handelt, behaupten
wir mehr, als wir beweisen. Aber wir haben viel über Geschlecht, Politik und Krieg in Afghanistan
geschrieben, seit wir dort vor fast fünfzig Jahren als Anthropologen Feldforschung1 betrieben haben.
Am Ende dieses Artikels findest du Links zu vielen dieser Arbeiten, so dass unsere Argumente im
Detail nachgelesen werden können. [1]
1 https://www.marx21.de/22-07-08-marx21-gespraech-2/

Ein militärischer Sieg in Afghanistan
Dies ist ein militärischer und politischer Sieg für die Taliban. Es ist ein militärischer Sieg, weil die
Taliban den Krieg gewonnen haben. Seit mindestens zwei Jahren verlieren die afghanischen Regierungstruppen
– die nationale Armee und die Polizei – jeden Monat mehr Tote und Verwundete, als sie
rekrutieren. Diese Kräfte schrumpfen also. In den letzten zehn Jahren haben die Taliban die Kontrolle
über immer mehr Dörfer und einige Städte übernommen.
In den letzten zwölf Tagen haben sie alle Städte eingenommen. Das war kein blitzartiger Vorstoß
durch die Städte und dann weiter nach Kabul. Die Leute, die die Städte eingenommen haben, waren
schon lange in der Nähe, in den Dörfern, und haben auf diesen Moment gewartet. Entscheidend ist,
dass die Taliban im gesamten Norden ständig Zulauf von neuen Rekruten aus Tadschikistan, Usbekistans
und arabischen Ländern bekommen haben.

Entscheiden zwischen Taliban und Besatzern
Dies ist auch ein politischer Sieg für die Taliban. Kein Guerillaaufstand der Welt kann solche Siege
ohne die Unterstützung der Bevölkerung erringen. Aber vielleicht ist Unterstützung nicht das richtige
Wort. Vielmehr mussten sich die Menschen in Afghanistan für eine Seite entscheiden. Und mehr Afghan:
innen haben sich auf die Seite der Taliban gestellt als auf die der amerikanischen Besatzer:innen.
Nicht alle, aber mehr von ihnen.
Auch haben sich mehr Afghan:innen auf die Seite der Taliban gestellt als auf die Seite der afghanischen
Regierung von Präsident Ashraf Ghani. Wiederum nicht alle, aber mehr als Ghani unterstützen.
Und mehr Afghan:innen haben sich auf die Seite der Taliban gestellt als auf die Seite der alten Kriegs-
herren. Die Niederlage von Dostum in Sheberghan und von Ismail Khan in Herat ist ein schlagender
Beweis dafür.

Krieg und Bürgerkrieg zugleich
Die Taliban von 2001 waren überwiegend Paschtunen, und ihre Politik war paschtunischchauvinistisch.
Im Jahr 2021 haben Taliban-Kämpfer vieler Ethnien die Macht in usbekisch und tadschikisch
dominierten Gebieten übernommen. Eine wichtige Ausnahme bilden die von Hazara dominierten
Gebiete in den zentralen Bergen. Wir werden auf diese Ausnahme zurückkommen.
Natürlich haben sich nicht alle Afghan:innen auf die Seite der Taliban geschlagen. Dies ist ein Krieg
gegen ausländische Invasor:innen, aber es ist auch ein Bürgerkrieg. Viele haben für die US-Armee, die
Regierung oder die Warlords gekämpft. Viele andere haben mit beiden Seiten Kompromisse geschlossen,
um zu überleben. Und viele andere waren sich nicht sicher, für welche Seite sie sich entscheiden
sollten, und warten mit einer unterschiedlichen Mischung aus Angst und Hoffnung darauf, was passieren
wird.
Da es sich um eine militärische Niederlage für die amerikanische Macht handelt, sind Aufrufe an Biden,
dies oder jenes zu tun, einfach nur dumm. Wenn die amerikanischen Truppen in Afghanistan
geblieben wären, hätten sie sich ergeben oder sterben müssen. Das wäre eine noch schlimmere Demütigung
für die amerikanische Macht als das aktuelle Debakel. Biden hatte, wie schon Trump vor ihm,
keine andere Wahl.

Warum Afghan:innen die Taliban unterstützen
Die Tatsache, dass sich mehr Menschen für die Taliban entschieden haben, bedeutet nicht, dass die
meisten Afghan:innen unbedingt die Taliban unterstützen. Es bedeutet, dass sie sich angesichts der
begrenzten Wahlmöglichkeiten für die Taliban entschieden haben. Und warum?
Die kurze Antwort lautet, dass die Taliban die einzige wichtige politische Organisation sind, die gegen
die amerikanische Besatzung kämpft, und dass die meisten Afghan:innen diese Besatzung inzwischen
hassen. Das war nicht immer so. Die USA schickten erstmals einen Monat nach dem 11. September
2001 Bombenflugzeuge und einige Truppen nach Afghanistan. Die USA wurden von den Kräften der
Nordallianz unterstützt, einer Koalition nicht-paschtunischer Kriegsherren im Norden des Landes.
Doch die Soldat:innen und Anführer der Allianz waren nicht wirklich bereit, an der Seite der amerikanischen
Truppen zu kämpfen. Angesichts der langen Geschichte des afghanischen Widerstands gegen
ausländische Invasionen, zuletzt gegen die russische Besatzung von 1980 bis 1987, wäre das einfach
zu beschämend.
Auf der anderen Seite war aber auch fast niemand bereit, für die Verteidigung der damals herrschenden
Taliban-Regierung zu kämpfen. Die Truppen der Nordallianz und die Taliban standen sich in einem
Scheinkrieg gegenüber. Dann begannen die Machthaber in den USA und Großbritannien gemeinsam
mit ihre ausländischen Verbündeten Afghanistan zu bombardieren.

Zwei Jahre Ruhe in Afghanistan
Das pakistanische Militär und die Geheimdienste handelten ein Ende der Pattsituation aus. Die Vereinigten
Staaten durften die Macht in Kabul übernehmen und einen Präsidenten ihrer Wahl einsetzen. Im
Gegenzug durften die Taliban-Führer und ihre Anhänger nach Hause in ihre Dörfer oder ins Exil jenseits
der Grenze in Pakistan gehen. Diese Einigung wurde damals in den USA und Europa aus offensichtlichen
Gründen nicht groß bekannt gemacht, aber wir haben darüber berichtet, und sie war in
Afghanistan weithin bekannt. Der beste Beweis für diese Verhandlungslösung ist das, was danach
geschah.
Zwei Jahre lang gab es keinen Widerstand gegen die amerikanische Besatzung. Keiner, in keinem
Dorf. Viele Tausende ehemaliger Taliban blieben in diesen Dörfern. Dies ist eine außergewöhnliche
Tatsache. Der Kontrast wird besonders deutlich im Vergleich mit dem Irak, wo es vom ersten Tag der
Besetzung 2003 an weit verbreiteten Widerstand gab – sowohl in den Städten als auch auf dem Land.
Ebenso bei der russische Invasion in Afghanistan im Jahr 1979, die auf den gleichen Widerstand stieß.

Die Menschen hofften auf Frieden
Der Grund für das Ausbleiben des Widerstands war nicht nur, dass die Taliban nicht kämpften. Es lag
daran, dass die einfachen Menschen, selbst im Kernland der Taliban im Süden, zu hoffen wagten, dass
die amerikanische Besatzung Afghanistan Frieden bringen und die Wirtschaft entwickeln würde, um
die schreckliche Armut zu beenden. Der Frieden war entscheidend. Bis 2001 waren die Menschen in
Afghanistan dreiundzwanzig Jahre lang im Krieg gefangen gewesen, zunächst in einem Bürgerkrieg
zwischen Kommunist:innen und Islamist:innen, dann in einem Krieg zwischen Islamist:innen und
sowjetischen Invasor:innen, dann in einem Krieg zwischen islamistischen Kriegsherren und schließlich
in einem Krieg im Norden des Landes zwischen islamistischen Kriegsherren und den Taliban.
Dreiundzwanzig Jahre Krieg bedeuteten Tod, Verstümmelung, Exil und Flüchtlingslager, Armut, so
viele Arten von Leid und endlose Angst und Unruhe. Das vielleicht beste Buch darüber, wie sich das
anfühlte, ist »Love and War in Afghanistan« aus dem Jahre 2005 von Alex und Gulmamadova Klaits.
Die Menschen sehnten sich verzweifelt nach Frieden. Im Jahr 2001 hielten selbst Taliban-Anhänger: –
innen einen schlechten Frieden für besser als einen guten Krieg.

Wie der Krieg zurückkehrte
Außerdem waren die Vereinigten Staaten märchenhaft reich. Viele Afghan:innen glaubten, die Besetzung
könne zu einer Entwicklung führen, die sie aus der Armut befreien würde. Die Menschen in Afghanistan
warteten ab. Die USA lieferten Krieg, nicht Frieden. Das US-amerikanische und das britische
Militär besetzten Stützpunkte in den Dörfern und Kleinstädten des Taliban-Kernlandes, den
hauptsächlich von Paschtun:innen bewohnten Gebieten im Süden und Osten.
Diese Einheiten wurden nie über die informelle Einigung informiert, die zwischen der USAdministration
und den Taliban ausgehandelt worden war. Es konnte nicht offiziell verlautbart werden,
weil das die Regierung von Präsident Bush diskreditiert hätte. Also sahen es die US-Einheiten als
ihre Aufgabe an, die verbliebenen »Bösewichte«, die offensichtlich noch da waren, aufzuspüren.

Razzien und Folter in Afghanistan
In nächtliche Razzien brachen sie Türen auf, demütigten und verängstigten Familien und verschleppten
Männer, die gefoltert wurden, um Informationen über die anderen »Bösewichte« zu erhalten. Hier
und an anderen geheimen Orten auf der ganzen Welt entwickelten das amerikanische Militär und die
Geheimdienste neue Foltermethoden, die die Welt kurz darauf in Abu Ghraib, dem amerikanischen
Gefängnis im Irak, zu sehen bekam.
Einige der inhaftierten Männer waren Taliban, die nicht gekämpft hatten. Andere waren einfach Menschen,
die von lokalen Feinden, die ihr Land begehrten oder einen Groll hegten, an die Amerikaner
verraten wurden. Der amerikanische Soldat Johnny Rico beschreibt in seinen Memoiren »Blood
Makes the Grass Grow Green« von 2007, was dann geschah. Empörte Verwandte und Dorfbewohner
schossen in der Dunkelheit ein paar Mal auf US-Soldat:innen. Doch das amerikanische Militär trat
weitere Türen ein und folterte mehr Menschen. Die Dorfbewohner:innen feuerten noch mehr Schüsse
ab. Das US-Militär forderten Luftangriffe an, und ihre Bomben töteten eine Familie nach der anderen.

Ungleichheit und Korruption
Der Krieg kehrte in den Süden und Osten des Landes zurück. Ungleichheit und Korruption nahmen
zu. Die Afghanen hatten auf eine Entwicklung gehofft, die sowohl den Reichen als auch den Armen
zugute kommen würde. Es schien so offensichtlich und so einfach zu sein. Aber sie verstanden die
amerikanische Außenpolitik nicht. Und sie verstanden nicht, wie sehr sich die reichen 1 Prozent in den
Vereinigten Staaten der wachsenden Ungleichheit in ihrem eigenen Land verschrieben haben.
Es floss amerikanisches Geld nach Afghanistan. Aber es ging an die Leute in der neuen Regierung
unter Hamid Karsai. Es ging an die Leute, die mit der US-Administration und den Besatzungstruppen
anderer Nationen zusammenarbeiten. Und es ging an die Kriegsherren und ihre Gefolgsleute, die tief
in den internationalen Opium- und Heroinhandel verstrickt waren, der von der CIA und dem pakistanischen
Militär gefördert wurde. Es ging an die Leute, die das Glück hatten, luxuriöse, gut verteidigte
Häuser in Kabul zu besitzen, die sie an ausländische Mitarbeiter vermieten konnten. Es ging an die
Männer und Frauen, die in den vom Ausland finanzierten NGOs arbeiteten.

Taliban als Kontrast
Natürlich gab es in all diesen Gruppen Überschneidungen. Die Afghan:innen waren schon lange an
Korruption gewöhnt. Sie erwarteten sie und hassten sie zugleich. Doch dieses Mal war das Ausmaß
beispiellos. Und in den Augen der Mehrheit Bevölkerung – von niedrigen und mittleren Einkommen –
schien all der obszöne neue Reichtum, ganz gleich wie er erwirtschaftet wurde, Korruption zu sein. In
den letzten zehn Jahren haben die Taliban im ganzen Land zwei Dinge angeboten. Erstens, dass sie
nicht korrupt sind, da sie auch vor 2001 nicht korrupt im Amt waren. Sie sind die einzige politische
Kraft im Lande, auf die dies jemals zutraf.
Entscheidend ist, dass die Taliban in den von ihnen kontrollierten ländlichen Gebieten ein ehrliches
Justizsystem betrieben haben. Ihr Ruf ist so gut, dass sich viele Menschen, die in den Städten in Zivilprozesse
verwickelt sind, darauf geeinigt haben, dass beide Parteien sich an Taliban-Richter auf dem
Land wenden. Dies ermöglicht ihnen eine schnelle, billige und faire Rechtsprechung ohne hohe Bestechungsgelder.
Da das Urteil gerecht war, können beide Parteien damit leben. Für die Menschen in den
von den Taliban kontrollierten Gebieten war die faire Justiz auch ein Schutz vor Ungleichheit. Wenn
die Reichen die Richter bestechen können, können sie mit den Armen machen, was sie wollen.
Land war der entscheidende Punkt. Reiche und mächtige Männer, Warlords und Regierungsbeamte
konnten sich das Land von Kleinbauern aneignen, stehlen oder betrügen und die noch ärmeren Pächter:
innen unterdrücken. Aber die Taliban-Richter, das war allen klar, waren bereit, für die Armen zu
entscheiden. Der Hass auf Korruption, Ungleichheit und die Besatzung verschmolzen miteinander.

Die Taliban 20 Jahre später
2001, als die Taliban nach dem 11. September 2001 von der US-Armee gestürzt wurden, ist nun
zwanzig Jahre her. In zwanzig Jahren Krieg und Krise vollziehen sich enorme Veränderungen in politischen
Massenbewegungen. Die Taliban haben gelernt und sich verändert. Wie könnte es anders sein.
Viele Afghan:innen und viele ausländische Expert:innen haben sich dazu geäußert. Antonio Giustozzi
hat den nützlichen Begriff »Neo-Taliban«verwendet [2].
Dieser Wandel, wie er öffentlich dargestellt wird, hat mehrere Aspekte. Die Taliban haben erkannt,
dass der paschtunische Chauvinismus eine große Schwäche war. Sie betonen nun, dass sie Muslime
sind, Brüder aller anderen Muslime, und dass sie die Unterstützung von Muslimen vieler ethnischer
Gruppen wollen und haben. In den letzten Jahren haben sich die Taliban-Kräfte jedoch bitter gespalten.
Eine Minderheit von Taliban-Kämpfern und -Anhängern hat sich mit dem Islamischen Staat verbündet.

Propaganda und Wahrheit
Der Unterschied ist, dass der Islamische Staat Terroranschläge auf Schiit:innen, Sikhs und
Christ:innen verübt. Die Taliban in Pakistan tun dasselbe, ebenso wie das kleine Haqqani-Netzwerk,
das vom pakistanischen Geheimdienst unterstützt wird. Aber die Mehrheit der Taliban hat alle diese
Angriffe zuverlässig verurteilt. Wir werden später auf diese Spaltung zurückkommen, da sie Auswirkungen
auf die nächsten Ereignisse hat.
Die neuen Taliban haben auch betont, dass sie sich für die Rechte der Frauen einsetzen. Sie sagen, sie
begrüßen Musik und Videos und haben die schärfsten und puritanischsten Seiten ihrer früheren Herrschaft
abgemildert. Und sie sagen jetzt immer wieder, dass sie in Frieden regieren wollen, ohne sich
an den Menschen der alten Ordnung zu rächen. Wie viel davon Propaganda und wie viel Wahrheit ist,
ist schwer zu sagen. Was als Nächstes geschieht, hängt außerdem stark von der Entwicklung der Wirtschaft
und von den Aktionen ausländischer Mächte ab. Doch dazu später mehr. Wir wollen damit sagen,
dass die Afghan:innen Gründe haben, die Taliban den westlichen Besatzern, den Warlords und
der Regierung von Ashraf Ghani vorzuziehen.

Was ist mit den afghanischen Frauen?
Viele Leser:innen werden jetzt eindringlich fragen: Was ist mit den afghanischen Frauen? Die Antwort
ist nicht einfach. Wir müssen zunächst in die 1970er Jahre zurückgehen. Überall auf der Welt sind
bestimmte Systeme der geschlechtsspezifischen Ungleichheit mit einem bestimmten System der Klassenungleichheit
verwoben. Das war in Afghanistan nicht anders.
Nancy Lindisfarne führte Anfang der 1970er Jahre eine anthropologische Feldforschung mit
paschtunischen Frauen und Männern im Norden des Landes durch. Sie lebten von Landwirtschaft und
Viehzucht. Ihr späteres Buch »Bartered Brides: Politics and Marriage in a Tribal Society (Politik und
Heirat in einer Stammesgesellschaft)« erklärt die Zusammenhänge zwischen Klasse, Geschlecht und
ethnischen Unterschieden zu jener Zeit. Und wer wissen möchte, was diese Frauen selbst über ihr Leben,
ihre Sorgen und Freuden dachten, haben Nancy Lindisfarne und Richard Tapper vor kurzem »Afghan
Village Voices« veröffentlicht, eine Übersetzung vieler der Tonbänder, die Frauen und Männer
vor Ort für sie gemacht haben.
Diese Realität war komplex, bitter, bedrückend und voller Liebe. In dieser Hinsicht unterscheidet sie
sich nicht von der Komplexität von Sexismus und Klassenunterschieden in den Vereinigten Staaten.
Doch die Tragödie des nächsten halben Jahrhunderts sollte vieles davon ändern. Dieses lange Leiden
brachte den besonderen Sexismus der Taliban hervor, der aber nicht automatisch ein Produkt der afghanischen
Tradition ist.

Bürgerkrieg in Afghanistan
Die Geschichte dieser neuen Wendung beginnt im Jahr 1978. Damals begann der Bürgerkrieg zwischen
der Regierung der Demokratische Volkspartei Afghanistans (DVPA) und dem islamistischen
Widerstand der Mudschaheddin. Die Demokratische Volkspartei Afghanistans (DVPA) bezeichneten
sich selbst als Kommunist:innen. Die Islamist:innen gewannen, so dass die Sowjetunion Ende 1979
einmarschierte, um die DVPA-Regierung zu unterstützen. Es folgten sieben Jahre brutaler Krieg zwischen
den Sowjets und den Mudschaheddin.
Im Jahr 1987 zogen die sowjetischen Truppen besiegt ab. Als wir in den frühen 1970er Jahren in Afghanistan
lebten, gehörten die Kommunist:innen zu den wirklich bewundernswerten Menschen. Sie
wurden von drei Leidenschaften angetrieben: das Land zu entwickeln, die Macht der Großgrundbesitzer
zu brechen sowie das Land unter sich aufteilen, und sie wollten die Gleichberechtigung der Frauen.

Ein Putsch der Minderheit
Doch es kam anders. 1978 hatten die kommunistische DVPA durch einen Militärputsch unter Führung
fortschrittlicher Offiziere die Macht übernommen. Aber die Kommunist:innen hatten nicht die politische
Unterstützung der Mehrheit der Dorfbewohner:innen in einem überwiegend ländlich geprägten
Land gewonnen. Das Ergebnis war, dass die einzigen Mittel, mit denen sie gegen den islamistischen
Widerstand auf dem Land vorgehen konnten, Verhaftung, Folter und Bombardierung waren. Je mehr
die »kommunistisch« geführte Armee solche Grausamkeiten anwandte, desto mehr wuchs der Aufstand.
Die stalinistische Methoden der Unterdrückung jeder Opposition mit Gewalt funktionierte nicht.
Dann marschierte die Sowjetunion ein, um die DVPA-Regierung zu unterstützen. Ihre Hauptwaffe war
die Bombardierung aus der Luft, und große Teile des Landes wurden zu Freiflächen. Zwischen einer
halben und einer Million Afghan:innen wurden getötet. Mindestens eine weitere Million wurde für
immer verstümmelt. Zwischen sechs und acht Millionen wurden ins Exil in den Iran und nach Pakistan
getrieben, und weitere Millionen wurden zu Binnenflüchtlingen. Und das alles in einem Land mit nur
fünfundzwanzig Millionen Einwohner:innen.

Im Namen von Kommunismus und Feminismus
Als die Kommunist:innen an die Macht kamen, versuchten sie als Erstes, eine Landreform durchzuführen
und Gesetze für die Rechte der Frauen zu erlassen. Als die russische Armee einmarschierte,
schlug sich die Mehrheit der Kommunist:innen auf deren Seite. Viele dieser Kommunist:innen waren
Frauen. Das tragische Ergebnis war, dass der Name des Kommunismus und vor allem des Feminismus
mit der Unterstützung von Folter und Massakern beschmutzt wurde.
Stellen wir uns vor, die Vereinigten Staaten würden von einer fremden Macht überfallen, die zwischen
zwölf und vierundzwanzig Millionen Amerikaner:innen tötete, Menschen in jeder Stadt foltert und
100 Millionen Amerikaner:innen ins Exil treibt. Stellen wir uns außerdem vor, dass fast alle Feministinnen
in den Vereinigten Staaten die Invasor:innen unterstützt haben. Was glaubt ihr wie die meisten
Amerikaner:innen nach dieser Erfahrung über eine zweite Invasion durch eine andere ausländische
Macht oder über den Feminismus denken würden?

Tod im Namen der Rettung von Frauen
Was meint ihr, was die meisten afghanischen Frauen von einer weiteren Invasion, diesmal durch die
Amerikaner, halten, die mit der Notwendigkeit der Rettung afghanischer Frauen begründet wird? Vergessen
wir nicht, dass die Statistiken über die Toten, die Verstümmelten und die Geflüchteten unter
der sowjetischen Besatzung keine abstrakten Zahlen waren. Es waren lebende Frauen und ihre Söhne
und Töchter, Ehemänner, Brüder und Schwestern, Mütter und Väter. Als die Sowjetunion besiegt abzog,
atmeten die meisten Menschen erleichtert auf.
Doch dann wurden die lokalen Anführer des Mudschaheddin-Widerstands gegen die Kommunist:
innen und die Invasor:innen zu lokalen Kriegsherren und bekämpften sich gegenseitig um die
Beute des Sieges. Die Mehrheit der Afghan:innen hatte die Mudschaheddin unterstützt, doch nun waren
sie angewidert von der Gier, der Korruption und dem endlosen sinnlosen Krieg.

Der Klassen- und Fluchthintergrund der Taliban
Im Herbst 1994 waren die Taliban in Kandahar, einer mehrheitlich paschtunischen Stadt und der größten
im Süden Afghanistans, angekommen. Die Taliban waren mit nichts in der afghanischen Geschichte
zu vergleichen. Sie waren das Ergebnis von zwei Innovationen des 20. Jahrhunderts, nämlich
der Bombardierung aus der Luft und den Flüchtlingslagern in Pakistan. Sie gehörten einer anderen
sozialen Schicht an als die Eliten, die Afghanistan regiert hatten.
Die Kommunist:innen waren die Söhne und Töchter des städtischen Mittelstandes und der Bauern auf
dem Lande, die über genügend Land verfügten, um es ihr Eigen zu nennen. Sie wurden von Menschen
angeführt, die die einzige Universität des Landes in Kabul besucht hatten. Sie wollten die Macht der
Großgrundbesitzer brechen und das Land modernisieren.
Die Islamist:innen, die die Kommunist:innen bekämpften, waren Menschen aus ähnlichen Schichten
und meist ehemalige Studierende derselben Universität. Auch sie wollten das Land modernisieren,
aber auf eine andere Art und Weise. Und sie orientierten sich an den Ideen der Muslimbruderschaft
und der Al-Alzhar-Universität in Kairo. Das Wort Taliban steht für Studierende einer islamischen
Schule, nicht für eine staatliche Schule oder eine Universität.

Dorfmullahs und Kriegsopfer
Die Kämpfer der Taliban, die 1994 in Kandahar einmarschierten, waren junge Männer, die in den
freien islamischen Schulen in den Flüchtlingslagern in Pakistan studiert hatten. Sie waren Kinder gewesen,
die nichts hatten. Die Anführer der Taliban waren Dorfmullahs aus Afghanistan. Sie hatten
nicht die elitären Verbindungen wie viele der Imame der städtischen Moscheen. Dorfmullahs konnten
lesen, und sie genossen bei den anderen Dorfbewohner:innen ein gewisses Ansehen. Aber ihr sozialer
Status lag weit unter dem eines Grundbesitzers oder eines Schulabgängers in einem Regierungsamt.
Die Taliban wurden von einem Komitee aus zwölf Männern angeführt. Alle zwölf hatten im Krieg
durch sowjetische Bomben eine Hand, einen Fuß oder ein Auge verloren. Die Taliban waren u. a. die
Partei der armen und mittelmäßigen paschtunischen Dorfbewohner. [3]
Zwanzig Jahre Krieg hatten Kandahar in einen rechtsfreien Raum verwandelt, der der Gnade der sich
bekriegenden Milizen ausgeliefert war. Der Wendepunkt kam, als die Taliban einen lokalen Kommandanten
verfolgten, der einen Jungen und zwei (möglicherweise drei) Frauen vergewaltigt hatte. Die
Taliban fingen ihn und hängten ihn auf. Was ihre Intervention so bemerkenswert machte, war nicht
nur ihre Entschlossenheit, den mörderischen Kämpfen ein Ende zu setzen und den Menschen ihre
Würde und Sicherheit zurückzugeben, sondern auch ihre Abscheu gegenüber der Heuchelei der anderen
Islamisten.

Unterstützung von außen
Die Taliban wurden von Anfang an vom saudi-arabischen, amerikanischen und dem pakistanischen
Militär finanziert. Washington wollte ein friedliches Land, das Öl- und Gaspipelines aus Zentralasien
aufnehmen konnte. Die Taliban zeichneten sich dadurch aus, dass sie keine Ausnahmen von den Verboten
zuließen, die sie durchsetzen wollten, und dass sie die Regeln mit aller Härte durchsetzten. Viele
Afghan:innen waren dankbar für die Rückkehr zur Ordnung und ein Mindestmaß an Sicherheit, aber
die Taliban waren sektiererisch und unfähig, das Land zu kontrollieren, und 1996 zog die USRegierung
ihre Unterstützung zurück. Damit lösten sie eine neue, tödliche Form der Islamophobie
gegen die Taliban aus.
Fast über Nacht galten die afghanischen Frauen als hilflos und unterdrückt, während die afghanischen
Männer – alias die Taliban – als fanatische Wilde, Pädophile und sadistische Patriarchen verschrien
wurden, also kaum als Menschen. Vier Jahre vor dem 11. September 2001 wurden die Taliban von der
US-Administration ins Visier genommen, während Feministinnen und andere für den Schutz der afghanischen
Frauen eintraten. Als die amerikanischen Bombenangriffe begannen, sollte jeder verstehen,
dass die afghanischen Frauen Hilfe brauchten. Was konnte da schon schief gehen?

9/11 und der amerikanische Krieg
Die Bombardierung begann am 7. Oktober 2001. Innerhalb weniger Tage wurden die Taliban in den
Untergrund gedrängt – oder sie wurden buchstäblich kastriert, wie ein Foto auf der Titelseite der britischen
Zeitung Daily Mail verkündete. Die veröffentlichten Bilder des Krieges waren in ihrer Gewalttätigkeit
und ihrem Sadismus wirklich schockierend. Viele Menschen in Europa waren entsetzt über
das Ausmaß der Bombardierungen und die völlige Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Leben der Afghan:
innen [4]. Doch in den Vereinigten Staaten bedeutete die Mischung aus Rachegefühlen und Patriotismus
in jenem Herbst, dass abweichende Stimmen selten und meist unhörbar waren.
Fragen wir uns, wie Saba Mahmood es damals tat: »Warum wurden die Kriegsbedingungen (Migration,
Militarisierung) und der Hunger (unter den Mudschaheddin) als weniger schädlich für Frauen angesehen
als der Mangel an Bildung, Beschäftigung und vor allem – in der Medienkampagne – westlicher
Kleidung (unter den Taliban)?« [5] Und dann fragen wir uns noch deutlicher: Wie konnten die
afghanischen Frauen »gerettet« werden, indem die Zivilbevölkerung bombardierte, zu der neben den
Frauen selbst auch ihre Kinder, ihre Ehemänner, Väter und Brüder gehörten? Mit dieser Frage hätte
die Diskussion beendet werden müssen, aber das wurde sie nicht.

Unterstützt von Laura Bush und Cherie Blair
Der ungeheuerlichste Ausdruck feministischer Islamfeindlichkeit kam etwas mehr als einen Monat
nach Beginn des Krieges. Ein höchst ungleicher Rachefeldzug macht in den Augen der Welt keinen
guten Eindruck, also ist es besser, etwas zu tun, das tugendhaft aussieht. In Erwartung des amerikanischen
Thanksgiving-Festes am 17. November 2001 beklagte Laura Bush, die Frau des damaligen Präsidenten
George W. Bush, lautstark die Notlage der verschleierten afghanischen Frauen. Cherie Blair,
die Frau des damaligen britischen Premierministers Tony Blair, schloss sich ihr einige Tage später an.
Die Ehefrauen dieser reichen Kriegstreiber nutzten das ganze Gewicht des orientalistischen Paradigmas,
um den Opfern die Schuld zu geben und einen Krieg gegen einige der ärmsten Menschen der
Welt zu rechtfertigen.
Und die »Rettung der afghanischen Frauen« wurde zum ständigen Ruf vieler liberaler Feministinnen,
um den amerikanischen Krieg zu rechtfertigen [6]. Mit der Wahl Obamas im Jahr 2008 wurde der
Chor der Islamophobie unter den amerikanischen Liberalen hegemonial. In diesem Jahr löste sich die
amerikanische Antikriegsallianz auf, um Obamas Wahlkampf zu unterstützen. Die Demokraten und
jene Feministinnen, die Obamas kriegslüsterne Außenministerin Hillary Clinton unterstützten, konnten
die Wahrheit nicht akzeptieren, dass sowohl der Afghanistankrieg als auch der Irakkrieg hauptsächlich
für das schwarze Gold »Öl« waren [7].

Das Leid der Frauen als Rechtfertigung
Sie hatten nur eine einzige Rechtfertigung für die endlosen Ölkriege – das Leid der afghanischen
Frauen. Der feministische Dreh war ein cleverer Trick. Sie schloss Vergleiche zwischen der zweifellos
sexistischen Herrschaft der Taliban und dem Sexismus in den Vereinigten Staaten aus. Weitaus schockierender
ist, dass die feministische Sichtweise die hässlichen Wahrheiten über einen äußerst ungleichen
Krieg zähmte und dann effektiv verdrängte. Und sie trennte diese fiktiven »zu rettenden Frauen«
von den Zehntausenden realen afghanischen Frauen, Männern und Kindern, die durch die amerikanischen
Bomben getötet, verwundet, verwaist oder obdachlos und ausgehungert worden waren.
Viele unserer Freund:innen und Familienmitglieder in Amerika sind Feministinnen, die diese Propaganda
mit gutem Gewissen glaubten. Aber sie wurden aufgefordert, ein Netz von Lügen zu unterstützen,
eine Perversion des Feminismus. Es war der Feminismus der Invasor:innen und der korrupten
Regierungselite. Es war der Feminismus der Folterer und der Drohnen. Wir glauben, dass ein anderer
Feminismus möglich ist.

Tragisches Scheitern
Aber es bleibt wahr, dass die Taliban zutiefst sexistisch sind. Die Frauenfeindlichkeit hat in Afghanistan
einen Sieg errungen. Aber es hätte nicht so kommen müssen. Die Kommunist:innen, die sich den
Grausamkeiten der sowjetischen Invasor:innen anschlossen, hatten den Feminismus in Afghanistan
mindestens eine Generation lang diskreditiert. Doch dann marschierten die Vereinigten Staaten ein,
und eine neue Generation afghanischer Frauen schlug sich auf die Seite der neuen Invasor:innen, um
den Frauen Rechte zu verschaffen. Auch ihr Traum endete in Kollaboration, Schande und Blut. Einige
von ihnen waren natürlich Karrieristinnen, die im Tausch gegen Geld Plattitüden von sich gaben. Aber
viele andere waren von einem ehrlichen und selbstlosen Traum beseelt. Ihr Scheitern ist tragisch.

Stereotype und Verwirrungen
Außerhalb Afghanistans herrscht große Verwirrung über den Charakter der Taliban, es sind eine Vorurteile
in den letzten fünfundzwanzig Jahren entstanden. Aber wir sollten genau nachdenken, wenn wir
das Klischee hören, dass die Taliban nur »mittelalterlich, brutal und primitiv« sind. Es sind Menschen
aus Fleisch und Blut mit Waffen und Laptops, die seit vierzehn Jahren mit der mächtigen USAdministration
in Katar verhandeln.
Die Taliban sind nicht das Produkt des Mittelalters. Sie sind das Produkt einiger der schlimmsten Zeiten
des späten zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts. Wenn sie in gewisser Weise
auf eine vermeintlich bessere Zeit zurückblicken, ist das nicht überraschend. Aber das Leben unter
Luftangriffen, in Flüchtlingslagern, im »Kommunismus«, im Krieg gegen den Terror, in nicht aufhöhrenden
Verhören, im Klimawandel, in der Internetpolitik und in der Ungleichheitsspirale des Neoliberalismus
hat sie geprägt. Sie leben, wie wir alle anderen auch, im Jetzt.

Mythen über die Taliban
Ihre Wurzeln in einer Stammesgesellschaft können ebenfalls verwirrend sein. Aber wie Richard Tapper
dargelegt hat, sind Stämme keine atavistischen (kultureller Rückfall) Institutionen. Sie sind die Art
und Weise, wie die Bäuerinnen und Bauern in diesem Teil der Welt ihre Verflechtung mit dem Staat
organisieren. Und in der Geschichte Afghanistans ging es nie nur um konkurrierende ethnische Gruppen,
sondern vielmehr um komplexe Bündnisse zwischen den Gruppen und um Spaltungen innerhalb
der Gruppen [8].
In der Linken gibt es eine Reihe von Vorurteilen, die manche Leute zu der Frage veranlassen, wie die
Taliban auf der Seite der Armen stehen und antiimperialistisch sein können, wenn sie nicht »fortschrittlich
« sind. Lassen wir einmal beiseite, dass das Wort »fortschrittlich« oder »progressiv« wenig
aussagt. Natürlich stehen die Taliban dem Sozialismus und dem Kommunismus ablehnend gegenüber.
Sie selbst oder ihre Eltern und Großeltern wurden von sogenannten Sozialisten und Kommunisten
getötet und gefoltert. Außerdem ist jede Bewegung, die einen zwanzigjährigen Guerillakrieg geführt
und ein großes Imperium besiegt hat, antiimperialistisch, oder die Worte haben keine Bedeutung.
Die Realität ist, wie sie ist. Die Taliban sind eine Bewegung armer Bauern, die gegen eine imperiale
Besatzung kämpfen, zutiefst frauenfeindlich sind, aber auch von vielen Frauen unterstützt werden,
manchmal rassistisch und sektiererisch sind und manchmal nicht. Das ist ein Bündel von Widersprüchen,
die die Geschichte hervorgebracht hat.

Die Klassenpolitik der Taliban
Eine weitere Quelle der Verwirrung ist die Klassenpolitik der Taliban. Wie kann es sein, dass sie auf
der Seite der Armen stehen, wie es offensichtlich der Fall ist, und dennoch so erbittert gegen den Sozialismus
sind? Die Antwort ist, dass die Erfahrung der russischen Besatzung die Möglichkeit echter
sozialistischer Klassenpolitik zunichte gemacht hat. Aber sie hat nichts an der Realität der Klasse geändert.
Niemand hat jemals eine Massenbewegung unter den armen Bauernfamilien aufgebaut, die die
Macht übernommen hat, ohne auf der Seite der Armen zu stehen und ihre Unterstützung zu haben.
Die Taliban benutzen zwar keine klassenkämpferischen Sprache, aber sie sprechen über »Gerechtigkeit
« und »Korruption«. Diese Sprache beschreibt die gleiche Situation. All dies bedeutet nicht, dass
die Taliban unbedingt im Interesse der Armen regieren werden. Wir haben im letzten Jahrhundert und
darüber hinaus genug Bauernaufstände gesehen, die an die Macht kamen, nur um dann von städtischen
Eliten regiert zu werden. Und nichts von alledem sollte davon ablenken, dass die Taliban Diktatoren
und keine Demokraten sein wollen.

Ein historischer Wandel in Amerika
Der Fall von Kabul bedeutet eine entscheidende Niederlage für die amerikanische Macht in der Welt.
Er markiert aber auch eine tiefgreifende Abkehr der Amerikaner vom amerikanischen Imperium oder
macht sie zumindest deutlich. Ein Beleg dafür sind die Meinungsumfragen. Im Jahr 2001, unmittelbar
nach dem 11. September, befürworteten zwischen 85 und 90 Prozent der Amerikaner die Invasion in
Afghanistan. Die Zahlen sind stetig gesunken. Im letzten Monat befürworteten 62 Prozent der Amerikaner
Bidens Plan für einen vollständigen Rückzug, nur 29 Prozent waren dagegen.
Diese Ablehnung des Krieges ist sowohl auf der rechten als auch auf der linken Seite verbreitet. Die
Basis der Arbeiterklasse der Republikanischen Partei und Trump sind gegen ausländische Kriege.
Viele Soldat:innen und Militärfamilien kommen aus den ländlichen Gebieten und dem Süden, wo
Trump stark ist. Sie sind gegen weitere Kriege, denn sie und ihre Lieben haben gedient, sind gestorben
und verwundet worden. Der rechte Patriotismus in Amerika ist heute pro-militärisch, aber das bedeutet
zur Zeit nicht gleichzeitig auch für Kriegseinsätze zu ein. Wenn sie sagen »Make America Great
Again«, meinen sie, dass Amerika für die Amerikaner:innen jetzt nicht großartig ist, und nicht, dass
die USA sich mehr in der Welt »engagieren« sollten.

Vom Imperium abgewandt
Auch bei den Demokraten ist die Basis der Arbeiterklasse gegen die Kriege. Es gibt Leute, die weitere
militärische Interventionen unterstützen. Das sind die Obama-Demokraten, die Romney-Republikaner,
die Generäle, viele liberale und konservative Fachleute und fast alle Mitglieder der Washingtoner Elite.
Aber das amerikanische Volk als Ganzes und insbesondere die Arbeiterklasse – egal welcher Hautfarbe
–, haben sich gegen das amerikanische Imperium gewandt. Nach dem Fall von Saigon in Vietnam
1975 war die amerikanische Regierung für die nächsten fünfzehn Jahre nicht in der Lage, größere
militärische Interventionen durchzuführen. Nach dem Fall von Kabul wird es wohl noch länger dauern.

Die internationalen Folgen
Seit 1918, also seit 103 Jahren, sind die Vereinigten Staaten die mächtigste Nation der Welt. Es gab
konkurrierende Mächte – zuerst Deutschland, dann die Sowjetunion und jetzt China. Aber die USA
waren immer dominant. Dieses »amerikanische Jahrhundert« neigt sich nun dem Ende zu. Der langfristige
Grund dafür ist der wirtschaftliche Aufstieg Chinas und der relative wirtschaftliche Niedergang
der Vereinigten Staaten.
Aber die Covid-Pandemie und die Niederlage in Afghanistan machen die letzten zwei Jahre zu einem
Wendepunkt. Die Pandemie hat die institutionelle Inkompetenz der herrschenden Klasse und der Regierung
der Vereinigten Staaten offenbart. Das System hat beim Schutz des Volkes versagt. Dieses
chaotische und beschämende Versagen ist für die Menschen auf der ganzen Welt offensichtlich.

Die schwindende Macht der USA
Und dann ist da noch Afghanistan. Gemessen an den Ausgaben und der Ausrüstung sind die Vereinigten
Staaten die dominierende Militärmacht in der Welt. Diese Macht wurde von armen Menschen in
Sandalen in einem kleinen Land besiegt, die nichts als Ausdauer und Mut besitzen. Der Sieg der Taliban
wird auch Islamist:innen verschiedenster Ausprägung in Syrien, Jemen, Somalia, Pakistan, Usbekistan,
Turkmenistan, Tadschikistan und Mali Mut machen. Aber er wird noch viel mehr entfachen als
das. Sowohl das Scheitern bei der Bekämpfung der Pandemie, als auch die Niederlage in Afghanistan
werden die »weiche« Macht der USA verringern.
Aber Afghanistan ist auch eine Niederlage für die »harte« Macht. Die Stärke des informellen Imperiums
der Vereinigten Staaten stützt sich seit einem Jahrhundert auf drei verschiedene Säulen. Die eine
ist die größte Volkswirtschaft der Welt und die Beherrschung des globalen Finanzsystems. Die zweite
ist der Ruf, in vielen Kreisen für Demokratie, Kompetenz und kulturelle Führerschaft bekannt zu sein.
Die dritte Säule war, dass die Vereinigten Staaten im Falle eines Versagens der »weichen« Macht, die
»harte« Macht des Militärs einsetzen konnten und in Ländern einmarschieren würden, um Diktaturen
zu unterstützen und ihre Feinde zu bestrafen.
Diese militärische Macht ist nun aufgebraucht. Keine Regierung wird glauben, dass die USA sie vor
einem fremden Eindringling oder vor ihrem eigenen Volk retten können. Die Tötungen durch Drohnen
werden weitergehen und großes Leid verursachen. Aber Drohnen allein werden nirgendwo militärisch
entscheidend sein. Dies ist der Anfang vom Ende des amerikanischen Jahrhunderts.

Was passiert jetzt in Afghanistan?
Niemand weiß, was in den nächsten Jahren in Afghanistan geschehen wird. Aber wir können einige
der Faktoren erkennen, welche die Situation prägen werden. Der erste und hoffnungsvollste ist die
tiefe Sehnsucht nach Frieden in den Herzen der Afghan:innen. Sie haben nun dreiundvierzig Jahre
Krieg erlebt. Denken wir daran, wie nur fünf oder zehn Jahre Bürgerkrieg und Invasion so viele Länder
gezeichnet haben. Denken wir jetzt an dreiundvierzig Jahre!
Kabul, Kandahar und Mazar, die drei wichtigsten Städte, sind alle ohne jegliche Gewalt gefallen. Das
liegt daran, dass die Taliban, wie sie immer wieder sagen, ein Land in Frieden wollen und nicht auf
Rache aus sind. Es liegt aber auch daran, dass die Menschen, die die Taliban nicht unterstützen, ja die
sie hassen, sich ebenfalls entschieden haben, nicht zu kämpfen. Die Taliban-Führer sind unter großem
Druck, dass sie Frieden bringen müssen. Wenn sie ihr Versprechen einlösen wollen, ist es notwendig,
dass die Taliban weiterhin für eine gerechte Justiz sorgen. Ihre bisherige Bilanz ist vorteilhaft. Aber
die Verlockungen der Macht und der Druck der Regierung haben schon viele soziale Bewegungen in
vielen Ländern vor ihnen korrumpiert.

Wirtschaftliche Probleme und internationale Einmischung
Auch ein wirtschaftlicher Zusammenbruch ist durchaus möglich. Afghanistan ist ein armes und trockenes
Land, in dem weniger als fünf Prozent des Bodens bewirtschaftet werden können. In den letzten
zwanzig Jahren sind die Städte immens angewachsen. Dieses Wachstum war abhängig vom Geld,
das durch die Besatzung und in geringerem Maße durch den Opiumanbau floss. Ohne umfangreiche
ausländische Hilfe von irgendwoher droht der wirtschaftliche Zusammenbruch. Weil die Taliban das
wissen, haben sie den Vereinigten Staaten ausdrücklich einen Deal angeboten. Die amerikanische
Regierung soll Hilfe leisten, und im Gegenzug werden die Taliban jenen Terroristen, die Anschläge
wie den 11. September verüben könnten, keine Heimat bieten.
Sowohl die Trump- als auch die Biden-Administration haben dieses Angebot angenommen. Aber es
ist keineswegs sicher, dass die USA dieses Versprechen einhalten werden. Es ist durchaus möglich,
dass es noch schlimmer kommt. Frühere US-Regierungen haben den Irak, den Iran, Kuba und Vietnam
für ihre Widersetzlichkeit mit lang anhaltenden und zerstörerischen Wirtschaftssanktionen bestraft.
In den USA werden viele Stimmen für solche Sanktionen laut, um afghanische Kinder im »Namen
der Menschenrechte« verhungern zu lassen.
Außerdem besteht die Gefahr einer internationalen Einmischung, wenn verschiedene Mächte unterschiedliche
politische oder ethnische Kräfte in Afghanistan unterstützen. Die Vereinigten Staaten,
Indien, Pakistan, Saudi-Arabien, Iran, China, Russland und Usbekistan werden alle in Versuchung
geraten. Das hat es schon einmal gegeben, und in einer Situation des wirtschaftlichen Zusammenbruchs
könnte es zu Stellvertreterkriegen kommen. Im Moment wollen die Regierungen des Irans,
Russlands und Pakistans jedoch eindeutig Frieden in Afghanistan.

Die Auswirkungen des Klimawandels
Auch die Taliban haben versprochen, nicht mehr mit Grausamkeit zu regieren. Das ist jedoch leichter
gesagt als getan. Was glauben wir, was die armen Soldaten aus den Dörfern tun werden, wenn sie mit
Familien konfrontiert werden, die durch Korruption und Kriminalität ein großes Vermögen angehäuft
haben? Und dann ist da noch das Klima. Im Jahr 1971 verwüstete eine Dürre und Hungersnot im Norden
und im Zentrum des Landes Herden, Ernten und Leben. Dies war das erste Anzeichen für die
Auswirkungen des Klimawandels in der Region, der in den letzten fünfzig Jahren weitere Dürren nach
sich zog. Mittel- und langfristig werden Landwirtschaft und Viehzucht noch prekärer werden.[9]
All diese Gefahren sind real. Aber der oft aufschlussreiche Sicherheitsexperte Antonio Giustozzi kennt
die Denkweise sowohl der Taliban als auch ausländischer Regierungen und der Taliban. Sein Artikel
in der britischen Zeitung Guardian vom 16. August 2021 war hoffnungsvoll. Er beendete ihn wie
folgt: »Da die meisten Nachbarländer Stabilität in Afghanistan wünschen, ist es zumindest vorläufig
unwahrscheinlich, dass etwaige Risse in der neuen Koalitionsregierung von externen Akteuren ausgenutzt
werden, um diese zu vertiefen. Auch die Verlierer des Jahres 2021 werden kaum jemanden finden,
der bereit oder in der Lage ist, sie beim Aufbau einer Art von Widerstand zu unterstützen. Solange
der neuen Koalitionsregierung wichtige Verbündete der Nachbarländer angehören, ist dies der Beginn
einer neuen Phase in der Geschichte Afghanistans.« [10]

Was wir tun können: Geflüchtete willkommen heißen
Viele Menschen im Westen fragen sich jetzt: »Was können wir tun, um den afghanischen Frauen zu
helfen?« Manchmal wird bei dieser Frage davon ausgegangen, dass die meisten afghanischen Frauen
die Taliban ablehnen und die meisten afghanischen Männer sie unterstützen. Das ist Unsinn. Es ist fast
unmöglich, sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der dies der Fall wäre. Konkreter müsste die Frage
heißen: Wie können wir den afghanischen Feministinnen helfen?
Das ist eine berechtigte und vernünftige Frage. Die Antwort ist, sich zu organisieren, um ihnen Flugtickets
zu kaufen und ihnen Zuflucht in Europa und Nordamerika zu gewähren. Aber nicht nur Feministinnen
werden Asyl brauchen. Zehntausende von Menschen, die für die Besatzung gearbeitet haben,
suchen verzweifelt nach Asyl, zusammen mit ihren Familien. Das gilt auch für eine größere Anzahl
von Menschen, die für die afghanische Regierung gearbeitet haben.

Eine Entscheidung gegen Menschen
Einige dieser Menschen sind bewundernswert, andere sind korrupt, viele liegen dazwischen, und viele
sind einfach nur Kinder. Aber es gibt hier einen moralischen Imperativ. Die Vereinigten Staaten und
die NATO-Länder haben zwanzig Jahre lang unermessliches Leid verursacht. Das Mindeste, das Allerwenigste,
was diese Länder tun sollten, ist, die Menschen zu retten, deren Leben sie zerstört haben –
egal um wen es geht.
Das Versagen der westlichen Regierung bei der Rettung der Menschen, die für sie gearbeitet haben, ist
beschämend und entlarvend zugleich. Es handelt sich nicht wirklich um ein Versagen, sondern um
eine Entscheidung. Der Rassismus gegen die Einwanderung wiegt stärker als die Schulden der Vergangenheit.
Kampagnen zur Aufnahme von Afghan:innen sind immer noch möglich. Natürlich wird
ein solch starkes moralisches Argument bei jeder Gelegenheit auf Rassismus und Islamophobie stoßen.
Aber in der letzten Woche haben sowohl die deutsche als auch die niederländische Regierung
jegliche Abschiebung von Afghanen ausgesetzt.

Die Frage der Hazaras
Politiker:innen, egal wo, welche sich für die afghanischen Frauen einsetzen, muss immer wieder aufgefordert
werden, die Grenzen für alle Afghanen zu öffnen. Und dann ist da noch die Frage, was mit
den Hazaras passieren könnte. Wie wir bereits gesagt haben, sind die Taliban nicht mehr nur eine
paschtunische Bewegung, sondern haben sich auf die ganze Welt ausgedehnt und viele Tadschiken
und Usbeken rekrutiert. Und auch, so heißt es, einige Hazaras. Aber nicht viele.
Die Hazaras sind das Volk, das traditionell in den zentralen Bergen lebt. Viele wanderten auch in
Städte wie Mazar und Kabul aus, wo sie als Träger:innen und in anderen schlecht bezahlten Jobs arbeiteten.
Sie machen etwa 15 Prozent der afghanischen Bevölkerung aus. Die Wurzeln der Feindschaft
zwischen Paschtunen und Hazaras liegen zum Teil in langjährigen Streitigkeiten über Land und Weiderechte.
In jüngster Zeit spielt aber auch eine Rolle, dass die Hazaras Schiiten sind, während fast alle anderen
Afghan:innen Sunniten sind. Die erbitterten Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten im Irak haben
zu einer Spaltung in der militanten islamistischen Tradition geführt. Diese Spaltung ist kompliziert,
aber wichtig und bedarf einer kleinen Erklärung. Sowohl im Irak als auch in Syrien hat der Islamische
Staat Massaker an Schiiten verübt, so wie schiitische Milizen in beiden Ländern Sunniten massakriert
haben.

Al Qaida, Taliban und Islamischer Staat
Die traditionelleren Al-Qaida-Netzwerke haben sich nach wie vor entschieden gegen Angriffe auf
Schiiten ausgesprochen und sich für die Solidarität zwischen den Muslim:innen eingesetzt. Es wird oft
darauf hingewiesen, dass Osama Bin Ladens Mutter selbst eine Schiitin war – eigentlich eine Alawitin
aus Syrien. Aber die Notwendigkeit der Einheit war wichtiger. Dies war der Hauptgrund für die Spaltung
zwischen Al-Qaida und dem Islamischen Staat. In Afghanistan haben sich auch die Taliban für
die islamische Einheit stark gemacht. Die sexuelle Ausbeutung von Frauen durch den Islamischen
Staat ist auch den Werten der Taliban zutiefst zuwider, die zutiefst sexistisch, aber puritanisch und
bescheiden sind. Seit vielen Jahren haben die afghanischen Taliban alle Terroranschläge auf Schiiten,
Christen und Sikhs öffentlich verurteilt.
Dennoch finden diese Anschläge statt. Die Ideen des Islamischen Staates haben einen besonderen
Einfluss auf die pakistanischen Taliban ausgeübt. Die afghanischen Taliban sind eine Organisation.
Die pakistanischen Taliban sind ein lockereres Netzwerk, das nicht von den Afghanen kontrolliert
wird. Sie haben wiederholt Bombenanschläge gegen Schiiten und Christen in Pakistan verübt. Der
Islamische Staat und das Haqqani-Netzwerk haben die jüngsten rassistischen Terroranschläge auf Hazaras
und Sikhs in Kabul verübt. Die Taliban-Führung hat alle diese Anschläge verurteilt.

Brüchige Einheit
Aber die Situation ist im Fluss. Der Islamische Staat in Afghanistan ist eine von den Taliban abgespaltene
Minderheit, die hauptsächlich in der Provinz Ningrahar im Osten des Landes ansässig ist. Sie
kämpfen erbittert gegen die Schiiten. Das gilt auch für das Haqqani-Netzwerk, eine seit langem bestehende
Mudschaheddin-Gruppe, die weitgehend vom pakistanischen Militärgeheimdienst kontrolliert
wird. In der gegenwärtigen Konstellation wurde das Haqqani-Netzwerk jedoch in die TalibanOrganisation
integriert, und ihr Anführer ist einer der Anführer der Taliban. Aber niemand kann sicher
sein, was die Zukunft bringt. Im Jahr 1995 verhinderte ein Aufstand von Hazara-Arbeitern in Mazar,
dass die Taliban die Kontrolle über den Norden erlangten.
Die Widerstandstraditionen der Hazara reichen jedoch viel tiefer und weiter zurück als das. Auch die
Hazara-Flüchtlinge in den Nachbarländern könnten jetzt in Gefahr sein. Die iranische Regierung verbündet
sich mit den Taliban und fleht sie an, friedlich zu sein. Sie tun dies, weil sich bereits etwa drei
Millionen afghanische Geflüchtete im Iran befinden. Die meisten von ihnen sind schon seit Jahren
dort, die meisten sind arme städtische Arbeiter und ihre Familien, und die Mehrheit sind Hazaras. Vor
kurzem hat die iranische Regierung, die sich selbst in einer verzweifelten wirtschaftlichen Lage befindet,
damit begonnen, Afghan:innen zurück nach Afghanistan abzuschieben.

Die Rolle der Geflüchteten
Auch in Pakistan gibt es etwa eine Million Hazara-Flüchtlinge. In der Region um Quetta sind in den
letzten Jahren mehr als 5.000 von ihnen bei sektiererischen Attentaten und Massakern getötet worden.
Die pakistanische Polizei und Armee unternimmt nichts. Da die pakistanische Armee und der pakistanische
Geheimdienst seit langem die afghanischen Taliban unterstützen, sind diese Menschen jetzt
noch stärker gefährdet. Was sollten Sie außerhalb Afghanistans tun? Wie die meisten Afghan:innen
werden sie für den Frieden sein und sich den Protesten für offene Grenzen anschließen.
Das letzte Wort überlassen wir Graham Knight. Sein Sohn, Sergeant Ben Knight von der britischen
Royal Air Force, wurde 2006 in Afghanistan getötet. Diese Woche erklärte Graham Knight gegenüber
einer britischen Presseagentur, dass die britische Regierung schnell hätte handeln müssen, um Zivilisten
zu retten: »Wir sind nicht überrascht, dass die Taliban die Macht übernommen haben, denn als die
Amerikaner und Briten sagten, sie würden abziehen, wussten wir, dass dies passieren würde. Die Taliban
haben ihre Absicht sehr deutlich gemacht, dass sie einmarschieren würden, sobald wir abziehen.
Was die Frage anbelangt, ob Menschenleben durch einen Krieg verloren gingen, der nicht zu gewinnen
war, so glaube ich, dass sie es waren. Ich denke, das Problem war, dass wir gegen Menschen
kämpften, die in diesem Land heimisch waren. Wir kämpften nicht gegen Terroristen, sondern gegen
Menschen, die dort lebten und unsere Anwesenheit nicht mochten.« [11]

Literatur:
Fluri, Jennifer L. and Rachel Lehr. 2017. The Carpetbaggers of Kabul and Other American-Afghan Entanglements.
Athens OH: University of Georgia Press.
Giustozzi, Antonio. 2007. Koran, Kalashnikov and Laptop: The Neo-Taliban Insurgency in Afghanistan. London:
Hurst.
—, ed. 2009. Decoding the New Taliban: Insights from the Afghan Field. London: Hurst.
—, 2021. ‘The Taliban have retaken Afghanistan – this time, how will they rule it?’ The Guardian, August 16.
Gregory, Thomas. 2011. ‘Rescuing the Women of Afghanistan: Gender, Agency and the Politics of Intelligibility.’
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Hirschkind, Charles and Saba Mahmood. 2002. ‘Feminism, the Taliban and the Politics of Counterinsurgency.’
Anthropological Quarterly, 75(2): 339-354.
Hughes, Dana. 2012. ‘The First Ladies Club: Hillary Clinton and Laura Bush for the Women of Afghanistan.’
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Jalalzai, Zubeda and David Jefferess, eds. 2011. Globalizing Afghanistan: Terrorism, War, and the Rhetoric of
Nation Building. Durham: Duke University Press.
Klaits, A. & G. Gulmanadova-Klaits. 2005. Love and War in Afghanistan, New York: Seven Stories.
Kolhatkar, Sonali and James Ingalls. 200. Bleeding Afghanistan: Washington, Warlords, and the Propaganda of
Silence. New York: Seven Stories.
Lindisfarne, Nancy. 2002a. ‘Gendering the Afghan War.’ Eclipse: The Anti-War Review, 4: 2-3.
—. 2002b. ‘Starting from Below: Fieldwork. Gender and Imperialism Now.’ Critique of Anthropology, 22(4):
403-423, and in Armbruster and Laerke, 23-44.
—. 2012. ‘Exceptional Pashtuns?’ Class Politics, Imperialism and Historiography.’ In Marsden and Hopkins.
Lindisfarne, Nancy and Jonathan Neale, 2015. ‘Oil Empires and Resistance in Afghanistan, Iraq and Syria.’
Anne Bonny Pirate, https://annebonnypirate.files.wordpress.com/2015/11/oil-empires-16nov2015-fin5.pdf.
—. 2019. ‘Oil, Heat and Climate Jobs in the MENA Region.’ In Environmental Challenges in the MENA Region:
The Long Road from Conflict to Cooperation, edited by Hamid Pouran and Hassan Hakimian, 72-94.
London: Ginko.
Manchanda, Nivi. 2020. Imagining Afghanistan: The History and Politics of Imperial Knowledge. Cambridge:
Cambridge University Press.
Marsden, Magnus and Benjamin Hopkins, eds. 2012. Beyond Swat: History, Society and Economy along the
Afghanistan-Pakistan Frontier. London: Hurst.
Mihailovi?, Konstantin. 1975. Memoirs of a Janissary. Ann Arbor: University of Michigan Press.
Mount, Ferdinand. 2008. Cold Cream: My Early Life and Other Mistakes. London: Bloomsbury.
Mousavi, Sayed Askar, 1998. The Hazaras of Afghanistan: An Historical, Cultural, Economic and Political Study.
London: Curzon.
Neale, Jonathan. 1981. ‘The Afghan Tragedy.’ International Socialism, 12: 1-32.
—. 1988. ‘Afghanistan: The Horse Changes Riders,’ Capital and Class, 35: 34-48.
—. 2002. ‘The Long Torment of Afghanistan.’ International Socialism 93: 31-59.
—. 2008. ‘Afghanistan: The Case Against “the Good War”.’ International Socialism, 120: 31-60.
[Auf Deutsch als Broschüre: Neale, Jonathan: Der Afghanistan Krieg. Eine Kritik der Besatzung und Perspektiven
für den Frieden, aus dem Englischen übersetzt von David Paenson, Bruce Paenson, Rosemarie
Nünning, Frankfurt a. M.: Verein für Geschichte und Zeitgeschichte der Arbeiterbewegung, 2008, (edition
aurora).]
Nojumi, Neamatollah. 2002. The Rise of the Taliban in Afghanistan. New York: Palgrave.
Rico, Johnny. 2007. Blood Makes the Grass Grow Green: A Year in the Desert with Team America. New York:
Presidio.
Tapper (Lindisfarne), Nancy. 1991. Bartered Brides: Politics, Gender and Marriage in an Afghan Tribal Society.
Cambridge: Cambridge University Press.
Tapper, Richard, ed. 1983. The Conflict of Tribe and State in Iran and Afghanistan. London: Croom Helm.
Tapper, Richard, with Nancy Lindisfarne. 2020. Afghan Village Voices: Stories from a Tribal Community. London:
I.B. Tauris.
The Guardian, 2021. ‘Afghanistan Live News.’ August 16.
Ward, Lucy, 2001. ‘Leader’s Wives Join Propaganda War.’ The Guardian, Nov 17.
Zaeef, Abdul, 2010. My Life with the Taliban. London: Hirst.
Zilizer, Barbie. 2005. ‘Death in Wartime: Photographs and the ‘Other War’ in Afghanistan.’ The Harvard International
Journal of Press/Politics, 10(3): 26-55.

Fussnoten:
[1] See especially Nancy Tapper (Lindisfarne), 1991; Lindisfarne, 2002a, 2002b and 2012; Lindisfarne
and Neale, 2015; Neale, 1981, 1988, 2002 and 2008; Richard Tapper with Lindisfarne, 2020.
[2] Giustozzi, 2007 and 2009 are especially useful.
[3] On the class basis of the Taliban, see Lindisfarne, 2012, and many chapters by other authors in
Marsden and Hopkins, 2012. And see Moussavi, 1998; Nojumi, 2002; Giustozzi, 2008 and 2009; Zareef,
2010.
[4] Zilizer, 2005.
[5] There is a vast literature on saving Afghan women. See Gregory, 2011; Lindisfarne, 2002a;
Hirschkind and Mahmood, 2002; Kolhatkar and Ingalls, 2006; Jalalzai and Jefferess,2011; Fluri and
Lehr, 2017; Manchanda, 2020.
[6] Ward, 2001.
[7] Lindisfarne and Neale, 2015.
[8] Richard Tapper, 1983.
[9] For the drought in 1971, see Tapper and Lindisfarne, 2020. For more recent climate change, see
Lindisfarne and Neale, 2019.
[10] Giustozzi, 2021.
[11] The Guardian, 2021.
Übersetzung aus dem Englischen: Yaak Pabst

Quelle: https://www.marx21.de/rueckkehr-taliban-ende-besatzung-afghanistan/
Original: „Afghanistan: The End of the Occupation“, Anne Bonny Pirate, 17. August 2021,
https://annebonnypirate.org/2021/08/17/afghanistan-the-end-of-the-occupation/


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