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Die Erde brennt

Rund um den Globus gab es in diesem Sommer Umweltkatastrophen –
sie hängen miteinander zusammen und haben eine gemeinsame Ursache
von Phil Hearse*

Von Oregon in den Vereinigten Staaten über Antalya und Bodrum in der Türkei bis zu einigen der kältesten Gebiete Sibiriens haben im letzten Monat Waldbrände bei Temperaturen von über 40°C tausende Hektar verwüstet. Gleichzeitig gab es katastrophale Überschwemmungen in Deutschland und China.

Wissenschaftler weisen darauf hin, dass extrem hohe Temperaturen und katastrophale Wetterereignisse die neue Normalität sein werden. War­um?
Beginnen wir mit dem Hochdruckdeckel über Nordamerikas Westküste von Oregon bis nach Vancouver, der für die Landwirtschaft und die ländlichen Gemeinden katastrophale Folgen hat. Die unmittelbare Ursache hierfür sind hohe Meerestemperaturen, sie verursachten Stürme vor Japan im Nordpazifik. Diese haben zusammen eine Rossby-Welle mit hohen Temperaturen erzeugt, die sich über hunderte Kilometer ausbreitete und vom Jetstream nach Osten gezogen wurde, sodass sich ein Hitzedom über der Nordwestküste der USA und Teilen Kanadas bildete. Aber die eigentliche Ursache sind die hohen Meerestemperaturen.
Der Hitzedom wurde durch bodennahe Faktoren verschlimmert, insbesondere durch die langanhaltende Dürre und die Trockenheit von Wäldern und Grasland. Der Westen der USA steht vor einer systemischen Wasserkrise, da der riesige Aquifer unter den Rocky Mountains austrocknet. Wenn dieser Rückgang anhält, ist die Wasserversorgung von Arizona und Nevada unmittelbar bedroht. Längerfristig steht auch Kalifornien vor einer Wasserkrise.

Rund ums Mittelmeer
Extrem hohe Temperaturen trafen auch das östliche Mittelmeer und verursachten katastrophale Brände in türkischen Touristenhochburgen wie Bodrum und Antalya. Der türkische Präsident Erdo?an hat schnell die kurdischen Rebellen der PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) für die Brände verantwortlich gemacht, was angesichts des geografischen Ausmaßes des Infernos absurd ist.
Die türkischen Brände sind Teil der Hochtemperaturen im östlichen Mittelmeerraum, die auch Griechenland und Italien betreffen und sich in den Libanon, Syrien, Iran und Irak ausdehnen. Waldbrände bedrohten bereits die Außenbezirke von Catania, der zweitgrößten Stadt Siziliens, sowie die nördlichen Vororte von Athen und reichten bis nach Bosnien und Kroatien.
Die Tourismusindustrie muss nun in vielen dieser Länder, die bereits durch die Pandemie geschädigt wurden, große Verluste hinnehmen. Die südlichen Küstenorte der Türkei, Zentrum einer äußerst profitablen Industrie, waren schon immer für ihre hohen Temperaturen bekannt. Es hieß immer, man solle dort nur Urlaub machen, wenn man mit regelmäßigen Temperaturen von 35°C zurechtkommt. Aber jetzt sind es eher 40°C – unmögliche Temperaturen für viele Touristen. Das gleiche gilt für große Teile des westlichen Mittelmeers, bis hin nach Portugal. Diesmal wurde auch Sardinien von den Waldbränden schwer getroffen.

Der Nahe Osten
Im Landesinneren vieler Länder des Mittelmeers und des Nahen Ostens, insbesondere im Libanon, im Irak, in Syrien und im südlichen Iran, verursachen Hitze und Wasserkrise der einfachen Bevölkerung massive Probleme. In Khuzestan, im Südiran an der Grenze zum Irak, hat sich unter der arabischstämmigen Bevölkerung ein Aufstand entwickelt, über den in den Massenmedien kaum berichtet wird. Sie beschuldigt die iranische Regierung der Korruption und Inkompetenz bei der Wasserbewirtschaftung. Die Regierung hat auf die Proteste mit ihrer üblichen Brutalität reagiert.
In viel größerem Ausmaß leiden irakische Städte, insbesondere im Süden des Landes, unter drastischer Hitze und Wasserknappheit. In der Vergangenheit hatte der Irak Anspruch auf eines der reichhaltigsten Wasservorkommen im Nahen Osten. Doch der Durchfluss von Tigris und Euphrat ist seit den 1970er Jahren um bis zu 40 Prozent zurückgegangen, was zum Teil auf die Maßnahmen der Nachbarländer, insbesondere der Türkei, zurückzuführen ist.
Steigende Temperaturen und geringere Niederschläge aufgrund des Klimawandels wirken sich ebenfalls negativ auf die Wasserreserven des Irak aus, sodass die einfache Bevölkerung kaum das nötige Wasser zum Waschen und Kochen bekommt.

China
Im selben Juli erlebte in China die Großstadt Zhengzhou in der Provinz Henan massive Überschwemmungen, Dutzende von Menschen starben in der überfluteten U-Bahn. Zwischen diesen Überschwemmungen und den Waldbränden in Nordwestamerika und am Mittelmeer gibt es einen Zusammenhang. Den Überschwemmungen in Zhengzhou gingen tagelang Temperaturen weit über 30°C vor­aus, die die atmosphärischen Bedingungen für einen gewaltigen Wolkenbruch schufen. Der chinesische Wetterdienst machte starke und anhaltende subtropische Hochdrucksysteme für den Sturm verantwortlich; zusammen mit dem Taifun In-fa, der sich Südchina näherte, drückten sie Wasserdampf vom Meer nach Henan. Erneut spielte die globale Erwärmung, die zu steigenden Meerestemperaturen führt, eine tödliche Rolle.
Webseiten der Wirtschaft schlugen Alarm, denn Zhengzhou ist ein wichtiges Zentrum für die Herstellung von iPhones, aber auch ein Zentrum der industriellen Fertigung und der Lebensmittelproduktion.
Wie in China fragen sich nun westliche Kommentatoren, ob Chinas Hochwasser- und Notfallrettungssysteme der Aufgabe gewachsen sind. Der Schwerpunkt liegt hier wie dort auf der Bewältigung der Katastrophen, nicht auf der Ergreifung einschneidender Maßnahmen zu ihrer Eindämmung. «Lerne damit zu leben» wird zum Mantra der Rechten in bezug auf den Klimawandel und Covid-19.
Als wäre das alles noch nicht genug, haben riesige Waldbrände in der sibirischen Region Jakutsk die schlimmste Umweltverschmutzung ausgelöst, die es je in einer Großstadt gegeben hat: Ozon, Benzol und Blausäure wurden freigesetzt. Die genaue Quelle davon ist nicht bekannt. Klar ist aber, dass dieses Gebiet, eines der kältesten der Welt, nun in eine eigene Hitzekrise verwickelt ist, die es doppelt unbewohnbar macht.
Schließlich sind da noch die Überschwemmungen in Indien, die auf eine außergewöhnlich intensive Monsunzeit zurückzuführen sind, und die plötzlichen dramatischen Hochwasser in Deutschland.

Drift in eine heißere Welt
Was bedeutet das alles für das Weltklima? Der britische Wissenschaftsjournalist Fred Pearce bringt es folgendermaßen auf den Punkt:
«Zu den beunruhigendsten wissenschaftlichen Erkenntnissen im Zusammenhang mit dem Klimawandel gehört die Entdeckung, dass er nicht schrittweise verläuft – als stetig ansteigende Linie –, sondern in Sprüngen, wenn verschiedene ‹Kipppunkte› überschritten werden. Jetzt kommt eine neue Sorge hinzu: Diese Kipppunkte können eine Kaskade bilden, bei der jeder einzelne Kipppunkt andere auslöst, was zu einer unwiderruflichen Drift in eine heißere Welt führt. Eine neue Studie legt nahe, dass Veränderungen in der Zirkulation der Ozeanströme der Auslöser für eine solche Kaskade sein könnten.
Es gibt drei potenzielle Kipppunkte: der unkontrollierte Verlust von Eisschilden beschleunigt den Anstieg des Meeresspiegels; Wälder und andere natürliche Kohlenstoffspeicher wie Permafrostböden setzen Kohlendioxid frei und beschleunigen damit die Erderwärmung; die Zirkulation der Ozeanströme wird gestört.»
Potenzielle Kipppunkte, die früher als unabhängig voneinander galten, werden jetzt als Teil eines weltweiten Systems betrachtet. Die globale Erwärmung, das Abschmelzen von Eisschilden und Gletschern, die steigenden Temperaturen an Land und im Meer können zusammen zu einem starken Anstieg des Meeresspiegels und einem durchschnittlichen Temperaturanstieg von 3 °C führen – mit katastrophalen Folgen.
Was wird getan, um die globale Erwärmung und ihre katastrophalen Auswirkungen zu bekämpfen?
Der Analyst Aditya Chakrobortty sagte im Guardian einen Kurswechsel bei rechten Politikern voraus. Den Klimawandel leugnen sei out, die neue Linie werde sein, dass der Klimawandel unvermeidlich ist und wir «einfach damit leben müssen». Genauso wie man uns sagt, dass wir mit der Covid-19-Pandemie «einfach leben müssen».
«Wir» ist in diesem Zusammenhang ein vernebelnder Begriff. In naher und mittlerer Zukunft werden diejenigen Teile der Weltbevölkerung, die über reichliche Wasserversorgung, sichere Nahrungsmittel, funktionierende Elektrizität und Klimaanlagen sowie über die Mittel verfügen, ihren Wohnort zu wechseln, viel leichter mit dem Klimawandel «leben» als die Armen – die Armen im globalen Süden und die Armen in den fortgeschrittenen Ländern; sie werden viel eher Opfer von Feuer und Überschwemmungen werden.
Die verheerenden Brände in diesem Sommer sind nicht etwas, das andere Menschen betrifft. Nordamerika und Nordeuropa sind in weltweite Wettersysteme eingebunden und werden ebenfalls unter den Folgen der globalen Erwärmung leiden. Ohne größere Veränderungen in der Klimapolitik ist die Zukunft düster.

*Der Autor schreibt für die Websites Socialist Resistance und Mutiny.


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