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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2021 |

Rosa Luxemburg – eine Zusammenschau ihrer Biografien

Die Zahl der Publikationen zu Rosa Luxemburg ist Legion, von den Klassikern nimmt sie hinter Karl Marx den zweiten Platz ein
von Paul B. Kleiser

Julia Killet: Fiktion und ­Wirklichkeit. Die Darstellung Rosa Luxemburgs in der biographischen und literarischen Prosa. Hamburg: Kulturmaschinen Verlag, 2020. 348 S., 21 Euro

Ihre Wiederentdeckung fällt in der BRD nicht zufällig auf die Zeit nach 1968. (Nachdem in den 1920er Jahren zahlreiche Veröffentlichung zu ihrem Leben und ihren Theorien erschienen waren, verhinderte der Stalinismus mit Verweis auf ihre Meinungsverschiedenheiten mit Lenin eine ernsthafte Debatte – ihre Arbeit zur russischen Revolution wurde lange unterdrückt.) In der DDR begann die Diskussion um ihr Leben und Werk etwas früher, vor allem Annelies Laschitza (1934–2018) setzte sich für Luxemburg ein. Zusammen mit Günter Radczun arbeitete sie an den Gesammelten Werken mit. Den Band 7 konnte sie ein Jahr vor ­ihrem Tod noch herausbringen.
In ihrer Dissertation hat nun Julia Killet den Versuch unternommen, die wichtigsten biographischen und literarischen Arbeiten über Luxemburg zu analysieren.
Ausgangspunkt ist der Rosa-Luxemburg-Film von Margarethe von Trotta von 1986, an dem auch Laschitza mitgearbeitet hat und der auch in der DDR aufgeführt werden durfte. Killet analysiert 14 Biographien aus der Zeit zwischen 1919 und 2010 – neben den klassischen Biographien von Peter Nettl (zuerst 1965 auf Englisch) und Annelies Laschitza (1996) die Arbeiten der Zeitgenoss:innen Luise Kautsky (Luxemburgs Freundin und Frau des «Ideologiepapstes» der SPD, Karl Kautsky) und Paul Frölich (1939); außerdem die beiden Bücher, die kurz nach Luxemburgs Ermordung durch die Freikorpsanhänger um Waldemar Papst von Clara Zetkin (zuerst 1919) und Karl Radek (ebenfalls 1919) veröffentlicht wurden.
Es ist auffallend, dass Luxemburg wegen ihrer revolutionären Haltung immer wieder mit «blutig» in Verbindung gebracht wurde, wiewohl sie keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Die nationalistische Rechte feierte ihre Ermordung mit irrwitzigen Behauptungen und antisemitischen Untertönen: «Das Blutbad, das Liebknecht und Luxemburg angerichtet (sic), verlangte Sühne. Sie ist schnell eingetreten und war bei Rosa Luxemburg grausam und gerecht. Man (sic) schlug die Galizierin tot. Der Volkszorn, übermächtig und ungeheuerlich geworden, verlangte die Rache» (Tägliche Rundschau, 16.Januar 1919).
Die Deutsche Tageszeitung jubilierte: «Unrühmlich haben die Häupter des deutschen Bolschewismus, die noch vor wenigen Tagen die Massen fanatisierten zum Wüten wider Vernunft und eigene Existenz, geendet … Fanatiker einer vernunftwidrigen Idee, in deren Bann sie jeden Maßstab verloren hatten … Belastet mit einer ans Pathologische grenzenden Eitelkeit, die sie verhinderte, sich über ihre Fähigkeiten wie über den wahren Umfang ihrer Gefolgschaft und Gefolge klar zu sein.» Merke: Die Vernunft steht rechts und grundlegende gesellschaftliche Veränderungen sind «vernunftwidrig». Dabei fielen dem weißen Terror zwischen November 1919 und Ende 1920 mindestens 5000 Menschen zum Opfer!

Rosa L. in der Literatur
Im zweiten Teil von Killets Arbeit geht es dann um acht literarische Arbeiten, die zwischen 1925 und 2005 veröffentlicht wurden und in deren Mittelpunkt Rosa L. steht. Der wichtigste Roman dürfte Karl und Rosa von Alfred Döblin (1950) sein, den er im Rahmen seiner Trilogie zur Deutschen Revolution veröffentlichte. Inter­essant ist auch Horst Hensels Roman Die Sehnsucht der Rosa Luxemburg (1987), in dem Hensel intensiv auf die Liebesbeziehung zwischen Luxemburg und Leo ­Jogiches eingeht, die nach dem Verlassen ihrer polnischen Heimat und dem Beginn ihres Studiums der Nationalökonomie an der ETH Zürich begann. Die zuletzt erschienene Biographie von Ernst Piper, Rosa Luxemburg. Ein Leben (2018), die ziemlich kritisch und bisweilen unfair mit den Arbeiten von Laschitza umgeht («Gralshüterin der Luxemburg-Forschung in der DDR») wird nicht mehr behandelt.
Mit Das Luxemburg-Komplott verfasste Christian von Ditfurth 2005 sogar einen «Thriller» über Rosa Luxemburg mit der Tendenz zu erzählen, was passierte wäre, wäre Luxemburg nicht ermordet worden. Sie hält eine große Rede über die Realisierung des Sozialismus: «Sie sprach über die Zukunft des Sozialismus, und sie malte sie aus wie in einem großen Gemälde voller Schönheit und Harmonie. Über die Rettung des Menschengeschlechts aus der Knechtschaft, über die Menschwerdung der Unterdrückten und die historische Aufgabe des Proletariats, Ausbeutung und Despotie für alle Zeit zu überwinden … Aber wie sie Aufgaben und die Zukunft des Proletariats schilderte, entwarf sie das Gegenbild zu Chaos und Bürgerkrieg, und sie tat es mit einer sanften Inbrunst, die die Menschen auf dem Platz verstummen ließ, ja, sie bewegungslos verharren ließ, um kein Wort zu überhören.»
Dieses intensive Zuhören der Massen unterscheidet sie bei Ditfurth von Karl Liebknecht.


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