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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2021 |

Start-Ups kommen und gehen, die Rider-Community bleibt

Arbeitskampf bei Gorillas: ‹Ohne uns können sie nicht existieren›
von Clemens Melzer

Mit Streiks und Blockaden haben sich die Fahrer:innen des Lebensmittelbringdienstes Gorillas in die öffentliche Aufmerksamkeit katapuliert. In den sozialen Medien ist das Gorillas Workers Collective präsenter als das Unternehmen selbst, sogar Bundesarbeitsminister Hubertus Heil stattete den Ridern einen Besuch ab. Wofür kämpfen die Rider und wie stehen ihre Chancen, das Kräfteverhältnis zwischen Straße und Management dauerhaft zu verschieben?

Es ist überraschend ruhig vorm Gorillas-Depot im Prenzlauer Berg. Die Blockade, zu der das Gorillas Workers Collective am 10.Juni aufgerufen hat, gleicht eher einem gemütlichen Sit-In, 40–50 junge Leute reden auf Spanisch und Englisch miteinander, es herrscht Kommen und Gehen. Vor der verklebten Depottür wird ein Transparent hochgehalten, das die Wiedereinstellung des Riders Santiago fordert, der wegen Verspätung fristlos gekündigt wurde. Außerdem verlangen die Rider ein Ende der Probezeit und einen generellen Stopp von Kündigungen ohne vorherige Abmahnungen. Die Polizei wirkt eher gelangweilt, etwas abseits diskutiert ein Vertreter der Grünen mit einem jungen Mann in Anzughose und Sneakern. «Sie reden jetzt schon die ganze Zeit mit diesem Manager, aber nicht mit uns», regt sich ein Gorillas-Fahrer auf. Seine Kollegin Valentina* zuckt mit den Achseln «Das Management hat jetzt Angst vor uns, die sind überfordert.»

Streiken auf Englisch
Wie viele ihrer streikenden Kolleg:innen kommt Valentina aus Argentinien. Sie sei auf das Einkommen angewiesen, sie wolle das nicht für immer machen, aber zur Zeit sei es ihr einziger Job. Von rund 2000 Gorillas-Ridern in Berlin kommen geschätzte 90 Prozent aus dem Ausland, vor allem aus Südeuropa und Lateinamerika. «Wir haben schon Diskussionen gehabt, ob wir die Versammlungen auf Spanisch oder Englisch abhalten», lacht Valentina mit dem Selbstbewusstsein einer Fahrerin, die der deutschen Gewerkschaftskultur zeigt, dass man sich von niemandem eine Erlaubnis einholen muss, um den Chefs die Stirn zu bieten. «Ich kämpfe für bessere Arbeitsbedingungen, die sehr ähnlich sind bei allen Lieferunternehmen, bei Lieferando, Wolt, Gorillas. Wir sind ihnen völlig egal, es kümmert sie nicht, wie wir unser Leben mit diesen Jobs leben. Aber wir sind die Arbeiterklasse, ohne uns können die gar nicht existieren.»
10,50 Euro verdient Valentina pro Stunde, etwa 5–10 Prozent der Rider bekomme etwas mehr, diese Bevorzugung sei intransparent. Sie verspricht sich Verbesserungen von den Betriebsratswahlen, die im Herbst stattfinden sollen und für die das Gorillas Workers Collective mit einer eigenen Liste an den Start gehen will, doch Valentina betont auch, wie wichtig der Einbezug der Öffentlichkeit ist, um ökonomischen Druck aufzubauen. «Diese Unternehmen interessieren sich nur fürs Geld, deswegen halte ich Streiks und Medienaufmerksamkeit zum jetzigen Zeitpunkt für die beste Möglichkeit, Druck aufzubauen.»

Die Rider-Community
Dass die Rider zusammenhalten müssen, egal welches Unternehmenslogo auf ihrem Rucksack klebt, ist eine Überzeugung, die hier alle zu teilen scheinen. Neben Gorillas-Rucksäcken sieht man auch vereinzelt Lieferando-Orange. Die Unternehmen kommen und gehen – die Rider bleiben.
In Berlin scheint sich ein eigenes Milieu zu bilden, eine Rider-Community, aus der sich ein immer wichtigerer Anteil der Beschäftigten rekrutiert. Immer mehr Chatgruppen, in denen Aktionen geplant und beworben werden, lassen sich nicht mehr nur Ridern eines Unternehmens zuordnen. Die Begeisterung fürs Radfahren, die viele Rider teilen, die sich vor Fahrradläden treffen und gegenseitig unterstützen, übersetzt sich dagegen immer weniger in Identifikation mit den wechselnden Unternehmen.
Dies zeigt sich auch zwei Monate nach der Depot-Blockade in der Prenzlauer Allee am Aktionstag #freitag13. Die Wiedereinstellung des Kollegen Santiago konnte nicht erreicht werden, immer noch gibt es das Probezeitsystem, der Protest der Rider hat aber nicht nachgelassen. Am 13.August marschieren Rider fast aller Berliner Lieferdienste von einem Unternehmensstandort zum nächsten. Bei der Schlusskundgebung vor einer Gorilla-Zentrale teilen sich Kuriere von Wolt, Domino’s und Lieferando das Mikrofon, in einem Redebeitrag wird Gorillas aus Versehen als «Deliveroo» bezeichnet, aber niemanden stört’s. «Ist doch am Ende egal», schmunzelt einer der Protestierenden im pinkfarbenen Food-Panda-Trikot, der vorher bereits für Lieferando und Foodora Essen ausgeliefert hat.

Konkurrenz um die besten Fahrer:innen
Das Modell von Foodora und Delive­roo, die auf hohe Fluktuation und eine große Reservearmee an Fah­rer:in­nen setzen, die nebenbei studieren oder anderen Jobs nachgehen, ist nicht mehr aktuell. Foodora und Deliveroo haben sich aus dem deutschen Markt zurückgezogen, der Wettbewerb um verlässliche und erfahrene Rider hat an Bedeutung gewonnen. Vor diesem Hintergrund lässt sich verstehen, warum Arbeitsbedingungen so sehr zum «Wettbewerbsfaktor» in der Branche geworden sind, wie das Handelsblatt jüngst titelte.
Die Rider haben an Organisationsmacht und an Marktmacht gewonnen und sich eine gewisse Unabhängigkeit von den Unternehmen erkämpft. Als sich Deliveroo 2019 aus dem deutschen Markt zurückzog, hatten Rider auf Facebook noch ganz ohne Ironie zu Trauerveranstaltungen eingeladen. Inzwischen scheint die Identität der Rider-Community gefestigt und das Verwechslungsrisiko mit den Unternehmensinteressen hat nachgelassen.

Ein Tattoo macht aus dem Chef keinen Rider
Peinlich wirkten dagegen die Versuche des Berliner Gorillas-Chefs Ka?an Sümer, sich bei den wütenden Ridern anzubiedern. «Ich bin im Herzen Rider», hatte er im Juni vor versammelter Belegschaft beteuert und dabei ein Fahrrad-Tattoo auf seinem Arm vorgezeigt, woraufhin ihm jedoch nur offener Spott entgegenschlug. Eine geplante PR-Fahrradtour des Firmenchefs fand nie statt, dafür griffen die Rider diese Idee auf. «Gorillas hat nie Wort gehalten und behandelt uns Arbeiter schlecht», erzählt Gorillas-Fahrer Sylvan* aus Rumänien. «Ich habe jetzt mehr über das deutsche Arbeitsrecht gelernt. Ich möchte jetzt in meinem Kiez eine Umgebung schaffen, in der Arbeiter nicht ausgenutzt werden.»
Genau diese Kiez-Glaubwürdigkeit hatte das hippe Start-Up eigentlich für sich beanspruchen wollen. Je mehr die Rider aber die Öffentlichkeit auf ihre Seite bringen, desto mehr wird die kumpelige Marketingstrategie zum Problem für das Unternehmen. In seiner neuen Finanzierungsrunde hat Gorillas Schwierigkeiten, Investitionsgelder einzusammeln. Tatsächlich dürfte der Umsatzverlust durch den Ausfall von Lieferungen unerheblich sein, der Imageschaden durch die Streiks kommt Gorillas dagegen teuer zu stehen.

Die Grenzen der Selbstorganisation
So effektiv die öffentlichkeitswirksamen Aktionen anfangs waren, so unsicher bleibt jedoch, wie lange es dem harten Kern engagierter Rider gelingt, einen solchen Aktivitätslevel aufrechtzuerhalten. Der mächtige Twitter-Account des Gorilla Workers Collective, der inzwischen dreimal mehr Follower an sich bindet als das offizielle Unternehmensprofil, eignet sich nur als Waffe, solange er ununterbrochen gefüttert wird. Und auch die vielen Presseinterviews kosten Kraft, die dann für die Organisierung der Kolleg:innen fehlt.
Zwischenzeitlich gerieten die Sitzungen der Rider zu siebenstündigen Diskussionsschlachten; die Unterstützung durch verschiedene politische Gruppen und Anwälte drohte zum Schlingerkurs zu werden, außerdem haben drei verschiedene Gewerkschaften ihre Finger im Spiel.
«Bei den ersten Versammlungen zur Vorbereitung der Wahlvorstandswahlen gab es Unterstützung durch NGG und FAU. Das war sehr hilfreich, das waren sehr nette Leute», erzählt Valentina. «Jetzt kümmert sich Ver.di als Gewerkschaft um uns, aber wir haben kein gutes Verhältnis zueinander. Sie haben sich erst für uns interessiert, nachdem wir so viel Aufmerksamkeit bekommen haben. Es geht ihnen nur darum, ihren Namen draufzusetzen, so dass alle glauben, sie wären von Anfang dabei gewesen, während wir uns als Arbeiter selbstorganisiert haben. Es ist kompliziert.»
«Gewerkschaften verfügen über Ressourcen, von denen wir Arbeiter profitieren können», findet auch Sylvan. «Aber ich habe erlebt, dass Ver.di armen und illegalisierten Arbeitern verweigert hat, bei der Streikvorbereitung mitzureden. In der FAU wiederum gibt es lange und komplizierte Prozesse, die wir als Ausländer nicht gewohnt sind.»
Während die Selbstorganisation der Rider also an Grenzen stößt und die Gewerkschaftsfrage offen bleibt, richtet sich die Hoffnung auf den Betriebsrat. Ein Wahltermin steht noch nicht fest, aber genügend Kandidatinnen stehen bereit. Mit einer starken Präsenz des Gorillas Workers Collective im Betriebsrat kann es ihnen vielleicht gelingen, mit Einheit in den eigenen Reihen weiterzukämpfen und die eigene Unabhängigkeit zu bewahren – im Bewusstsein, dass es um mehr geht als Gorillas.

Der Autor ist Marketer aus Berlin und hat als Organizer u.a. die Deliverunion-Kampagne für Essenskuriere bei Deliveroo und Foodora unterstützt.

*Namen von der Redaktion geändert.


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