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Indien: ‹No farmers, no food›

Die indische Bauernschaft ist von zahllosen Klassen- und Kastenspaltungen durchzogen. Doch der gemeinsame Kampf gegen die Konzerne vereint sie auch
von Aditya Bahl

Im Frühjahr 2021 blockierten mehr als eine halbe Million Bäuerinnen, Bauen und Landarbeiter:innen drei wichtige Autobahnen rund um Neu- Delhi. Sie protestierten gegen die Regierungsentscheidung, Agrarkonzernen die Übernahme des indischen Agrarsektors zu erlauben. Seither haben die Demonstrierenden mit ihren Traktoren und Karren eine politische Kommune auf Rädern improvisiert.

Die Konvois legen täglich bis zu fünfzehn Kilometer zurück und sind mit behelfsmäßigen Bibliotheken, Gemeinschaftsküchen, informellen Schulen, Freilichtkinos sowie mit Podien für politische Reden und Kulturveranstaltungen ausgestattet. Ungeachtet des Zerrbilds, das die Medien von ihnen zeichnen – wahlweise sind sie zurückgebliebene Analphabeten oder ausgemachte Terroristen –, feiern die Demonstrierenden ihre Ad-hoc-Kommune entschlossen als eine Art alternative Volksrepublik, die versucht, einen egalitären und gemeinschaftlichen Zugang zur Befriedigung der Grundbedürfnisse zu gewährleisten.
Die Losung, die diese enorme Bewegung zusammenhält, lautet «No farmers, no food» und ist in der indischen Öffentlichkeit schnell zu einem ideologischen Kristallisationspunkt der Kritik an den Agrarkonzernen geworden. Und sie hat auf der ganzen Welt immense politische Zugkraft gewonnen, seit Demonstrierende in Oakland, Toronto und London sie in Solidarität mit der indischen Bauernbewegung aufgegriffen haben. Doch dahinter verbergen sich eine Menge Probleme. Denn genau wie die Gesellschaft, in der sie entstand, durchziehen diese Bewegung zahlreiche klassen- und kastenbasierte Widersprüche.

Klassen und Kasten
Es gibt in Indien keine «Bauern» als solche, die indische Bauernschaft ist tief entlang von Klassen- und Kastenlinien gespalten. Neben den Interessengegensätzen, die die marginalisierten und die Kleinbauern von den Mittel- und Großbauern trennen, gibt es einen noch stärkeren Antagonismus zwischen den Bauerinnen und Bäuern auf der einen und den Landarbeiter:innen auf der anderen Seite. 56 Prozent der indischen Landbevölkerung sind landlos. Deshalb ist es eigentlich überraschend, dass sich ein populärer Slogan wie «No farmers, no food» durchsetzen konnte, der die große proletarische Mehrheit des Landes ignoriert.
Die sozialen Beziehungen der Landlosen untereinander sind wiederum klassenpolitisch differenziert und verschachtelt. Es gibt die Lohnarbeiter:innen, die oft nur saisonal eingestellt werden; Arbeiter:innen, die von Großgrundbesitzern der oberen Kasten in Knechtschaft gehalten werden; Sharecropper und Pächter, die unterschiedlichen Pachtverträgen mit den Landeigentümern unterliegen. In den hochentwickelten Agrar-Bundesstaaten, vor allem im Punjab und in Haryana, sind diese Beziehungen noch komplizierter, da es hier eine Klasse von unternehmerischen Pächtern gibt, die weder klein noch arm sind und danach trachten, ihre Anbaufläche zu vergrößern und den Einsatz ihrer Landmaschinen zu optimieren.
Am wichtigsten aber ist, dass der Zugang zu Landbesitz in Indien weitgehend durch das Kastensystem gesteuert wird. Im Punjab bspw. machen die Gemeinschaften der Dalits fast 32 Prozent der Bevölkerung aus, dennoch besitzen nur 3 Prozent von ihnen landwirtschaftliche Grundflächen. Hingegen stellen sie laut der Nationalen Statistik von 2011/12 86 Prozent der landlosen Landarbei­ter:innen. Die Kastenkultur wiederum bewirkt, dass der Klassenantagonismuns zwischen reichen und armen Jats oft von der Kastensolidarität zwischen den Jats überschattet werden, die sich ausnahmslos gegen Dalits richtet.

Der indische Agrarkapitalismus
Diese Bäuerinnen, Bauern und Landarbeiter:innen sind Rädchen im Getriebe eines ausgedehnten und komplizierten Agrarkapitalismus, in dem sie Verbrauchsgüter für die Agrarmärkte produzieren, die derzeit noch vom indischen Staat reguliert werden. Die staatliche Regulierung des Agrarsektors lässt sich bis in die Mitte der 1960er Jahre zurückverfolgen, als die Kongresspartei die Grüne Revolution einleitete, indem sie neue wissenschaftlich-technologische Betriebsmittel förderte, darunter Traktoren, Hochertragssorten (HYV), Düngemittel und Pestizide sowie neue Bewässerungsanlagen.
Die Subsistenzwirtschaft der Bauern wurde zunehmend an den neuen Agrarkapitalismus gebunden. Wurden sie anfangs noch behutsam motiviert, in neue Technologien zu investieren und für den Markt zu produzieren, so wurde der Einsatz landwirtschaftlich-technischer Produktionsmethoden bald zur Notwendigkeit. Denn die zunehmende Marktorientierung setzte die Bäuerinnen und Bauern immer stärker dem Wettbewerb aus.
Schon bald führte die kapitalistische Agrarwirtschaft mit ihren Monokulturen und ihrem hohen Einsatz an Maschinen und Chemie in mehreren Agrarstaaten, allen voran im Punjab, zu den bekannten Katastrophen: Landverlust, Verschuldung und Bodenerosion. Landarbeiter:innen müssen, der Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität zum Trotz, ihre Lebensmittel vielfach kaufen. Im April 2021 hatte die zentrale Food Corporation of India zwar Getreidevorräte von 56,4 Millionen Tonnen angesammelt – etwa das 2,7fache der Menge, die als Reserve vorgeschrieben ist.
Trotz dieser immensen Vorräte leiden große Teile der Bevölkerung unter chronischer Mangelernährung. Ende 2015 waren 40 Prozent der Kinder des Landes unterernährt, 50 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren litten unter Blutarmut. Im Welthungerindex 2020 rangiert Indien unter 107 Ländern auf Platz 94.

Ein neues Bündnis
Im Mai dieses Jahres gingen die Massenbewegungen bereits in ihren fünften Monat. Die Widersprüche zwischen Klassen- und Kasteninteressen traten dabei immer deutlicher zutage. So fragten sich viele: Wird diese Bewegung von mittleren und Großbauern angeführt? Welche Rolle spielen darin die landlosen Arbeiter:innen, insbesondere die Dalits? Ist die Bewegung ein Ausdruck der Kastensolidarität innerhalb der hochkastigen Jats im Punjab, in Haryana und Uttar Pradesh?
Neoliberale Ökonomen und Agrarwissenschaftler, die die neuen Agrargesetze offen unterstützen und immer wieder die «lautstarke Protestdemokratie» im Land beklagen, diffamieren die Bewegung als eine von Mittel- und Großbauern, die nur daran interessiert seien, ihren privaten Landbesitz und ihr politisches Alleinvertretungsrecht zu bewahren. Auch Teile der Linken heben die starke Präsenz der «ländlichen Bourgeoisie» bei den Protesten hervor.
Gleichzeitig jedoch haben die Bewegungen vor Ort unverhoffte klassen- und kastenbasierte Allianzen und Gegnerschaften geschaffen. Die Ereignisse des letzten Jahres zeigen, wie sich unter dem Druck der Bewegung die Fronten verschieben.
Noch bevor im August 2020 die Proteste gegen die Agrargesetze der Zentralregierung begannen, hatte es eine andere Bewegung auf dem Land gegeben: Während der Covid-19-Pandemie begannen die landlosen Arbeiter:innen, mehrheitlich Dalits, gegen die Großbauern im Punjab zu protestieren, von denen die Mehrheit hochkastige Jats sind. Sie forderten eine sofortige Lohnerhöhung, um die Pandemie zu überleben. Die Jat-Landwirte weigerten sich nicht nur, die Löhne zu erhöhen, sondern antworteten mit einem vollständigen sozialen Boykott der Dalit-Siedlungen in den Dörfern.
Tatsächlich haben die größeren Jat-Bauern in den letzten zwei Jahrzehnten den Kampf der Dalits um Zugang zu pachtbarem Gemeindeland auf diese Weise und oft mit offener physischer Gewalt beantwortet.
Als sich jedoch das Schreckgespenst der großen Agrarkonzerne abzuzeichnen begann, gingen prompt beide, Bauern und Landarbeiter, auf die Straße. Angeführt von verschiedenen Gewerkschaften und Basisorganisationen, von Feministinnen und Dalits starteten sie beispiellose landesweite Aktionen mit Streikposten und Besetzungen zahlreicher Bahnhöfe, Mautstellen, konzerneigener Silos, Wärmekraftwerken, Zapfsäulen, Telekommunikationstürmen und sogar Einkaufszentren. Einige dieser Blockaden waren so erfolgreich, dass die Kohleversorgung der Kraftwerke komplett unterbrochen wurde und der Punjab für kurze Zeit in eine Stromkrise stürzte.
In diesen Kämpfen entwickelte sich die Losung von der Einheit zwischen Bauern und Arbeitern zu einem starken ideologischen Kraftfeld. Deren materielle Grundlage liegt auf der Hand: Wenn die Marginalisierten und die Kleinbauern ihren Landbesitz verlieren, dann laufen auch die Arbeiter:innen in der marktwirtschaftlichen Landwirtschaft Gefahr, überflüssig zu werden.
In ihrem Zweifrontenkampf gegen die Jat-Bauern und gegen die Agrarkonzerne sind die landlosen Arbeiter:innen keineswegs allein. In den letzten zehn Jahren haben sich mehrere Kleinbauernvereinigungen als gute Verbündete im Kampf um höhere Löhne und um den Zugang zu den gemeinsamen Ressourcen in den Dörfern erwiesen. In den letzten Jahren haben sie den landlosen Dalit-Arbeiter:innen Schutz vor der Androhung physischer Gewalt durch Jat-Bauern geboten und Netzwerke der gegenseitigen Hilfe zwischen marginalisierten und Kleinbauern, landlosen Arbei­ter:innen und Dalits geknüpft.
Dennoch hebt das neu gefundene Bündnis keineswegs die langjährigen Interessengegensätze auf. Vielmehr glimmen die Spannungen weiter. Die Einheit bleibt höchst zerbrechlich.

Hetze gegen Muslime
Die Bewegung gegen die Agrarkonzerne hat sich inzwischen auch auf andere Teile des Landes ausgeweitet, doch nicht mit derselben Intensität. In Haryana, Uttar Pradesh und Rajasthan haben die Demonstrierenden lediglich die Mautstellen der Autobahnen besetzt. Das kann zum Teil daran liegen, dass sich die Proteste in diesen Bundesstaaten auf die Khaps konzentrieren, die traditionellen kasten- und clanbasierten Dorfräte, die die Bastionen der politischen Macht der Jats in Nordindien bilden.
In den letzten Jahren wurden die rein männlichen Räte der Khaps in der indischen Öffentlichkeit regelmäßig dafür angeprangert, dass sie Kastendenken und Vergewaltigungskultur Vorschub leisten. Im Vorfeld der Muzaffarnagar-Unruhen 2013 wurde ihr Agrartraditionalismus leichte Beute für rechte Hindus, die die Khaps infiltrierten und manipulierten, um die ländliche Bevölkerung entlang der religiösen Bruchlinien zwischen Hindus und Muslimen zu spalten. Angestachelt durch eine islamfeindliche Propaganda, die von den Khaps in mehreren Versammlungen verbreitet wurde, töteten Hindu-Jats schließlich 42 Muslime, die meisten von ihnen landlose Arbeiter, und zwangen 52000 Muslime, aus ihren Dörfern zu fliehen. Später töteten die Muslime als Vergeltung 20 Hindu-Jats.
Im Januar 2021 rief die Bauerngewerkschaft BKU zu einer Versammlung von zwölf verschiedenen Khaps in Muzaffarnagar auf. Etwa 10000 Bäuerinnen und Bauern nahmen an der Veranstaltung teil und beschlossen gemeinsam, die laufenden Blockaden bei Neu-Delhi zu unterstützen und einen Wahlboykott der BJP-Regierung einzuleiten. Ähnliche Versammlungen folgten bald darauf in anderen Teilen Nordindiens, dort wurden jeweils ähnliche Resolutionen verabschiedet.
Die Jat-Gemeinschaften, die sich zuvor mit der Hindu-Rechten verbündet hatten, begannen nun, der BJP-Regierung offen ihre Wahlunterstützung zu entziehen. Allerdings beschränkt sich der taktische Horizont dieser Versammlungen, anders als im Punjab, auf Wahlresolutionen. Bislang bieten die Khaps wenig Raum für einen Kampf gegen die Ausbeutung, die innerhalb der Jat-Gemeinschaften herrscht. Sie bleiben nach wie vor entlang der Linien von Kaste, Geschlecht und Klasse tief gespalten.

Erneuerung der Bewegung
Es gibt auch Bestrebungen, die islamfeindliche Kluft zu überwinden. Vor allem diejenigen Mitglieder der Khaps und der BKU, die an den Unruhen beteiligt waren, bestanden darauf, dass die Jats und die Muslime die Vergangenheit vergessen und den Kampf gegen die drei neuen Landwirtschaftsgesetze gemeinsam führen müssen. Im Januar spielten die politischen Resolutionen, die sowohl zum Boykott der BJP als auch zur Erneuerung der politischen Allianz zwischen den Jats und den Muslimen aufriefen, eine entscheidende Rolle für die Erneuerung der Bewegung – zu einem Zeitpunkt, wo brutale Polizeirepression ihre Zukunft erheblich gefährdete.
Im Punjab hat sich die BKU entschlossen dafür eingesetzt, die Kämpfe der landlosen Arbeiter und der Dalit-Gemeinschaften zu unterstützen, und gleichzeitig vielfältige Netzwerke feministischer Solidarität in den ländlichen Gebieten aufgebaut. Die Frauen organisieren aktiv die Bewegung, sie bewachen die Blockaden, komponieren und singen neue Protestlieder, fahren Traktoren und Rikschas, verwalten die Bühnen, betreiben Gemeinschaftsküchen…
Das Aufkommen dieser politischen Solidarität markiert eine entscheidende Zäsur in der jüngeren Agrargeschichte Indiens. In den späten 80er Jahren, als Agrarproteste ähn­lichen Ausmaßes in ganz Nord­indien ausbrachen, waren Frauen, landlose Arbeiter und Dalits noch von der Teilnahme an den riesigen Kundgebungen und Märschen ausgeschlossen.
Der populäre Widerstand gegen die Großkonzerne scheint sich unausweichlich mit einer noch jungen Arbeiterpolitik zu verbinden, die mehr als nur die drei fraglichen Agrargesetze ins Visier nehmen will.

*Der Autor ist Doktorand an der Johns Hopkins University, Baltimore. Seine Essays über postkoloniale Politik und Kultur sind bei Verso, in The New Inquiry, Spectre, Trolley Times und anderen Medien erschienen.

Für die Zeitschrift Südasien (Nr.2, 2021) aus dem Englischen übersetzt von Claudia Koenig. Gekürzt und bearbeitet für die SoZ von Angela Klein. Der englische Originaltext erschien am 28.April 2021 im Internetportal HIMALAC unter dem Titel «A new border in the old republic».


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