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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 10/2021 |

Kann ökologischer Landbau die Welt ernähren?

Globaler Wandel in der Lebensmittelproduktion nötig
von Tina Ress

Die Frage unserer Ernährung spielt in vielen Diskussionen eine zunehmende Rolle. Sie ist nicht nur für die Gegenwart existenziell, sondern auch für unsere weitere Zukunft, denn Schätzungen zufolge wird die Weltbevölkerung im Jahr 2050 knapp zehn Milliarden Menschen zählen. Diese Menschen müssen sich ernähren können. Welche Formen des Landbaus werden für unsere Zukunft notwendig sein? Kann ökologischer Landbau die Lösung sein und die wachsende Weltbevölkerung ernähren?

Eine genauere Betrachtung ausgewählter wissenschaftlicher Untersuchungen legt nahe, dass das Problem der Ernährung der Weltbevölkerung noch nicht gelöst ist. Einige Aspekte sprechen jedoch für den ökologischen Landbau:

Biodiversität: Weil er eine große Diversität an Pflanzen, Tierarten und Mikroorganismen kennt, kommt es zu einer natürlichen Regulierung von Schädlingen und die Ökosysteme verbessern sich – dies wirkt im landwirtschaftlichen Betrieb ertragssteigernd. Pestizide, Herbizide und andere Gifte, die im konventionellen Ackerbau ausgebracht werden, schädigen Fauna und Flora. Die Verringerung der Biodiversität ist eine der planetaren Belastungsgrenzen der Erde, sie ist an einem gefährlichen Punkt angelangt, von dem sie sich nicht mehr erholen könnte.

Bodenbelastung: Für ökologischen Landbau spricht auch die geringere Belastung von Böden und Grundwasser durch Nitrate infolge des Einsatzes von Düngemitteln. Unter der Federführung der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina mahnt ein wissenschaftlicher Verbund in einer Stellungnahme im Jahr 2020 die Dringlichkeit einer veränderten Agrarwirtschaft an: «Die Situation ist dramatisch, der Handlungsbedarf akut. Auch deshalb wird es nicht genügen, nur einzelne Komponenten des Systems der Agrarlandschaft zu verändern. Es bedarf eines gesamtgesellschaftlichen Wandels hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft, die auch den Schutz der biologischen Vielfalt einbezieht.»

Weitere Aspekte: Es seien hier aber auch die Aspekte genannt, die es nicht sicher machen, dass ökologischer Landbau in Zukunft die Lösung sein kann. Die genannte Stellungnahme führt dazu aus: «Bezieht man die Umweltbilanz des Ökolandbaus auf den geringeren Ertrag, fallen die Vorteile je nach Indikator und Wirkungsweise geringer bis neutral aus. Generell ist zu sagen, dass manche Kulturen, Böden und Standorte besser für den Ökolandbau geeignet sind als andere.» Es ist also von verschiedenen Faktoren abhängig, ob ökologischer Landbau erfolgreich ist. Eine ebensowenig sichere Antwort gibt es auf die Frage, ob der derzeit vermutete, geringere Ertrag im ökologischen Landbau die Nachfrage nach Ackerland und damit den Druck auf die Umwelt erhöhen würde. Die Debatte ist eben komplex.

Verschwendung: Ein Bericht des Zürich-Basel Plant Science Center aus dem Jahr 2017 kommt allerdings zu der Feststellung, ökologisch angebaute Pflanzen hätten einen höheren Nährstoffgehalt und könnten deshalb dem Trend entgegenwirken, mehr Lebensmittel mit niedrigerem Nährstoffgehalt konsumieren zu müssen, um den Kalorienbedarf zu decken. «Dies könnte sich auf den Kalorienbedarf auswirken und den Bedarf an höheren Erträgen bei unseren wichtigsten Grundnahrungsmitteln stabilisieren.»
Die lokalen Anbaubedingungen hier und dort sind auch nur ein Teil des Ganzen, weitere abhängige Bedingungen sind miteinzubeziehen. Etwa die Tatsache, dass zu viele Lebensmittel produziert werden, die entweder weggeworfen werden oder in den Export gehen. Generell unsere Handelspolitik mit Lebensmitteln, die es erlaubt, unter schlechten Produktionsbedingungen hergestellte Waren aus Ländern des globalen Südens zu importieren und minderwertige Lebensmittel von Europa in Länder des globalen Südens zu exportieren.
Eine große Rolle spielt auch der aktuelle und bis 2050 noch steigende Bedarf an tierischen Lebensmitteln, deren Produktion ebenfalls viele negative ökologische, handelspolitische, wirtschaftliche und soziale Folgen hat. Nimmt man diese zusätzlichen Aspekte der globalen Landwirtschaft in die Bewertung der Umstellung auf Ökolandbau hinein, sieht dessen Zukunftsperspektive schon wieder positiver aus.

Ein Fazit sollte hier allerdings, trotz der Unklarheiten, feststehen: Es braucht einen tiefgreifenden globalen, ökologischen Wandel in der landwirtschaftlichen Lebensmittelproduktion und darüber hinaus auch in der Gesellschaft. Nur so kann die Ernährung von bald zehn Milliarden Menschen möglich werden.


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