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Nichts wird gut in Afghanistan

An die Stelle der Bomben werden ausländische Investoren treten – der Krieg um die Bodenschätze wird mit anderen Mitteln fortgesetzt
von Angela Klein

Einen militärischen und politischen Sieg der Taliban nennt der Afghanistan-Forscher Jonathan Neale den Abzug der NATO-Truppen nach 20 Jahren Krieg. Es ist die schwerste Niederlage der USA seit dem Vietnamkrieg – ungeachtet der Tatsache, dass der Abzug vor eineinhalb Jahren ausgehandelt wurde.

Sicher hatten die Führer der NATO etwas anderes erwartet: Im Februar 2020 war vereinbart worden, dass die Taliban mit der afghanischen Regierung einen Übergang aushandeln sollten. Doch die afghanische Armee und die Polizei sind im Zuge der Offensive der Taliban in kürzester Zeit zusammengebrochen – es gab u.a. keinen Sold mehr für sie.

Vor allem der politische Sieg gibt Fragen auf: Der Westen verspricht Demokratie, sozialen Aufstieg, Frauenrechte – und die Afghanen öffnen ihre Tore finsteren Fundamentalisten? Wie kann das sein? «Kein Guerillaaufstand der Welt kann solche Siege ohne die Unterstützung der Bevölkerung erringen», schreibt Neale in einer Rückschau vier Tage nach der Flucht der afghanischen Präsidenten. «Aber vielleicht ist Unterstützung nicht das richtige Wort. Vielmehr mussten sich die Menschen in Afghanistan für eine Seite entscheiden. Und mehr Afghanen haben sich auf die Seite der Taliban gestellt als auf die der amerikanischen Besatzer.
Natürlich haben sich nicht alle Afghanen auf die Seite der Taliban geschlagen. Dies ist ein Krieg gegen ausländische Invasor:innen, aber es ist auch ein Bürgerkrieg.»
Die meisten Afghanen haben gelernt, die US-Invasoren zu hassen. Das war nicht immer so. Als die USA 2001 in Kabul einmarschierten, gab es in den darauffolgenden zwei Jahren zunächst keinen Widerstand dagegen. Auch die Menschen in den Dörfern hofften, die Besatzung werde nach 23 Jahren Krieg und Bürgerkrieg Frieden bringen und eine Entwicklung einleiten, die sie aus der Armut befreien würde. Doch die US-Soldaten machten sich in den Dörfern auf die Jagd nach Terroristen: «In nächtlichen Razzien brachen sie Türen auf, demütigten und verängstigten Familien und verschleppten Männer, die gefoltert wurden, um Informationen über andere ‹Bösewichte› zu erhalten. Die Dorfbewohner setzten sich zur Wehr und schossen zurück. Das US-Militär forderte Luftangriffe an, und ihre Bomben to?teten eine Familie nach der anderen.»
Es floss viel Geld aus NATO-Ländern nach Afghanistan, aber es ging an die Regierung in Kabul, die mit den Besatzern zusammenarbeitete, an die Warlords, die in den Opiumhandel verstrickt waren, an die Männer und Frauen, die an der Anwesenheit der fremden Soldaten verdienten oder für ausländische NGOs arbeiteten. Das Ausmaß der Korruption muss beispiellos gewesen sein. Recht war unter diesen Bedingungen nur zu bekommen, wenn man den Richter bestechen konnte.
Die Taliban waren nicht korrupt und sie ließen sich für Rechtsprechung nicht bezahlen, auch Arme konnten ihr Recht bekommen. Das wog letztlich schwerer als die Tatsache, das sich diese Rechtsprechung an mittelalterliche Vorbilder anlehnte. Will man diesen Zusammenhang besser verstehen, muss man weiter ausholen und die Gesellschaftsstruktur Afghanistans verstehen.
Die Taliban sind nicht das Produkt des Mittelalters. Sie sind das Produkt einiger der schlimmsten Zeiten des späten 20. und frühen 21.Jahrhunderts. Die Taliban haben den Krieg gewonnen, weil sie die arme Landbevölkerung auf ihre Seite gebracht haben.

Ist jetzt Frieden?
Der afghanische Staat kann ohne Hilfe von außen nicht existieren, das wissen auch die Taliban. Und die an dem Land interessierten ausländischen Mächte wissen das auch. Das öffentliche Weinen im Westen über das Schicksal, das den Frauen jetzt droht, und die Empörung darüber, dass die USA ihre Verbündeten mal wieder nicht gefragt haben, als sie die Zelte abgebrochen haben, ist schnell der Einsicht gewichen, dass Einfluss nicht nur über Soldaten, sondern auch über Geld zu nehmen ist.
Der IWF war zwar sofort bei der Hand, den Geldhahn zuzudrehen; er wird aber auch wieder aufgehen, dafür sind zu viele fremde Interessen im Spiel. Natürlich werden daran fürs Schaufenster zur öffentlichen Meinung ganz viele humanitäre Bedingungen geknüpft: «Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte» kann in dem Fall jedoch getrost übersetzt werden mit «freie Bahn für ausländische Investoren». Die Frauen, die jetzt soviel Mitleid erfahren, sitzen an keinem Verhandlungstisch. Und eventuelle Fantasien, gegen die Taliban Widerstand organisieren zu wollen, sind angesichts seiner Aussichtslosigkeit schnell zusammengebrochen.
Weder die Anrainerstaaten noch die Großmächte haben derzeit das geringste Interesse daran, das Land noch weiter ins Chaos zu stürzen. Der Appetit, es mit seiner geostrategischen Lage und seinen Rohstoffvorkommen jeweils in die eigene ökonomische Einflusssphäre einzugliedern, ist auf allen Seiten zu groß.
Die Taliban werden diese Vorzüge zu verkaufen wissen. Man darf gespannt sein, wann in großem Stil die Lithiumvorkommen gehoben, Ölpipelines verlegt, Schienen- und Straßennetze gebaut werden. Da werden sich die Mullahs als höchst modern erweisen. Aus einem bitterarmen Agrarland droht ein ebenso bitterarmes Öl- oder Lithiumland zu werden. Und die Schätze im Boden werden in den Schatztruhen der Investoren landen – und auch der Taliban. Die Spirale der Korruption dreht sich nur um eine Windung weiter.


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