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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Paul Kleiser (1950–2021)

In den frühen Morgenstunden des 16.September ist unser Freund und Genosse Paul Kleiser nach schwerer Krankheit gestorben
von Angela Klein

Er ist zu früh gegangen, das hinterlässt bei der großen Gemeinde derer, die ihn schätzten und sich an ihm orientierten, ein Gefühl der Bitterkeit. Denn Paul war ein treuer und zuverlässiger Familienvater und Genosse, zugleich mit weit überdurchschnittlichen Fähigkeiten ausgestattet, was die Zusammenarbeit mit ihm nicht immer einfach gemacht hat.

Diejenigen, die Paul lange gekannt haben, haben vor allem seine Liebe zum Film in Erinnerung – sie hat ihn sein Leben lang begleitet, er hatte da einen enormen Fundus angesammelt, Godard und Fassbinder waren so Meilensteine. Einige seiner schönsten Artikel hat er über Filme geschrieben. Überhaupt war er dem Schönen gegenüber sehr aufgeschlossen, in Kunst und Literatur sehr bewandert. Dazu mag beigetragen haben, dass er eine solide klassische Bildung an einem altsprachlichen Gymnasium genossen hat.
Das war in Rottweil im Schwarzwald. Die Eltern waren Landwirte, der Vater auch Feinmechaniker, Paul das älteste von sieben Kindern. Er studierte dann Germanistik, Geschichte, politische Wissenschaft und Volkswirtschaft zunächst in Konstanz, dann in München, wo er sein Staatsexamen bei Sontheimer machte. Das war ein Studium für eine Laufbahn als Lehrer, und tatsächlich hat er sich bei einem Frankreichaufenthalt während seines Studiums als Deutschlehrer betätigt. Hier kam er auch mit den Nachwirkungen des Mai 68 und mit der IV. Internationale in Berührung – eine politische Erfahrung, die sein Leben bis zum Schluss prägte.

Der Lehrer
Doch das enge Korsett des Lehrerdaseins war nichts für Paul. Er büxte bald aus und arbeitete als Journalist für die Zeitschrift Filmkritik, bis diese 1984 ihre Tore schließen musste. Danach machte er sich als Versicherungskaufmann selbständig, sein Hauptberuf bis zur Rente. Paul hatte ein großes Verkaufstalent, nicht nur für Versicherungspolicen, auch für Bücher und Zeitschriften. Bei annähernd jeder Demonstration tauchte er mit einer Tragetasche voller Schriften auf. Die SoZ hat an ihm einen ihrer Starverkäufer verloren; und von den Büchern, die er geschrieben hat, hat er manche Auflage ganz allein unters Volk gebracht.
Er hatte eine große Fähigkeit, auf andere zuzugehen und bei ihnen Interesse für seine Anliegen zu wecken. Seine Veranlagung zum Lehrberuf lebte er an der Münchner Volkshochschule aus, dort leitete er 46 Jahre lang, bis zum Schluss, jeden Mittwoch einen Kurs über aktuelle politische Fragen.

Der vielseitig Gebildete
Sein Beruf ließ ihm auch sonst viele Freiheiten. So konnte er sich einer weiteren Lieblingsbeschäftigung widmen: dem Lesen und Schreiben. Er war ein ausgesprochener Schnellleser, mit dem Gedächtnis eines Elefanten. Und er hatte einen sehr breiten Interessenhorizont – von Geschichte (nicht nur der Arbeiterbewegung) bis zu ökologischen Fragen, von der Ökonomie und marxistischen Theorie bis zu Fragen der Kulturgeschichte. So konnte er aus dem Stegreif fundierte Vorträge zu fast allem und jedem halten und war ein ebenso begehrter Redner wie Artikelschreiber. Er tat das u.a. beim Sozialforum, bei den Naturfreunden, der LINKEN, der GEW, Attac und vielen anderen Organisationen und Initiativen. Jahrzehntelang nahm er jährlich an der Sommerschule der SOAL, der österreichischen Sektion der IV. Internationale, in Österreich teil, wo er stets über aktuelle Probleme referierte. Er war wie wenige in der Lage, sie zu analysieren und verständlich darzustellen.
Besonders hervorzuheben ist an dieser Stelle sein Beitrag für den Neuen ISP Verlag. Für diesen wirkte er ab den 80er Jahren als Gesellschafter, Lektor, Übersetzer, Herausgeber, Autor, Buchverkäufer und Mäzen; diese Tätigkeit beanspruchte einen großen Teil seiner Arbeitskapazität.
Die SoZ verdankt ihm zahlreiche Artikel zu Themen, die ihn immer wieder beschäftigten, vor allem die Geschichte und Entwicklung der CDU/CSU seit der Nachkriegszeit – noch in diesem Sommer hat er ein Buch mit der Bilanz der Regierungszeit Merkel veröffentlicht. Er demontierte aber auch den Mythos um Ludwig Erhard, untersuchte den Spendenskandal der Union und ging den braunen Wurzeln der FDP nach.
Zuletzt ließ er es sich nicht nehmen, trotz Krankheit und neben seinen zahlreichen sonstigen Verpflichtungen auch noch die Herausgabe der Zeitschrift der ISO, Die Internationale, mitzuwirken.

Der Internationalist
In seinem politisch-praktischen Wirken war Paul in erster Linie ein Internationalist: Der Kampf gegen den NATO-Doppelbeschluss, die Solidarität mit der Revolution in Nicaragua, mit Solidarnosc in Polen Anfang der 80er Jahre waren solche Stationen. Nach der Wende engagierte er sich in der globalisierungskritischen Bewegung, nahm am Weltsozialforum in Porto Alegre teil und gründete mit anderen das Münchner Sozialforum, das es bis heute gibt, sowie das Münchner Bündnis für gerechten Welthandel.
Zu Griechenland hatte er eine besondere Affinität. Als vor wenigen Jahren das Land von der Troika gequält wurde, half er mit großem Einsatz, Medikamente und Hilfsgüter für die Soziale Klinik in Athen einzusammeln. Mehrfach fuhr dorthin, um Kontakte zu knüpfen und schaltete sich in die Diskussion um die deutsche Kriegsschuld ein, die bis heute nicht getilgt ist. Ebenso wichtig war ihm die Solidarität mit dem palästinensischen Volk.
Paul war jahrelang Leitungsmitglied der ISO und seiner Vorläuferorganisationen; auch hier wirkte er vor allem meinungsbildend. Für andere Sektionen der IV. Internationale stand er als Vortragsreisender zur Verfügung.

Paul hinterlässt seine Frau Traude und zwei Söhne. Für seine Familie und seine Freunde, für die SoZ, den Verlag, die ISO und für die Münchner Linke insgesamt reißt sein Tod eine Lücke, die nicht zu schließen ist.


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