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Zwischen Hoffnung und Furcht

Afghanische Frauen auf dem Land sprechen über Krieg und Frieden
von Martine van Bijlert

Nach dem Friedensabkommen zwischen den USA und den Taliban Ende Februar 2020 führte ein Team des Afghanistan Analysts Network (AAN) eine Untersuchung unter Landfrauen durch. In ausführlichen Gesprächen trug es die Ansichten, Erfahrungen, Ängste und Hoffnungen von afghanischen Frauen auf dem Land zusammen. Nachstehend eine Zusammenfassung.

Afghanische Aktivistinnen drängen auf eine stärkere und sinnvollere Vertretung im Friedensprozess. In ihren Kampagnen und ihrer Lobbyarbeit machten sie deutlich, dass ihr Kampf nicht «nur» dem Schutz der Frauenrechte galt, sondern vielmehr einem nachhaltigen Frieden, der nicht zu einer Auflösung des politischen Systems führt, der sicherstellt, dass die Gewalt reduziert, wenn nicht gar beendet wird, und der die Rechte und Freiheiten großer Teile der Bevölkerung nicht beschneidet.
Ihre Forderungen stoßen zwar häufig auf Sympathie, haben aber nur sehr wenige Taten zur Folge. Frauenrechtlerinnen werden oft als Vertreterinnen einer kleinen und privilegierten Untergruppe der afghanischen Bevölkerung abgetan. Es wird argumentiert, sie repräsentierten nicht die Mehrheit der afghanischen Frauen, insbesondere nicht diejenigen, die in ländlichen Gebieten leben und die, so heißt es, möglicherweise ganz andere Prioritäten haben. Darüber hinaus argumentierten Politiker und Diplomaten, manchmal sogar ausdrücklich, dass die Rechte und Grundfreiheiten der Frauen zwar wichtig seien, aber möglicherweise der Preis für die Erreichung des Friedens und die Beendigung der Härten des Krieges sein müssten.
Aus diesen Gründen beschlossen wir, mit Frauen in entlegeneren Orten zu sprechen. Wir waren der Meinung: Wenn schon über afghanische Frauen im allgemeinen mehr geredet, als ihnen Gehör geschenkt wird, so gilt dies umso mehr für Frauen, die in ländlichen Gebieten leben und die wahrscheinlich die Bevölkerungsgruppe sind, die am wenigsten Gelegenheit, Raum oder Zeit hat, für sich selbst zu sprechen.
Deshalb haben wir in dieser qualitativen Studie ein breites Spektrum von Frauen aus ländlichen Gebieten zu ihrem Alltag befragt und dazu, wie sie von der Sicherheitslage in ihren Gebieten betroffen sind, was sie über den laufenden Friedensprozess wissen und wie sie sich vorstellen, wie der Frieden aussehen würde, wenn er eintritt.

Frieden macht vieles möglich
In den Gesprächen zeigte sich, dass die meisten Frauen besser informiert waren, als man vielleicht erwarten würde. Ihre Antworten, insbesondere im Lichte der jüngsten Ereignisse (im Juni 2021 überrannten die Taliban mindestens sechs der neunzehn in dem Bericht erfassten Distrikte), sind ergreifend, aufschlussreich und oft herzzerreißend.
Auf die Frage, was sie von dem Abkommen zwischen den USA und den Taliban hielten, antwortete eine beträchtliche Anzahl von Frauen, dass sie sich darüber freuten. Sie sagten, es habe sie hoffnungsvoll gestimmt – weil Frieden besser sei als Krieg und weil sie hofften, das Abkommen würde zu einem Waffenstillstand führen. Andere waren viel skeptischer und äußerten tiefe Zweifel an den Absichten der Gesprächspartner – der Taliban, der Regierung und der Amerikaner. Einige Frauen meinten, die Vereinbarung zeige, dass die Amerikaner besiegt worden seien.
Nur sehr wenige Frauen waren optimistisch, dass der Friedensprozess die gewünschte Kombination aus einem Ende des Konflikts, Sicherheit und Bewegungsfreiheit bringen könnte. Doch bei fast allen, selbst bei den pessimistischsten, wurde ihre Negativität und ihr Zögern durch die hartnäckige Hoffnung gemildert, dass es eine Chance gibt, wenn schon nicht für einen vollständigen Frieden, so doch zumindest für eine Verringerung der Gewalt.
Die von den Frauen geäußerten Befürchtungen haben sich in der Zwischenzeit als nur allzu berechtigt erwiesen. Viele waren ausdrücklich besorgt, dass die Dinge wahrscheinlich gleich bleiben oder sich verschlechtern würden. Sie befürchteten, dass sich die Situation verschlechtern würde oder dass der «Frieden» zu einer stärkeren Kontrolle durch die Taliban, zu mehr Einschränkungen oder zu einem höheren Maß an Gewalt führen würde. Mehrere Frauen haderten mit der Möglichkeit, dass diejenigen, die so vielen Familien Leid zugefügt haben, nicht zur Rechenschaft gezogen werden könnten.
Sie hofften, dass der Frieden, ein wirklicher Frieden, es ihnen ermöglichen würde, sich freier zu bewegen, Verwandte sicher zu besuchen, an Familientreffen teilzunehmen, einer Arbeit nachzugehen oder sich weiterzubilden, das Land zu bereisen und zu sehen und sogar Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Sie erhofften sich mehr Seelenfrieden, mehr Einkommen und bessere Investitionsmöglichkeiten, bessere Gesundheitseinrichtungen und ein größeres Sicherheitsgefühl.
Mehrere erwähnten, dass sie sich vom Frieden mehr Zugang zu ihren Rechten erhofften, einschließlich des Rechts auf Bildung, Beschäftigung und freie Wahl der Ehepartner. Andere hofften, dass sie besser in der Lage sein würden, ihren Nachbarn und Gemeinschaften zu helfen, dass der Frieden ihnen die Möglichkeit geben würde, zu planen und vorauszuschauen, mehr Energie und Geduld zu haben, um sich um ihr Haus und ihre Kinder zu kümmern und ihre Beziehungen zu den Männern in ihren Haushalten zu verbessern. Fast alle stellten sich vor, dass die Abwesenheit von Kriegslärm und -nachrichten ihnen erlauben würde, weniger ängstlich, vielleicht sogar glücklich zu sein.
Vor allem aber wurde in den Gesprächen die Vorstellung in Frage gestellt, Frauen in ländlichen Gebieten seien mit dem zufrieden, was von den Taliban oder anderen afghanischen Konservativen oft als «normal» dargestellt wird. Fast alle Frauen, mit denen wir sprachen, äußerten unabhängig von der politischen Einstellung und dem Grad des Konservatismus, der sich aus den Antworten ablesen ließ, die Sehnsucht nach größerer Bewegungsfreiheit, nach Bildung für ihre Kinder (und manchmal auch für sich selbst) und nach einer größeren Rolle in ihren Familien und im weiteren gesellschaftlichen Umfeld.
In dieser Hinsicht macht der Bericht deutlich, dass der Traum von einer größeren Handlungsfähigkeit der afghanischen Frauen nicht nur die Domäne derjenigen ist, die sich öffentlich äußern können. Die Prioritäten der Frauen auf dem Lande unterscheiden sich nicht so sehr von denen, die von den besser vernetzten Aktivistinnen vorgebracht werden, und die von diesen Aktivistinnen vorgebrachten Anliegen sind in der Tat tief empfunden und dringend.

Der Text wurde am 6.Juli 2021 online gestellt: www.afghanistan-analysts.org/en/special-reports/new-special-report-between-hope-and-fear-rural-afghan-women-talk-about-peace-and-war/.


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