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Digitalisierung der Schule

Auf den Bedarf der Konzerne zugerichtet
von Larissa Peiffer-Rüssmann

Der Digitalisierungswahn im Bildungsbereich verfehlt die technischen und die pädagogischen Ziele.

Lehrkräftemangel und die Corona-Pandemie haben die Diskussion um eine durchdigitalisierte Schule in einer Weise beflügelt, dass der Eindruck entsteht, ohne Tablets und Lernsoftware geht im Bildungsbereich gar nichts mehr. Hinter dieser Euphorie verschwindet die Realität an unseren Schulen.

Tablets und digitale Lernprogramme haben sich als unfähig erwiesen, die vielfältigen Probleme im System Schule zu lösen – zumal während der Coronakrise, wo sich Distanz- und Präsenz­unterricht ablösten. Die IT-Industrie jubelte und wollte glauben machen, allein die digitale Ausstattung könne die Probleme lösen. Dabei wurde sie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt.
Die Ministerin Anja Karliczek meinte: «Die Coronakrise bietet Deutschland in Sachen digitaler Bildung eine große Chance … Wir sehen, wie nützlich digitale Lernangebote sein können.» Aber es hat sich gezeigt, dass der Einsatz digitaler Medien die Kluft zwischen den sozialen Gruppen verstärkt hat, nicht nur weil die Lernenden mit digitalen Endgeräten unzureichend ausgestattet sind, sondern auch weil ihnen während des Home Schooling die Unterstützung fehlte. Auch gibt es bis heute keine valide wissenschaftliche Studie, die den Nutzen der Digitaltechnik im Unterricht belegen kann.
Im Mai 2019 trat nach Zustimmung der Länder der DigitalPakt mit 5 Milliarden Euro in Kraft. Von diesen 5 Milliarden wurden bisher nur 189 Millionen abgerufen – u.a. eine Folge der komplizierten und aufwendigen Antragsverfahren. Dabei müssen die Schulen ein technisch-pädagogisches Konzept ausarbeiten, und das geriet durch die Pandemie ins Stocken. Infolge der pandemiebedingten Schulschließungen und des Home School­ing wurde eine Aufstockung um weitere 1,5 Milliarden beschlossen, u.a. für ausleihbare mobile Endgeräte. Ende Juni 2021 wurden von den jetzt insgesamt 6,5 Milliarden des Bundes nur 852 Millionen abgerufen. Dagegen wurden die Gelder für Leihgeräte fast ausgeschöpft, während von den 500 Millionen Euro für Schuladministration fast nichts abgeflossen ist. Da fehlt wohl das Personal!

IT-Konzerne fallen in die Schulen ein
Der Bundesverband der Verbraucherzentralen beklagt «immer mehr Lehr- und Lernangebote, die überhaupt nicht qualitätsgesichert sind». Die Lernangebote der großen IT-Konzerne dienen vor allem den Unternehmen, sie gelangen ungefiltert in die Schulen und ermöglichen eine einseitige Beeinflussung. Das unterscheidet sie von den herkömmlichen, staatlich geprüften und von Werbung freien Schulbücher.
Schule sollte ein Raum für Interaktion sein, für ein gemeinsames Lernen in authentischen Situationen, wo Ergebnisse mit dem Nachbarn oder in der Gruppe zusammengetragen und ausgewertet werden – ohne Kontrolle und permanente Lernstandserhebung. An den Ergebnissen sind alle beteiligt, entsprechend ihren individuellen Möglichkeiten. Als Schü­le­r:innen aller Schulformen zu Beginn des Präsenzunterricht nach den diesjährigen Sommerferien nach ihren Wünschen befragt wurden, erklärten alle, sich vor allem auf das gemeinsame Lernen in der Klassengemeinschaft zu freuen. Von positiven Erfahrungen am PC war in keiner Aussage die Rede.

Kontrolle und Steuerung
Es geht um die Privatsphäre und den Schutz der Persönlichkeitsrechte im Bereich der Schulen. Ralf Lankau von der Hochschule Offenburg fordert «Gegenmodelle zu dem, was mit der vom Bildungsministerium finanzierten HPI-Schul-Cloud vom Hasso-Plattner-Institut oder Systemen von Anbietern wie Apple, Google oder Microsoft angestrebt wird». Nicht die Geschäftsmodelle der großen IT-Konzerne sollten im Vordergrund stehen, sondern die Autonomie und Freiheit des Einzelnen.
Um den Zugriff auf alle schulischen Arbeitsergebnisse zu verhindern, wird der Rückkanal für Daten gekappt und lokal mit Offline-Rechnern gearbeitet. Nicht benötigte Ergebnisse können anschließend gelöscht werden. «Persönlichkeits- und Leistungsprofile werden weder erstellt noch vermarktet. Technisch wird das mit offenen Betriebssystemen wie Linux und Open-Source-Software realisiert.» Alle Arbeitsergebnisse, Beurteilungen, Zeugnisse aus dem schulischen Bereich bleiben in den Händen der Lernenden (im «Schulranzen»). Sie gehören nicht in eine «digitale Öffentlichkeit».
Im Rahmen dieser Diskussion vermisse ich eine kritischere Haltung vor allem der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sie sorgt sich mehr um die «Abgehängten» während der Coronakrise, die nicht über die nötige technische Ausstattung verfügen, anstatt sich grundsätzlich Gedanken über Digitalisierungskonzepte für die einzelnen Altersgruppen zu machen.

Digitalisierung im Schulbereich ist nicht alternativlos
Kinder im Kindergarten und in der Grundschule sollten ohne digitale Medien lernen. Gemeinsames Lernen und Präsenzlehre entspricht ihrer Entwicklungsstufe viel mehr. Werner Seppmann hat in seiner Kritik des Computers aufgezeigt, «dass in den (digital-)technik-affinen Vereinigten Staaten aufgrund einer längeren Erfahrung mit dem Computer-Lernen Laptop- und Tabletklassen mangels Nutzen wieder aufgelöst werden, während der Deutsche Bundestag (auf der Basis von ‹Denk›- und Artikulationshilfen der IT-Industrie) bereits Grundschüler dem Netz ausliefern will».
Es gibt aber keine unabhängige Studien, die nachweisen, dass durch digitale Medien in den Schulen besser gelernt wird. Deshalb nennt Manfred Spitzer sie in seinem Buch Digitale Demenz auch «Lernverhinderungsmaschinen». Vorliegende Studien bieten umgekehrt guten Grund zur Annahme, «dass Laptops und Smartboards in Schulen den Lernerfolg beeinträchtigen und damit den Kindern schaden».
Das Geld für die Anschaffung von Informationstechnik in den Schulen sollte besser für mehr Lehrpersonal zur Verfügung gestellt werden. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Ralf Lankau: «Lernen ist ein sozialer Prozess. Dazu braucht man keine Technik, sondern Präsenz und Aufmerksamkeit aller Beteiligten» (Kein Mensch lernt digital).
Alle Autoren sind sich einig darin, dass Kinder nicht vor dem 12.Lebensjahr mit Computern arbeiten sollten, andernfalls würden digitale Medien ihnen mehr schaden als nutzen. In der Sekundarstufe sollten die Jugendlichen in die Funktionsweise digitaler Technik mit ihren vielen Manipulationsmöglichkeiten eingeführt werden. Dazu gehört auch eine kritische Auseinandersetzung mit der totalen Kontrolle der Nutzer:innen durch die IT-Konzerne. Es verwundert, dass im Rahmen des Home Schooling der damit verbundene exzessive Gebrauch von Videokonferenzen zusätzlich zu den Hausaufgaben bei den Verantwortlichen kein Thema war. Auch gesundheitliche Gefahren wie Haltungsschäden, Sehstörungen und Strahlenbelastung werden ignoriert.

Eine kindgerechte Lernumgebung
Jetzt, wo Präsenzunterricht – wenn auch eingeschränkt – wieder möglich ist, sollte sich die Schule wieder stärker der ästhetischen Erziehung widmen. In früheren Jahren hatte die GEW häufig Fortbildungen für den Bereich Theater, Kinderbuch, Natur, Musik und kreatives Schreiben in ihrem Programm. Das fehlt derzeit ganz und sollte schleunigst wiederbelebt werden.
Es waren interessante, anregende Begegnungen über mehrere Tage, die ich als besonders gewinnbringend für den Unterrichtsalltag empfunden habe. Ein gemeinsam geplantes Theaterstück, eine Kunstaktion, eine musikalische Aufführung oder die Bemalung einer Schulwand bieten soviel gelebte Kreativität, an der alle ihren Spaß haben. Ein fester wöchentlicher Exkursionstag – in Frankreich ist er eine Selbstverständlichkeit – wäre eine gute Gelegenheit, Schule zu öffnen. Dazu gehört freier Eintritt in alle Museen, Zoos, Gärten, zu Musikdarbietungen – natürlich bei freier Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Solche Erlebnisse mit allen Sinnen ersetzt kein digitales Medium.
Die Gesellschaft sollte in die sozialen Systeme investieren und nicht immer weiter in eine technische Infrastruktur, die Unsummen verschlingt. Wir benötigen vor allem qualifizierte Lehrkräfte, Betreuer, Sozialarbeiter und Psychologen für den Bereich Schule. Das wäre eine Investition für die Zukunft!


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