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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Elfriede Jelinek

Zum 75.Geburtstag
von Dieter Braeg

«Ich breche euch alle in die knie
«eure schmutzigen mäuler werden
«aus den gesichtern schnattern»
ende. gedichte 1966–1968

Am 20.Oktober feierte sie ihren 75.Geburtstag, und es ist ärgerlich genug, dass man im bürgerlichen Feuilleton so wenig darüber sehen, hören und lesen kann. Elfriede Jelinek beschreibt Österreichs Republik der Machterhaltung durch Inserate, gepaart mit floskelhafter Unschuldsvermutung, die mit der Grußformel «es ist nix mehr da» eine Strafverfolgung erschwert. Die Literaturnobelpreisträgerin ist der Gegenwart auf der Spur, die Skandale und Katastrophen sind bei ihr nicht «aussitzbar». Erst vor kurzem kam im Burgtheater ihr Pandemiestück Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen! zur Aufführung.
Für die Medien gibt’s keine Interviewtermine, weil die in Wien-Hütteldorf Wohnende und im steirischen Mürzzuschlag Geborene öffentliche Auftritte verweigert. Diesen Rückzug hat sie ihr seit der Nobelpreisverleihung angetreten, er hat ihrem literarischen Schaffen keineswegs geschadet.
Am 2.Dezember 1986 wurde Elfriede Jelinek in Köln der Heinrich-Böll-Preis überreicht. In ihrer Preisrede heißt es:
«In den Waldheimen und auf den Haidern dieses schönen Landes brennen die kleinen Lichter und geben einen schönen Schein ab, und der schöne Schein sind wir. Wir sind nichts, wir sind nur was wir scheinen: Land der Musik und der weißen Pferde. Tiere sehen dich an, sie sind weiß wie unsere Westen, und die Kärntner Anzüge zahlreicher Bewohner und deren befreundeter Politiker sind braun und haben große Westentaschen, in die man viel hineinstecken kann. Sie sieht man in der Nacht nicht allzu deutlich, diese mit dem Geld befreundeten Politiker und deren Bewohner (das Wahlvolk, das Volk ihrer Wahl, das die Politiker in ihren Herzen herumtragen), wenn sie wieder einmal slowenische Ortstafeln demolieren gehen. Viele von ihnen würden, nach eigener Aussage, gern noch einmal nach Stalingrad gehen, wenn sie nicht die ganze Zeit damit beschäftigt wären, die Kommunisten im eigenen Land zu bekämpfen.»
Was hat sich denn geändert in den vielen Jahrzehnten, die seit dieser Rede vergangen sind, die auch auf die Zustände passen, die heute Kurz & Co. von einer konservativen Revolution träumen lassen, die sich Schritt für Schritt jener Bräune annähert, die in Österreich die FPÖ und in Deutschland die AfD auszeichnet? Nix!
Ich empfehle, Jelinek zu lesen. Die Kinder der Toten erschien im Jahre 1995: unverarbeitete Nazizeit, Bankrotterklärung des Holocaust und der Heimaterde, Dreck, den der Tourismus begräbt. Jelineks Texte gehören den Opfern – Fukushima, Kapruner Wintersportopfer, Mittelmeerflüchtlinge. Der Irakkrieg mit seiner Medienvernebelung hieß Bambiland und die Trumpzeit bekam den passenden Titel Am Königsweg.
Jelineks zwei Gedichtbände Lisas Schatten und ende. gedichte 1966–1968 sind leider nur noch, sehr teuer, antiquarisch zu bekommen, sie sollten schleunigst wieder aufgelegt werden.


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