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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2021 |

Mexiko: Deutsche Bahn im Dienste von Militär, Staat und Kapital

Im Namen des Fortschritts zerstört die DB die Lebensgrundlage der indigenen Bevölkerung
von der Recherche-AG des Netzes der Rebellion

Infrastrukturprojekte bringen Fortschritt und Entwicklung, heißt es offiziell. Im Süden Mexikos betreibt u.a. die DB ein Projekt, das zynisch «Tren Maya» (Maya-Zug) genannt wird. Es zerstört Regenwald und die Lebensgrundlage der indigenen Bevölkerung. Die Deutsche Bahn ist daran über ihre Tochter DB Engineering & Consulting GmbH beteiligt.

Tren Maya ist nur eine der vielen zweifelhaften Tätigkeiten der DB im Ausland. Den Kontakt vermittelte die deutsche Botschaft, die hier, wenig überraschend, mal wieder im Interesse des Kapitals agierte. Der «Maya»-Zug, über 1500 Kilometer lang, soll die Bundesstaaten Chiapas, Tabasco, Campeche, Yucatán und Quintana Roo verbinden und die Halbinsel Yucatán umrunden. Ein Teil der Strecke besteht bereits und wird modernisiert, der Rest wird neu gebaut. Politik und Unternehmen versprechen Arbeitsplätze, Wohlstand und mehr Tourismus, es wird gar der Weg in die Moderne propagiert. Der vorgeblich linke Präsident Manuel López Obrador spricht von «ordenamiento territorial», einer (Neu-)Ordnung des gesamten Territoriums.
2023 soll das in den Himmel gelobte Projekt in Mexiko abgeschlossen sein. Die Verantwortlichen versprechen Arbeitsplätze und einen Tourismusboom und geben sich Mühe, die deutlich überwiegenden Schattenseiten zu verschleiern. Unter dem Motto El Tren Maya nos une (Der Maya-Zug vereint uns) propagieren sie ein Unterfangen, das in seiner Umsetzung nicht nur fatale Folgen für die indigenen Menschen und die Natur Mexikos hat, sondern auch Durchsetzung und Ausweitung von Machtinteressen bedeutet. Doch das Projekt stößt auf starken Widerstand.

Verheerende Folgen für die Region
Das Versprechen kann durchaus als Drohung verstanden werden: das Projekt dient der Öffnung des Gebiets für Militär, Staat und Kapital. Für den Zug werden Teile der letzten Urwälder Mexikos gerodet, allein für einen der sechs Bauabschnitte elf Millionen Bäume. 23 Nationalparks sind bedroht.
Das Ausmaß der Umweltzerstörung entzieht sich der Vorstellungskraft, ebenso die Konsequenzen für die dort lebenden Menschen, insbesondere für die über eine Million indígenas. Ihnen droht der Verlust ihrer Lebensgrundlage und die Vertreibung, schon jetzt wird entlang der Strecke massiv Land gekauft.
Die Privatisierung von Land hat zur Folge, dass traditionelle, gemeinschaftliche Landwirtschaft nicht mehr betrieben werden kann. Um zu überleben sind die Menschen gezwungen, in kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse einzutreten, etwa in den neu entstehenden Hotelanlagen oder Fabriken. So werden sie abhängig und zwangsweise in die kapitalistische Verwertungsmaschinerie integriert.
Mit dem Tourismus droht auch der Anstieg von Drogenkriminalität, Alkoholismus und Prostitution. Von den Maya-Völkern und ihrer Kultur bleibt allenfalls der Name von Zeitungen, Hotels, Restaurantketten – oder eben einer Zugstrecke bestehen. Der sog. Maya-Zug bedeutet die Auslöschung derer, deren Namen er trägt.
Die vom Projekt betroffenen indigenen Gemeinden wurden nur unzureichend um ihre Meinung zum Projekt befragt, und das obwohl eine solche Befragung rechtlich vorgeschrieben ist, wie sogar die UNO betont.
Aktivist:innen, die sich negativ über das Projekt äußern, begeben sich sogar in Lebensgefahr. Diejenigen, die sich gegen den Tren Maya aussprachen, erhielten Morddrohungen, berichtet die Nichtregierungsorganisation Front Line Defenders. Allein im vergangenen Jahr wurden in Mexiko 23 Menschenrechts- und Landverteidiger:innen getötet. Mexiko ist in dieser Hinsicht eines der gefährlichsten Länder der Welt.

Sperre gegen Migrant:innen
Vorschub leistet das Projekt auch der Militarisierung der Region. Entlang der Strecke sollen zahlreiche neue Militärbasen entstehen, die das Gebiet kontrollieren und jeglichen Widerstand unterdrücken. Das mexikanische Militär verwaltet zudem das Zugprojekt und erhält einen Teil der Profite. Immer wieder kommt es in Mexiko zu Morden und Massakern durch die Streitkräfte oder Paramilitärs.
Es wäre zudem verkürzt, im «Maya»-Zug nur den Zug zu sehen. Die Zugstrecke, die zum Teil parallel zur guatemaltekischen Grenze verläuft, dient – der US-Agenda entsprechend – der Verlagerung der eigenen Grenze in Richtung Süden.
Gemeinsam mit weiteren Megaprojekten in der Region stellt das Projekt also auch eine Sperre für Migrant:innen dar, gegen die immer wieder mit äußerster Gewalt vorgegangen wird.

Propaganda mit deutscher «Wertarbeit»
Die Beteiligung der Deutschen Bahn hat auch eine propagandistische Komponente. Gerne lobt die DB öffentlich die «Professionalisierung des mexikanischen Transportsektors». Über Mexiko hinaus schlägt sich die Strahlkraft des Labels «Made in Germany» in zahlreichen Medienberichten nieder. Das galt auch für die Bemühungen von Siemens und dem TÜV um eine Beteiligung am Projekt. Das Label erleichtert die Diffamierung und Kriminalisierung von Gegner:innen des Projekts, die als fortschrittsfeindlich, falsche Umweltschützer usw. dargestellt und verfolgt werden.

Woher kommt der Strom der Bahn?
Der Tren Maya zeigt beispielhaf, wie der neokoloniale, auf Rohstoffausbeutung beruhende Kapitalismus funktioniert. Er kennt nur Zerstörung und Leid, nur Ökozid und Vertreibung. Vor allem das grüne Image der Deutschen Bahn entpuppt sich schnell als ein Lügenkonstrukt und zeigt, dass es keinen grünen Kapitalismus geben kann. Nur ein radikaler Systemwechsel kann eine Lösung sein.
Hier wie auch anderswo zeigen sich die Lügen der Großkonzerne und des Staates unverkennbar. Aber wir fallen auf diese Lügen nicht mehr herein. Sie können hundertmal «100 Prozent Ökostrom» auf ihre blutbeschmierten Züge drucken, wir wissen, dass der Strom der DB aus dem Kohlekraftwerk und Klimakiller Datteln IV kommt, wo nicht nur Kohle aus Deutschland, sondern vor allem auch Kohle aus Russland oder Kolumbien verfeuert wird. Dort vertreiben paramilitärische Banden die Bewohner:innen und ermorden jene, die sich gegen ihre Projekte und Minen wehren. So sieht es aus beim «schnellsten Klimaschützer» Deutschlands. Hand in Hand mit dem deutschen Staat werden Menschenrechtsverletzung und Umweltzerstörung grün angestrichen. So funktioniert der «grüne» Kapitalismus.

Widerstand
Aus diesem Grund ist es unabdingbar, die Empörung und Wut über dieses zerstörerische und menschenfeindliche System auf die Straßen zu tragen. Wir müssen laut sein und zeigen: Klimaschutz heißt Antikapitalismus! Beim Protest gegen die Deutsche Bahn und ihren Tren Maya geht es um weit mehr als um die Verhinderung des Zuges. Es geht um eine Kritik der bestehenden Verhältnisse und des kapitalistischen Systems.
Zusammen mit vielen verschiedenen Aktivist:innen und Kollektiven, gemeinsam in vielen verschiedenen Städten und Regionen Deutschlands und Mexikos, sagen wir: ¡Ya basta – es reicht!
Am 30.10. findet der Globale Aktionstag gegen Ökozid und Vertreibung statt: ¡No al Tren Maya! – Stoppt die koloniale Schiene der Deutschen Bahn! Wir wollen zivilgesellschaftlichen Druck aufbauen, Zustände anprangern und die Menschenrechtsaktivist:innen in Mexiko unterstützen, die in der ersten Reihe gegen diese Megaprojekte kämpfen. Gleichzeitig steht der Aktionstag für den Kampf für das Leben und für eine Welt, in der alle einen Platz haben.
La lucha sigue – Der Kampf geht weiter.
Otro mundo es posible – Eine andere Welt ist möglich.

Informiert euch über Aktionen und Vernetzungen in eurer Nähe und geht mit uns am 30.Oktober auf die Straße! Aktionen gibt es bislang in Berlin, Hamburg, Hannover, Münster, Frankfurt am Main, Leipzig, München, Stuttgart, Düsseldorf, Lützerath, Mexiko-Stadt und auf der Halbinsel Yucatán. Egal ob Demo, Kundgebung, Filmvorführung oder Solifotos – jede Art der Unterstützung ist willkommen.
Informationen findet ihr auf www.ya-basta-netz.org/termine/ oder ihr kontaktiert uns auf recherche-ag@riseup.net.


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