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Anger, Hope – Action?

Ein Appell, sich der prekarisierten Bevölkerung zuzuwenden
von Violetta Bock

Slave Cubela: Anger, Hope – Action? Organizing und soziale Kämpfe im Zeitalter des Zorns. Berlin: Die Buch­macherei, 2021. 236 S., 14 Euro

Das Fragezeichen ist nicht zufällig gesetzt. Slave Cubelas im August erschienenes Buch über «Organizing und soziale Kämpfe im Zeitalter des Zorns» beschreibt die Suche des Autors nach Perspektiven der Linken in einer Welt, die zunehmend in eine Sackgasse gerät. Das Buch versammelt verschiedene Aufsätze zwischen 5 und 20 Seiten, zum großen Teil aus den Jahren 2018–2021, die ausgehend von verschiedenen Fragestellungen Antworten aus einer emanzipatorischen Perspektive zu formulieren suchen.
Die treue SoZ-Leserin wird einzelne davon wiedererkennen, etwa: «Wie subjektive Erfahrungen objektiv folgenlos bleiben … Eine persönliche Bilanz nach mehr als einem Jahrzehnt Organizing» oder: «Neue Krisen – neue Solidaritäten. Überlegungen vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie» (siehe SoZ 8/2020 und 5/2021).
Dazwischen finden sich jedoch auch bisher unveröffentlichte Texte. Das Buch versammelt sie «als Versuch, gewerkschaftliches Organizing nicht abstrakt, sondern vor dem Hintergrund der sozialen Verhältnisse in Deutschland zu diskutieren. Es sucht darüber hinaus, die deutschen Verhältnisse mit den global immer explosiver daherkommenden Entwicklungen zu verknüpfen, da letztere ohne soziales und politisches Gegensteuern der Linken die baldige Zukunft des Wut-Nachzüglers Deutschland darstellen».
Zugleich betont der Autor, selbst langjähriger Organizer, auch die Organizing-Kritik, indem er den Ansatz nicht nur gesamtgesellschaftlich einbettet, sondern auch immer wieder mögliche nächste Schritte formuliert. Die ersten 13 Aufsätze gehen der Entwicklung des gewerkschaftlichen Organizings nach
Obgleich schon aus dem Jahr 2014, lohnt sich etwa der Text «Erfolgreiche Bewegungsblockade mit ungewisser Zukunft. Ein Versuch, die Krisenpolitik der DGB-Gewerkschaften seit 2008 zu verstehen», er gibt Einblick in die inneren Machtverhältnisse der Gewerkschaften. Dort wird nachgezeichnet, wie die DGB-Gewerkschaften, ausgehend von der Dominanz der Großbetriebe, einer davon ausgehenden einzelbetrieblichen Logik und geprägt durch die Einheitsgewerkschaft eine für ihre Durchschnittsmitglieder durchaus erfolgreiche Interessenpolitik betreiben. Gleichzeitig gelingt es ihnen genau dadurch nicht, gesamtgesellschaftlich erfolgreich zu sein oder zu bleiben.
Auch sein Ansatz zum Green Organizing und der IG Metall bietet für Klimaaktivist:innen Anregungen. In anderen Texten wird mal der Kampf um die Care-Wende, mal die Rolle von Betriebsräten in Organizing-Prozessen reflektiert. Hier findet sich auch «Don’t believe the Hype!», ein Plädoyer gegen die Weltformel und den Führungskräftejargon bei der US-Organizerin Jane McAlevey, das 2019 in der Organizing-Szene auf großes Interesse stieß.

Die Wut und die Linke
In den nachfolgenden neun Aufsätzen behandelt Cubela die sozialen Entwicklungen in anderen Ländern und die Rahmenbedingungen, die hier wie dort soziale Wut schüren.
Zum erstenmal veröffentlicht er «Das Gespenst der unerhörten Klassen. Annäherungen an das Zeitalter des Zorns», worin er der schwelenden und sich in eruptiver Gewalt entladenen Wut nachgeht, die der Neoliberalismus erzeugt. Da die Linke oft fremdelnd daneben steht, sei die Gefahr groß, dass der Rechten eine Synthese von Ideologie und Gewalt gelingt
In anderen Aufsätzen geht er der «Asozialität des Bürgertums» oder dem liberalen Populismus als moderner Herrschaftskommunikation nach, wirft mal einen Blick auf Frankreich, Thüringen oder Jugoslawien und wirbt, ausgehend von der Ermordung von George Floyd, für einen materialistischen Antirassismus als Gegenpol zu einer rassistischen Wohlstand-Komplizenschaft.
Die vielfältigen Themen sind verbunden mit der Formulierung ebenso vielfältiger Aufgaben und einem Plädoyer an die bundesdeutsche Linke, sich in die prekarisierte, deutsche Arbeiterklasse zu begeben, durch eigene «biographische Radikalität», durch Stadtteilarbeit und den Aufbau von Worker Centres, durch Organizing-Ansätze, die Brücken schlagen zwischen dem eigenen Erleben und den gesellschaftlichen Ursachen.
Seinen Ansatz bezeichnet er mal als Slow Organizing, mal als Green Organizing, im Lauf der Zeit aber immer stärker als SOrganizing und wirbt dafür, ausgehend von der italienischen Arbeitermedizin, den Körper und die Gesundheit in den Blick zu nehmen.
Liest man das Buch am Stück, kommt es notwendigerweise zu Wiederholungen. Abgesehen davon sind einige Anregungen zu finden, und es lohnt sich, der Spur zu folgen. Besonders die längere Einleitung, die Organizing als eine Form der Erneuerung der Wutpolitik der Linken nachgeht, möchte ich ans Herz legen.


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