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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Bodo Zeuner (1942–2021)

Nachruf
von Jochen Gester

Am 30.November ist Bodo ­Zeuner in Berlin gestorben. Mit seinem Tod verlässt uns einer der letzten linken Hochschullehrer des Otto-Suhr-Instituts (OSI) der FU Berlin, die dort über Jahrzehnte wertvolle Beiträge in der Gesellschaftsanalyse des Kapitalismus und für die sozialen Bewegungen leisteten.

Im Zentrum seines Interesses standen vor allem Fragen, die sich der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung stellen. Antworten darauf suchte er nicht nur in Texten, sondern durch die genaue Beobachtung und aktive Teilnahme an den sozialen Auseinandersetzungen selbst. Diese Antworten hoben nicht darauf ab, akademischen Glanz zu versprühen, sondern Hindernisse in konkreten Kämpfen aus dem Weg zu räumen.
Bereits am Gymnasium in Hamburg erwachte sein Widerstandsgeist und vermittelte ihm erste politische Lektionen, die ihn drängten, diese zu Papier zu bringen, «nämlich dann, wenn ich mich über etwas geärgert hatte, wenn ich mich über Entscheidungen der Mächtigen empörte, wenn ich mich angemaßter Autorität samt Beleidigung meiner Intelligenz ausgesetzt sah».
Die Antwort der Autoritäten blieb nicht aus. Die kritischen Autoren der Schülerzeitung wurden zum Rektor zitiert, beschimpft und mit Schulverweis bedroht. Der Vater drohte, den Sohn von der Schule zu nehmen, der daraufhin sein eigenes Fazit zog:
«Mir als schreibendem Menschen brachte die Erfahrung mit der Schülerzeitung vor allem das Wissen, dass ich schreiben kann, dass Schreiben aus Empörung und Opposition Spaß macht, dass sich damit etwas bewirken lässt und dass das auch gefährlich werden, also Mut erfordern kann. Mein Berufswunsch Journalist wurde dadurch selbstverständlich bestärkt. Und zwar wollte ich nicht irgendein Journalist werden, sondern ein politischer Journalist mit einer herrschaftskritischen Grundeinstellung.»
Mit 21 Jahren hätte er die Chance gehabt, beim NDR zu landen. Doch da er hier keine Aussicht sah, seine kritisch-satirischen Sichtweisen zu pflegen, entschied er sich für ein Studium am Berliner OSI. Als nachhaltige Lehre in Sachen Markt und Herrschaft erwies sich der vorübergehende Wechsel in die Spiegel-Redaktion, die mit seiner Kündigung endete. An der FU wurde er Mitglied des Sozialdemokratischen Hochschulbunds (SHB), der ihm jedoch – dominiert von Parteikarrieristen – keine politische Heimat geben konnte. Bodo opponierte gegen die stramm antikommunistischen «Ernst-Reuter-Sozialdemokraten» und trat dafür ein, den Studentenverband vom Gängel der Partei zu lösen. Nicht ohne Stolz verwies er darauf, dass der SHB zum Schluss ein enger Verbündeter des vom Parteivorstand aufgelösten SDS wurde.
Doch die Studentenbewegung erschütterte auch die Grundfesten seines damaligen Welt- und Politikverständnisses, da ihn die Gründe für deren totale Ablehnung «des Systems» nicht überzeugten. Ebenso klar wurde ihm, dass die Partei der wild um sich schlagenden Herrschenden seine Sache nicht sein konnte. Wie bei so vielen war der Mord an Benno Ohnesorg der Moment des Bruchs: «Ich empfand einen unüberbrückbaren Riss zwischen mir und den Herrschenden in dieser bundesrepublikanischen Gesellschaft. Dieses Empfinden ist bis heute nicht verschwunden.»

Der Aktivist
Selbstermächtigung zu kritischem Denken und die Befähigung zu solidarischem Handeln – das waren Bodos zentrale Anliegen. Und es war der so angenehm fehlende akademische Dünkel, der den persönlichen Kontakt mit ihm, seine Lehrveranstaltungen oder auch die Kooperation mit ihm in den politischen Kämpfen zu einem Gewinn machte.
Typisch für diesen ungewöhnlichen Blick auf Menschen war seine Abschiedsvorlesung «Die freie Universität vor dem Börsengang?». Sie enthielt nicht nur eine scharfsinnige Abrechnung mit der neoliberalen Umgestaltung der Hochschulen, sondern beeindruckte mich vor allem durch die Bereitschaft, selbstkritisch mit den Fehlern ihrer linken Gegner umzugehen. Ja, auch mit dem Selbstbild und den realen Fähigkeiten ihrer akademischen Repräsentanten:
«In der Wissenschaft aufgestiegene Menschen, vor allem die Professoren, sind daher im allgemeinen sozial sehr viel dümmer als etwa Fabrikarbeiter, die ziemlich früh durch Erfahrung lernen, dass es ihnen schlechter geht, wenn sie nur für sich ihr Glück versuchen, statt sich zusammenzuschließen.»
Die politischen Felder, auf denen Bodo jahrelang unterwegs war, sind jedenfalls weit. Neben seinen beruflichen Aktivitäten in der Lehre oder an der «Arbeitsstelle für nationale und internationale Gewerkschaftspolitik» gehörten dazu seine herausragende Rolle im jahrelangen, von Erfolg gekrönten Prozess der von BMW gekündigten oppositionellen Betriebsräte im Berliner Werk – er begründete auch persönliche Freundschaften.
Deren wichtigster politischer Ausdruck wurde die Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt mit Bodo als stellvertretendem Vorsitzenden. An der im Vorstand herrschenden angenehmen Streitkultur hatte er wesentlichen Anteil.
Bodo Zeuner war Gründungsmitglied von Labournet, aktives Mitglied des Forums «Arbeitswelten Deutschland China» und Co-Autor einer Studie, die sich mit der Empfänglichkeit rechtsextremen Gedankenguts in den Gewerkschaften befasst. Obwohl er nie eine Alternative zur oppositionellen Arbeit in den DGB-Gewerkschaften sah, entstanden daraus keine engstirnigen Loyalitäten. So verteidigte er auf dem Podium einer FAU-Veranstaltung diese gegen Angriffe auf das Koalitionsrecht. In einem seiner letzten Auftritte würdige er den 100.Jahrestag der Novemberrevolution.
Bodo, unser Freund und Genosse, wir haben dir viel zu verdanken.

Der Autor war lange Sekretär des Vorstands der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt und früher Redakteur der SoZ.


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