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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2021 |

Der letzte Kampf der Menschheit – der Kampf für das Leben

Auf der Demonstration am 31.10. in Lützerath sprach der Kolumbianer Juan Pablo Gutiérrez
dokumentiert

Juan Pablo Gutiérrez ist Fotograf und internationaler Gesandter des Volkes der Yupka in Kolumbien.
Die Yupka sind Teil des Netzwerks der Indigenen in Kolumbien (ONIC). Sie kämpfen gegen einen gigantischen Steinkohletagebau, der ihr ­Territorium und ihre Lebensgrundlagen bedroht.

In Kolumbien wird die Steinkohle im Tagebau gewonnen. So ein Tagebau ist bis zu sechzehnmal größer als Garzweiler 2. Hier kämpfen ganze indigene Völkerschaften um ihr Überleben. Eine von ihnen ist ­Juan Pablo Gutiérrez, der Ende Oktober den Demonstrierenden in Lützerath die Grüße seines Volkes, der Yupka, überbrachte.

Euch allen, die ihr hier seid, einen geschwisterlichen Gruß der Harmonie und des Widerstands von den politischen und geistigen Einrichtungen des indigenen Volks der Yupka aus Kolumbien.
Wir sind heute hierher gekommen, aus Kolumbien und aus unterschiedlichen Teilen der Welt, weil wir den schwersten Augenblick unserer gesamten Geschichte als Menschheit durchleben.
Dieses Gesellschaftsmodell, das wir hier neben uns sehen, das uns Zivilisation und Fortschritt versprochen hat, bringt uns heute wegen der Klimaerwärmung an den Rand unseres Verschwindens als menschliche Spezies. Ist es möglich, von Fortschritt und Entwicklung zu reden, wenn man die Mutter Erde zerstört, die uns als einzige die Möglichkeit gibt, auf dieser Welt zu leben?
Von welcher Art von Fortschritt reden wir? Von welcher Art Entwicklung reden wir? Wo sind die angeblichen Fortschritte dieses Gesellschaftsmodells, das etwas so Fundamentales vergisst, wie dass die Mutter Erde alles ist und dass wir vollständig von ihr abhängen, um zu überleben? Dafür braucht es keine Wissenschaft, das tragen wir in unseren Genen als Menschheit.
Machen wir wirklich Fortschritte als Gesellschaft, wenn die Kohle den Nahrungsmitteln vorgezogen wird? Machen wir wirklich Fortschritte als Gesellschaft, wenn man lieber die fruchtbarsten Böden Deutschlands zerstört um der Kohle willen, die die Menschheit durch die Klimaerwärmung in den kollektiven Selbstmord treibt? Machen wir wirklich Fortschritte als Gesellschaft oder bewegen wir uns rückwärts?
Wir sind heute hier in Lützerath, um unsere vollständige Solidarität mit den tausenden Brüdern und Schwestern zu demonstrieren, die in dieser Gegend aufgebrochen sind, um diese fruchtbaren Böden zu verteidigen, um das Leben zu verteidigen, um Nahrung über Kohle zu stellen.
Wir sind hier, um laut zu sagen, dass es eine Schande ist, während sich gerade Vertreterinnen und Vertreter dieses Volkes in Glasgow treffen, um eine angebliche Lösung für die globale Krise zu suchen, dass zur gleichen Zeit hunderte von Polizisten nur wenige Kilometer von hier sich darauf vorbereiten, all diese Menschen zu räumen, die das Leben verteidigen, das Territorium und das Recht auf ein würdiges Leben. Wie erklärt die deutsche Regierung diese Unstimmigkeit? Ist sie ihnen nicht peinlich?
Wir sind heute hier, weil der Klimawandel und die großen Tagebaue ein globales Problem sind, und der Widerstand sollte ebenso global sein.
Wir sind heute hier, um den Regierungen von Kolumbien, von Deutschland und der ganzen Welt zu sagen, dass wir es leid sind zu hören, wie sie schön reden, aber nichts tun. Wir sind hier um von ihnen zu fordern, dass sie handeln, dass sie unverzüglich handeln. Und vor allem um ihnen zu sagen, dass wir sie hiermit nicht um einen Gefallen bitten, vielmehr ist das ein Befehl, den wir ihnen erteilen.
Diese COP26 soll die letzte sein, und die Regierungen der Welt haben heute die Möglichkeit, in die Geschichte einzugehen: entweder als Helden, die auf das ernsteste Problem der Menschheit eine Lösung auf der Höhe seiner Tragweite gefunden haben, oder als Barbaren, die die Menschheit lieber zum Untergang verdammen um eines Stückchen Papiers willen, das sie Geld nennen und das ihnen absolut nichts nützen wird, wenn wir keine Luft mehr zum Atmen haben, kein sauberes Wasser zum Trinken, keine fruchtbaren Böden, um uns zu ernähren.
Wir sind hier, um die Regierungen der Welt daran zu erinnern, dass sie die Pflicht haben, für das Leben zu regieren. Dafür hat sie das Volk gewählt. Wir sind hier, um sie zu fragen: Wenn das Problem für sie zu kompliziert ist, dann sollen sie es sagen, dann sollen sie zur Seite treten und der Menschheit erlauben, dass sie die Zügel ihres Schicksals selbst in die Hand nimmt – denn wir wollen leben.
Die Entscheidungen, die die Regierungen in Glasgow treffen werden, werden die Zukunft der Menschheit bestimmen. Wenn sie beschließen, zugunsten des Lebens und der Mutter Erde zu regieren, dann stehen wir alle bereit, um ihnen zu sagen, dass sie mit unserer bedingungslosen Unterstützung rechnen können. Aber wenn sie da drauf bestehen, weiter mit dem Feuer zu spielen, schöne Reden zu schwingen und nichts zu tun, dann sollen sie wissen, dass sie ab heute mit unserem bedingungslosen Ungehorsam rechnen müssen.
Die Entscheidung liegt in euren Händen, werte Herren und Damen Regierungschefs, die ihr auf der COP zusammenkommt. Ihr könnt endlich das Steuer dieses Schiffs umdrehen und anfangen, für das Leben zu regieren. In diesem Fall könnt ihr mit uns allen rechnen, um den Weg in diese Richtung zu gehen. Allerdings, wenn ihr darauf besteht, weiter mit einer Politik des Todes zu regieren, rechnet mit unserem Ungehorsam und dem von Millionen Menschen mehr auf der ganzen Welt. Wir sind bereit, für diesen Kampf unser Leben aufs Spiel zu setzen, denn es ist der letzte Kampf, den wir als Menschheit führen, der Kampf für das Leben.
Ohne Kohle, ohne die Kohle, die sie da drüben aus der Erde ziehen, werden wir leben. Ohne Wasser und ohne Erde werden wir sterben. Ihr Regierungschefs habt uns die Globalisierung und den Kapitalismus aufgedrückt. Wir antworten euch mit der Globalisierung des Widerstands.


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