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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2021 |

Die Wannseekonferenz vor 80 Jahren

Übergang zum systematischen Massenmord an den Juden
von Larissa Peiffer-Rüssmann

In einer Villa am Berliner Wannsee treffen sich am 20.Januar 1942 hochrangige Vertreter der Ministerialbürokratie sowie der Polizei und der SS, um die Deportation und Ermordung der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas einzuleiten.

Der Auftrag von Reichsmarschall Hermann Göring an Reinhard ­Heydrich, den Chef des Reichssicherheitshauptamts, ist unmissverständlich: «…alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflussgebiet in Europa». Geladen sind Vertreter verschiedener Institutionen und Beamte aus den Ministerien zu einer Besprechung «mit anschließendem Frühstück» in eine Gründerzeitvilla am Wannsee – vierzehn führende Funktionäre des NS-Regimes, im Alter um die 40 Jahre, die Mehrzahl mit akademischer Ausbildung. Sie planen und organisieren am Schreibtisch den Massenmord an rund 11 Millionen Juden.

Die Wannseekonferenz war nicht der Beginn der massenhaften Tötung von Juden, das systematische Morden hatte längst begonnen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten mobile Einsatztruppen der SS in Polen und in der So­wjetunion schon über 500000 Juden erschossen oder in Gaswagen auf qualvolle Weise ermordet. Allein beim Massaker in der nahe Kiew gelegenen Schlucht Babi Jar wurden im September 1941 innerhalb von zwei Tagen über 33000 Juden getötet, Männer, Frauen, Kinder. Doch die bisher praktizierten Erschießungen wurden als zu «langwierig und kostenintensiv» befunden. Deshalb wurden ab Herbst 1941 mobile Gaswagen – umgerüstete Lkw – zur schnellen und systematischen Tötung einer großen Zahl von Menschen eingesetzt.
Der Völkermord war also schon in vollem Gange und sollte auf der genannten Konferenz durch gemeinsame Koordination zur «Endlösung der europäischen Judenfrage» führen. Protokollführer war Adolf Eichmann, Referent für Judenangelegenheiten unter Heydrich, zuletzt zuständig für die zentrale Organisation der Deportationen.
Heydrich berichtet über die erfolgte Auswanderung von rund 537000 Juden aus dem «Altreich», Österreich sowie Böhmen und Mähren. Aber die NS-Führung betrachtet Auswanderung nicht mehr als eine ideale «Lösung», mittlerweile verbietet sie Juden sogar die Auswanderung.
Das Protokoll zitiert Heydrich mit den Worten: «Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten.» Hierbei werden «jene praktischen Erfahrungen gesammelt, die im Hinblick auf die kommende Endlösung der Judenfrage von wichtiger Bedeutung ist … Im Zuge dieser Endlösung der europäischen Judenfrage kommen rund 11 Millionen Juden in Betracht, die sich wie folgt, auf die einzelnen Länder verteilen…» Es folgt eine Aufstellung der Länder mit ihrem jeweiligen Anteil an jüdischen Bürgern.
«In großen Kolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist.»
Eine unglaublich kalte, nüchterne, rein bürokratische Sprache umschreibt die Grausamkeiten in harmlosen Begriffen – etwa «Evakuierung» statt Deportation. Mit den «gewissen vorbereitenden Arbeiten im Zuge der Endlösung» war der Aufbau der Vernichtungslager gemeint.
Obwohl allen klar war, was die Maßnahmen für die Betroffenen bedeutete, hatte keiner der Anwesenden irgendwelche Bedenken, es kam keinerlei Widerspruch auf, vielmehr erklärten sie ihre Bereitschaft zur Mitwirkung oder gingen noch über die Vorschläge Heydrichs hinaus. Sie überboten sich sogar mit ihren Anregungen zur effizienten Durchführung der Vernichtungsaktionen.
In bezug auf die Einbeziehung sogenannter «Mischlinge» und jüdischer Partner in Mischehen gab es keine abschließende Einigung, die Forderung nach Zwangssterilisierung sowie die Anwendung der Nürnberger «Rassegesetze» wurde auf die nächste Sitzung vertagt. Klar war nur, möglichst viele sollten in die «Endlösung» einbezogen werden.
Heydrich führt laut Protokoll weiter aus: «Es ist beabsichtigt, Juden im Alter von über 65 Jahren nicht zu evakuieren, sondern sie einem Alters­ghetto – vorgesehen ist Theresienstadt – zu überstellen.» Hört sich ein bisschen wie Altersheim an, war aber in Wahrheit ein hoffnungslos überfülltes Ghetto mit entsetzlichen Lebensumständen. Aus Theresienstadt wurden später 88000 Insassen in die Vernichtungslager transportiert.
Adolf Eichmann sprach zwanzig Jahre später bei seinem Prozess in Jerusalem von «freudiger Zustimmung» in der Runde. In netter, ruhiger und offener Stimmung hätten die Staatssekretäre unverblümt über die Tagesordnung geredet. Der Verlauf der etwa 90 Minuten dauernden Besprechung wurde als harmonisch geschildert. Sie galt vor allem der Koordination der Deportationen.
Wie getötet werden sollte, spielte offenbar keine Rolle. Es findet sich auch kein Hinweis auf die Tötung durch Giftgas, obwohl Giftgaswagen bereits im Einsatz waren. Die großen Vernichtungslager Auschwitz, Sobibór, Belzec, Treblinka und Majdanek waren erst im Aufbau. Die Wannseekonferenz war der Auftakt zum Bau dieser Vernichtungslager mit ihren Gaskammern.
Alle diese Vorgänge waren keineswegs so geheim, wie es nach 1945 gerne behauptet wurde. Die BBC brachte in ihrem deutschsprachigen Programm einen detaillierten Bericht über die Deportation und Ermordung der Juden in den von Nazideutschland beherrschten Ländern Europas. Sie schloss mit der Bemerkung: «In diesen nüchternen Zahlen enthüllt sich die grauenhafteste Tragödie. Millionen Menschen werden ausgerottet.»
Insgesamt wurden sechs Millionen Juden umgebracht. Jeder Vergleich mit früheren oder heutigen Menschenrechtsverletzungen verbietet sich. Die Einmaligkeit dieses Massenmordes an den europäischen Juden lässt weder Vergleich noch Relativierung zu.
Das Protokoll der Wannseekonferenz macht deutlich, wie Schreibtischtäter agieren, an deren Händen kein Blut klebt und die doch mit ihren Plänen millionenfaches Leid zu verantworten haben. Da stellt sich die Frage, was aus den Teilnehmern der Konferenz geworden ist.
Heydrich starb schon im Juni 1942 nach einem Attentat in Prag. Ein Drittel der Konferenzteilnehmer überlebte den Krieg nicht, zwei wurden wegen verübter Kriegsverbrechen hingerichtet, zwei weitere begingen Selbstmord. Erst 1947, nach den Nürnberger Prozessen, wurde durch Zufall eine Abschrift des Protokolls der Wannseekonferenz gefunden, alle anderen staatlichen Dokumente zum Holocaust waren vernichtet worden. Eichmann floh nach dem Krieg nach Argentinien, wo ihn der israelische Geheimdienst aufspürte und entführte. 1962 wurde er nach einem aufsehenerregenden Prozess in Jerusalem hingerichtet.
Bei zwei Teilnehmern kam es zur Einstellung des Verfahrens, sie kamen 1949 frei. Einer wurde im sog. Wilhelmstraßen-Prozess zu drei Jahren und zehn Monaten verurteilt; eingestuft als «Mitläufer» kam er schon 1949 frei, weil die Internierungszeit angerechnet wurde, er starb 1953. Einer wurde 1948 zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt, aber bereits 1954 aus der Haft entlassen. Drei Teilnehmer, zwei Ministerialdirektoren und der Chef des Rasse- und Siedlungshauptamts wurden nach kurzer Haftzeit entlassen, sie lebten unbehelligt bis in die 80er Jahre.
Verwunderlich ist das nicht, denn im Justizapparat gab es nach 1945 keinen personellen Bruch mit der Nazizeit. Noch 1953 waren in der Bundesanwaltschaft 80 Prozent der Juristen schon vor 1945 im NS-Justizsystem tätig gewesen, bei den leitenden Bundes- und Oberstaatsanwälten waren es auch zehn Jahre später noch 75 Prozent. Möglich war das, weil es in der Bundesrepublik nicht zu einer gründlichen Abrechnung mit dem Faschismus kam, die Verfolgung von Kommunisten war vor allem in der Adenauer-Ära wichtiger. Viele ehemalige Nazis wurden nicht zur Rechenschaft gezogen, im Gegenteil, sie wurden auf vielfache Weise protegiert oder stiegen sogar in Regierungskreise auf.
Nur das Wissen um die politischen Zusammenhänge kann in Zukunft verhindern, dass sich rechtes Gedankengut in den Köpfen festsetzt. Wir erleben immer häufiger, wie die faschistische Zeit verharmlost wird, Verbrechen aus dieser Zeit durch unsinnige Vergleiche in ihrem Ausmaß abgeschwächt oder ganz geleugnet werden. Da müssen wir hellhörig sein! Deshalb schließe ich mit dem Satz von Bertold Brecht: «Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.»


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