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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2021 |

«Ein Aufruhr kann die Kapitalistenklasse zum Rückzug zwingen»

Großes Potenzial in der Zunahme der Streiks in den USA
von Kim Moody*

In diesem Jahr 2021 haben die Streiks in den USA massiv zugenommen. Es gibt nicht nur mehr Streiks, sondern auch in neuen Bereichen. Der ehemalige US-Arbeitsminister Robert Reich spricht von einem unorganisierten Generalstreik. KIM MOODY spricht von einer zunehmenden Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen und der gestiegenen Zuversicht, etwas dagegen tun zu können.

Die erste unmittelbare Ursache für die massive Zunahme der Streiks ist der einzigartige «Arbeitskräftemangel». Die Chefs brauchen mehr Arbeitskräfte, und die Beschäftigten sind wählerischer und durchsetzungsfähiger geworden. Das Bureau of Labor Statistics verzeichnete bis August dieses Jahres eine noch nie dagewesene Zahl von 4,3 Millionen Kündigungen. Davon entfiel fast die Hälfte auf die Bereiche Handel, Transport und Versorgung sowie Freizeit und Gastgewerbe. Gleichzeitig sind die Entlassungen in der Privatwirtschaft im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen und die Zahl der offenen Stellen um mehr als zwei Drittel auf 9,6 Millionen gestiegen; die Zahl der Neueinstellungen ist nahezu unverändert geblieben.
Einige sehen in den vielen Kündigungen eine «große Resignation», andere eine «große Unzufriedenheit». Hilfreicher scheint mir, sie zum Maß für die Unzufriedenheit mit dem Arbeitsplatz zu nehmen und für die gestiegene Zuversicht, etwas dagegen tun zu können. Gleichzeitig entdeckten Millionen von unterbezahlten Arbeiter:innen, wenn sie es nicht schon wussten, dass sie für das Funktionieren der Gesellschaft «unverzichtbar» sind – auch wenn ihre Chefs sie weiterhin misshanden, überarbeiten und unterbezahlen.
Hinzu kommt, dass die Gewinne der inländischen Unternehmen außerhalb des Finanzsektors, die während der Ausbreitung der Pandemie im Frühjahr 2020 eingebrochen waren, bis zum zweiten Quartal 2021 um 70 Prozent auf einen Rekordwert von 1,8 Billionen Dollar gestiegen sind. Arbeitgeber können die ökonomische Situation also nicht als Argument gegen die Streikaktionen wenden. Zudem laufen in diesem Jahr 450 gewerkschaftliche Tarifverträge aus, von denen viele für mehr als 1000 Beschäftigte gelten, das senkt die Schwelle für einen Arbeitskampf zusätzlich. All dies sind gute Bedingungen für Streiks.

Der Aufschwung der Streiks
Bei der Betrachtung der verfügbaren Streikzahlen fallen drei Dinge auf.
Erstens lag die Gesamtzahl der Streiks in den ersten zehn Monaten des Jahres 2021 weitaus höher als in den vorangegangenen fünf Jahren, die Zahl der Streikenden jedoch nicht. 2021 streikten nicht annähernd so viele wie in den Jahren 2018 und 2019, als es die massiven Streiks der Bildungs- und Gesundheitsbeschäftigten gab.
Zweitens gab es im Jahr 2020 einen dramatischen Einbruch sowohl bei der Zahl der Streiks als auch der Streikenden. Er ist auf die ersten Auswirkungen der Pandemie und die tiefe, wenn auch kurze Rezession im Frühjahr desselben Jahres zurückzuführen. Viele Streiks wurden 2020 von nicht gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten bei Unternehmen wie Amazon, McDonald’s und Instacart organisiert, sie richteten sich gegen die unsicheren Arbeitsbedingungen angesichts der zunehmenden Pandemie.
Drittens: 2021 zeichnete sich vor allem durch die Zunahme der Streiks in der Privatwirtschaft aus.
Dieser Trend lässt sich als langfristige «Erholung» von der tiefen Verwerfung der großen Rezession von 2008 bis 2010 sehen, als die Streikaktivitäten sehr zurückgingen. Die Streiks der Bildungs- und Gesundheitsbeschäftigten haben allen Arbeiter:innen vor Augen geführt, dass die Zeit zum Streiken und Siegen gekommen ist. Jahrelang stagnierende Einkommen und der Stress der schlanken Just-in-time-Arbeit haben eine ganzen Klasse krank gemacht.

Anhäufung von brennbarem Material
Es gibt also Grund zur Annahme, dass Streiks und Protestaktionen weitergehen werden, wenn wir den Aufschwung der Kämpfe seit 2018 nicht nur als Ergebnis pandemischer und konjunktureller Bedingungen verstehen, sondern als sich aufbauende Reaktion auf die Anhäufung von Missständen über einen langen Zeitraum hinweg.
Wie der britische Historiker Eric Hobsbawm in seiner Studie über Arbeiteraufstände formulierte, sind «explosive Situationen» das Ergebnis von «Anhäufungen von brennbarem Material, das sich nur periodisch, sozusagen unter Druck, entzündet». Bei dem brennbaren Material handelt es sich um die sich verschlechternden Lohn-, Arbeits- und Lebensbedingungen. Diese «Explosionen» lassen sich nicht genau vorhersagen, doch gehen ihnen stets zunehmende Proteste, Streiks und manchmal neue oder breitere Organisationen voraus, die häufig von anderen aktiven sozialen Bewegungen begleitet werden.
So geschah es nach dem Ersten Weltkrieg oder Mitte der 60er bis in die 70er. Heute sind dies die erneuerte Frauenbewegung, die Bewegung der Arbeitsmigrant:innen, die Bewegung gegen den Klimawandel und der Aufstieg von Black Lives Matter und ihren Ablegern. Es gibt bereits einen beträchtlichen sozialen Aktivismus.
Es lohnt sich das Zusammenwirken der Missstände zu betrachten. Ein durchschnittlicher Arbeiter verdient in der Privatwirtschaft heute real die gleichen 9,73 Dollar pro Stunde wie im Frühjahr 1989. Gleichzeitig ist die Arbeitsproduktivität im gleichen Zeitraum um 88 Prozent gestiegen. Als die Pandemie Anfang 2020 zuschlug, hatten etwa 13 Millionen Produktions- und andere Beschäftigte keinen bezahlten Krankenurlaub, über 31 Millionen Personen unter 65 Jahren keine Krankenversicherung. Die Auswirkungen der Pandemie waren also sozial nicht neutral.
Neben dieser grausamen wirtschaftlichen Realität haben Jahre der schlanken Just-in-time-Produktion und des damit einhergehenden Arbeitsintensivierung, Standardisierung und Quantifizierung ihren Tribut in Form von Stress gefordert, wie eine Gallup-Umfrage in den USA und Kanada statistisch nachgewiesen hat. Die seit Jahren immer deutlicher werdende Einkommens- und Vermögensungleichheit ist während der Pandemie explodiert und hat jedem das Bild vom obszönen Nettovermögen der wachsenden Gruppe von Milliardären in den USA vor Augen geführt, die von den Missständen der Mehrheit profitiert.
Schon vor der Pandemie waren 70 Prozent der US-Amerikaner der Meinung, dass «große Unternehmen und Wohlhabende zu viel Macht und Einfluss in der heutigen Wirtschaft haben», ebenso wie Politiker. Das ist Wasser auf rechtspopulistische Mühlen, aber auch eine potenzielle Quelle von Klassenbewusstsein. Gleichzeitig sind die Zustimmungswerte zu den Gewerkschaften von 48 Prozent 2009 auf 68 Prozent im August 2021 gestiegen. Auch dies deutet auf wachsende Unzufriedenheit und gestiegenes Klassenbewusstsein hin.

Gewerkschaftsbasis in Bewegung
Angesichts der sich häufenden Beschwerden und der schlechten Tarifverträge, die die gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten seit Jahrzehnten haben, überrascht es nicht, dass der Druck für Streiks und bessere Tarifverträge größtenteils aus den Reihen der Gewerkschaften kommt. Rob Eafen, Vorsitzender der BCT&GMU-Ortsgruppe bei Kellogg’s in Memphis, erklärte gegenüber der Zeitschrift Time: «Die Streikbewegung kam von der Basis, vom Volk.» Diese Bewegung war in vielen Gewerkschaften zu spüren, deren Verträge 2021 auslaufen.
Die Mitglieder der United Auto Workers (UAW) bei John Deere sowie der Volvo-Lkw-Werke, die Beschäftigten der Gewerkschaft Communications Workers (CWA) bei Frontier Communications in Kalifornien und die Mitglieder der IATSE, der Gewerkschaft der Beschäftigten bei der Produktion von Film- und Fernsehsendungen – sie alle stimmten mit weit über 90 Prozent gegen die «Angebote» der Unternehmer bei den Tarifverhandlungen und für Streiks. 21.000 Krankenschwestern und andere Beschäftigte des Gesundheitswesens bei Kaiser Permanente in Kalifornien sprachen sich mit 96 Prozent für einen Streik aus, sollte dieser erforderlich sein.
Der jüngste Zusammenbruch der globalen Just-in-time-Lieferketten ist der unmittelbare Ausdruck einer Krise, die schon lange schwelt. Ein höheres Tempo verstärkt die Auswirkungen einer Unterbrechung der Versorgungskette, während jahrelang niedrige Löhne und Sozialleistungen in Verbindung mit den Folgen der Arbeitsintensivierung viele abhängig Beschäftigte von stressigen und gefährlichen Tätigkeiten ferngehalten haben.
Zugleich zeigt sich darin die Macht der Arbeit, die Kapitalakkumulation zu stören. Ein Aufruhr kann die gesamte Kapitalistenklasse zum Rückzug zwingen. Das könnte ein Ausgangspunkt für eine neue Arbeiterbewegung in den USA sein.

*Kim Moody, geb. 1940, ist ein US-amerikanischer Autor und Mitbegründer des Projekts Labor Notes, das sich für eine bewegungs- und basisorientierte Gewerkschaftsbewegung einsetzt. Der Artikel erschien am 14.November auf https://spectrejournal.com/upticks-waves-and-social-upsurge/ (von der Redaktion stark gekürzt).


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