Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden
PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 12/2021

Wie Akteure des privaten Finanzsektors die UN-Klimaagenda übernehmen
von Lorenz Küppers

Zentral für die aktuellen Entwicklungen rund um die Klimaagenda ist das 2015 im Zuge des Pariser Abkommens vereinbarte Ziel, Finanzströme in Richtung niedrigerer Treibhausgasemissionen zu lenken und mit einer klimaresilienten Entwicklung kompatibel zu machen. Bei der COP26 wurde die Umsetzung dieses Vorhabens erstmals diskutiert. Der vorliegende Artikel stützt sich überwiegend auf eine Recherche des Corporate Europe Observatory und des Transnational Institute.

Für die Umleitung der Finanzströme hat Mark Carney – ein Berater des britischen Premierministers Boris Johnson und des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres – ein 31 Seiten langes Konzept auf der Grundlage von Ideen entwickelt, die von den großen Akteuren der Finanzwelt wie etwa JP Morgan Chase, BlackRock oder BNP Paribas stammen. Mark Carney ist ein bekanntes Gesicht in der Finanzwelt mit einem ausgeprägten Netzwerk an Kontakten.
Bei der Betrachtung seines Konzepts wird eine Sache schnell klar: Im Mittelpunkt steht nicht die Rettung des Planeten, sondern die Sicherung der Profite.
Mark Carney präsentiert hier den privaten Finanzsektor als die beste und einzige Lösung, um das für die Abwendung der Klimakrise notwendige Geld zu generieren. Das von ihm für die COP26 ausgearbeitete Konzept dreht sich im Kern um wirtschaftliche Selbstregulierungsmechanismen.
Carney benennt vier Hauptelemente, um Nullemissionen zu erreichen: Reporting, Risk Management, Returns und Mobilization.
Bei Report­ing geht es um die Frage, wie Unternehmen ihren Einfluss auf das Klima messen und melden. Der Schwerpunkt liegt hier aber nicht auf der Messung des Einflusses auf den Klimawandel, sondern auf der Messung finanzieller Stabilität.
Risk Management bezeichnet den Prozess der Entwicklung von Werkzeugen und Produkten, um finanzielle Risiken zu handhaben.
Returns bezieht sich auf die Möglichkeit, mit «Nullemissionen» Profite zu erwirtschaften.
Mobilization dreht sich um Carneys Empfehlung an aufsteigende Wirtschaften, ausländische Investoren willkommen zu heißen, um Investitionen voranzutreiben. Der Fokus liegt auf der Sicherung und Generierung von Profit und nicht auf der Bekämpfung der Klimakatastrophe.
Erschreckend ist vor allem Carneys Empfehlung, wie das Konzept nach der COP26 umgesetzt und überprüft werden soll. Er schlägt hierfür verschiedene Allianzen bzw. Gruppierungen vor, die sich zu großen Teilen aus den «Big Playern» des Finanzsektors zusammensetzen. Wird dieser Vorschlag umgesetzt, führt das dazu, dass die großen Finanzakteure fortan die UN-Klimaagenda bestimmen.

Transnationale Unternehmen in der Klimakrise
Es stellt sich die Frage, wieso sich Teile der UN-Klimaagenda ausgerechnet an jenen Akteuren orientieren, die in großen Teilen für die Zerstörung des Klimas verantwortlich sind. Grund dafür ist die zunehmende Rolle von Unternehmen innerhalb der Vereinten Nationen und ihre enge Zusammenarbeit mit Staaten, um Lösungen für die Klimakrise zu finden. Im Mittelpunkt vieler Lösungsprozesse stehen deshalb mittlerweile transnationale Konzerne.
Zusätzlich haben sich immer mehr Unternehmen der Net-Zero-Kampagne verschrieben. Sie ebnet den großen Finanzfirmen und Konzernen den Weg in den offiziellen Entscheidungsprozess rund um die Klimamaßnahmen. Hunderte von Finanzinstitutionen haben versprochen, ihren Anteil im Kampf gegen den Klimawandel zu leisten. Die Idee dahinter ist, die Emissionen an der Quelle zu reduzieren und in anderen Bereichen CO2-mindernde Maßnahmen durchzuführen.
In der Realität lässt sich allerdings keine Umsetzung dieser Ziele finden. Es werden Technologien zur Emissionsbekämpfung angepriesen, die sich noch in der Entwicklung befinden, oder versprochen, massenhaft Bäume auf Flächen zu pflanzen, die gar nicht verfügbar sind. Hinzu kommt der Handel mit Emissionsrechten, der es den großen Unternehmen ermöglicht, umweltschädliche Praktiken fortzuführen. Erst einmal wird also weiter verschmutzt, die Lösungen kommen schon noch.
Im großen und ganzen geht es um Ablenkungsmanöver der großen Finanzakteure, nicht um eine wirkliche Wende. Mit der Net-Zero-Kampagne bietet sich Unternehmen und Finanzfirmen, die große Anteile am fossilen Brennstoffmarkt haben, die perfekte Möglichkeit, ihren Namen grün anzustreichen und gleichzeitig an Einfluss zu gewinnen.

Die Naivität der UNO
Die UNO hat in einem Belang von so hoher Dringlichkeit wie der Klimakrise konträren Interessen die Tür geöffnet und den privaten Finanzsektor mit offenen Armen empfangen. Sie setzt darauf, dass die Finanzinstitutionen und Unternehmen sich selber regulieren, obwohl sie ein hohes profitorientiertes Eigeninteresse an der Klimapolitik haben. Das ist angesichts der Verhaltensweisen dieser Akteure einfach nur paradox.
Die Macht, die sie durch ihre Übernahme der UN-Agenda erlangen, ermöglicht ihnen, ihren bisherigen Kurs beizubehalten und sich dabei noch als Lösung für die größte Krise der Menschheit darzustellen. Die UNO erwartet, dass die privaten Finanzinstitutionen ab einem bestimmten Punkt einen konkreten Plan vorweisen, wie sie die Emissionsziele erreichen. Die vagen Zugeständnisse und vorgestellten Schritte hierfür sind kein bisschen vertrauenerweckend.

Auf dem Rücken des globalen Südens
Und selbst wenn die «Big Player» bereit wären, private Investitionen zu tätigen, um die Klimakrise einzudämmen, würden die sich entwickelnden Länder darunter leiden. Die Länder des globalen Südens fordern schon länger finanzielle Mittel von den Industrieländern, um die notwendigen Anpassungen an den Klimawandel durchzuführen.
Die Länder des globalen Südens haben ein Engagement von 100 Milliarden US-Dollar gefordert und sind mit der Aufforderung an die Industrieländer abgespeist worden, ihren Beitrag bis 2025 mindestens zu verdoppeln. Stattdessen rät Mark Carney diesen Ländern auf private Investoren zu setzen.
Wenn sie das tun, liefern sie sich den großen Konzernen aus und begeben sich dadurch noch tiefer in ein Abhängigkeitsverhältnis, das sie daran hindert, eigenständige Wege der Entwicklung einzuschlagen.

Quelle: Kenneth Haar, Brid Brennan: COP26. Financiers of polluters in charge. A crucial climate summit is becoming the biggest finance greenwash event in history (2021). Veröffentlicht von Corporate Europe Observatory und dem Transnational Institute.

Print Friendly, PDF & Email
Teile diesen Beitrag:
Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.