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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Impfpflicht

Jagd nach den Bösewichten
von Angela Klein

Das Dilemma ist perfekt, die politisch Verantwortlichen haben sich selbst hineinmanövriert. Sie haben viele Steuergelder für Impfstoff locker gemacht, aber die Verantwortung für seine möglichst lückenlose Einnahme überlassen sie den einzelnen, die viel Aufwand betreiben müssen, um überhaupt einen Impftermin zu bekommen.

Ergebnis: Nur zwei Drittel der Bevölkerung sind vollständig geimpft und dennoch schießen die Inzidenzen durch die Decke. Eine weitergehende Fürsorgepflicht, etwa in Form von gezielten Impfangeboten, lehnt der Staat ab – aber wenn der einzelne aber nicht spurt, hagelt es direkten oder indirekten Zwang und Strafen.
Es ist absehbar, dass die über bestimmte Berufsgruppen verhängte – und gar die angedrohte allgemeine – Impfpflicht die Abwehrhaltung verstärkt: aus Misstrauen wird Trotz. Uninformierte, Unentschlossene und unerreichbar Verbohrte werden alle in denselben Topf gesteckt, das kann Schwankende nur in die Ecke treiben. Sie haben zudem einen Trumpf auf ihrer Seite: Sie wissen, dass Ordnungskräfte und Gesundheitsämter nicht in der Lage sind, die Einhaltung der Impfpflicht zu kontrollieren, wie es notwendig wäre. Schlupflöcher gibt es viele, und im Zweifel kann man kündigen. In Kanada mussten die Premierminister der Provinzen Ontario und Québec die zuvor verhängte, drakonische Impfpflicht wieder aufheben, weil sonst mit der Entlassung von «Zehntausenden von Krankenhausmitarbeitern» zu rechnen sei. Es verabschiedet sich schlicht das Personal.
Die Herrschenden bereiten sich (und uns) gerade einen doppelten Schaden: Es schlüpfen zu viele durch die Maschen, um einen hohen Immunisierungserfolg zu erreichen; und dafür ernten sie noch Spott, wenn nicht Hass. Und sie verbauen sich den Weg zum Erfolg der dritten Impfung: Wenn schon die ersten beiden von einem Viertel der Bevölkerung nicht angenommen werden, wie soll das erst gehen, wenn die Impfung alle halbe Jahre aufgefrischt werden muss? Es ist ja schon die Rede von einer fünften Welle im Herbst nächsten Jahres.
Um einen hohen Impferfolg hinzukriegen, braucht es eine hohe Motivation in der Bevölkerung und die Einsicht, dass das nur möglich sein wird, wenn alle mitmachen. Mit Zwang wird den Menschen die Motivation aber ausgetrieben.
Es gibt auch keine chinesische Mauer zwischen Geimpften und Ungeimpften, weil man es den Menschen nicht ansieht, ob sie sich angesteckt haben. Die Unterscheidung zwischen 2G und 3G folgt keiner medizinischen Logik, hier wird nur mit Strafe gedroht.
Seuchen sind ansteckende Krankheiten, die potenziell alle befällt, deshalb handelt es sich um ein ein hochgradig soziales Geschehen. Eine rein pharmakologische Behandlung reicht hier noch weniger als sonstwo in der Medizin. Eine große Anzahl Menschen muss für bestimmte Verhaltensweisen gewonnen werden, die ihnen lästig sind und nicht immer unmittelbar einleuchten. Mit Zwang geht das nur im Polizeistaat und mit Hilfe von Denunziation. Noch sind wir nicht soweit. Will die Bekämpfung der Pandemie unter den gegebenen Umständen aber erfolgreich sein, muss sie die Menschen mitnehmen, und das heißt: auf die sozialen Umstände eingehen, unter denen sie leben.


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