Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2021 > 12 > Nicht-eine-mehr

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2021 |

‹Nicht eine mehr!›

In Polen gehen Zehntausende gegen Frauenmord auf die Straße
von Jan Malewski

Am 8. November 2021 versammelten sich zehntausende Demonstrierende in mehr als 70 polnischen Städten und forderten, wie im vergangenen Jahr, das Recht der Frauen auf freie Wahl. Eine schwangere Frau war im Krankenhaus von Pszczyna (Oberschlesien) gestorben, während die Ärzte darauf warteten, dass «das Herz des Embryos aufhört zu schlagen».

Die 30jährige Izabela begab sich am 21. September ins Krankenhaus, nachdem ihre Fruchtblase geplatzt war. Die Ärzte stellten fest, dass kein Fruchtwasser vorhanden war, und bestätigten die zuvor festgestellten angeborenen Fehlbildungen des Fötus. Daraufhin beschlossen sie, Izabela ins Krankenhaus einzuliefern – und zu warten.
Der SMS-Verkehr zwischen Izabela und ihrer Mutter, den der Sender TVN am 3. November veröffentlichte, ist erschreckend: «Der Embryo wiegt 485 Gramm. Dank des Antiabtreibungsgesetzes muss ich momentan im Bett bleiben. Und es gibt nichts, was sie tun können. Sie werden darauf warten, dass er stirbt oder dass ­eine Fehlgeburt einsetzt, andernfalls muss ich mit einem septischen Schock rechnen», schrieb Izabela am Morgen ihres Krankenhausaufenthalts an ihre Mutter. Auf die Frage, ob man ihr etwas gegeben habe, um die Geburt einzuleiten, antwortete sie: «Das können sie nicht. Sie müssen warten, bis es auf natürliche Weise losgeht. Oder wenn nicht, müssen sie warten, bis das Herz zu schlagen aufhört.» Am Abend schrieb sie per SMS an ihre Mutter: «Sie haben mir eine Infusion gegeben, weil ich vor Fieber gezittert habe. Ich hatte 39,9 °C … Eine Tragödie. Mein Leben ist in Gefahr. Und ich muss warten.» Am 22. September, um 7.39 Uhr, wurde Izabela wegen eines septischen Schocks für tot erklärt.
Jolanta Budzynska, eine Anwältin der Familie, die den Skandal am 29.Oktober öffentlich machte, erklärte, der medizinische Fehler könne «nicht isoliert von der Entscheidung des Verfassungsgerichts» betrachtet werden. Das Gericht hatte im Oktober 2020 die Abtreibungsmöglichkeiten in Polen weiter eingeschränkt (siehe SoZ 12/2020). «Izabela und alle anderen Frauen in ihrer Situation wären sicherer gewesen, wenn den Ärzten ohne gesetzliche Einschränkungen mehr Behandlungsmethoden zur Verfügung gestanden hätten, die dem aktuellen medizinischen Wissen entsprechen. Heute … können Ärzte aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung von einer solchen Maßnahme absehen.»
Seit dem Bekanntwerden von Izabelas Tod sind weitere ähnliche Tragödien von den betroffenen Familien öffentlich gemacht worden. «Das Warten auf den Tod des Embryos in der Gebärmutter, auch wenn wir im vor­aus wissen, dass er nicht überleben wird, ist heute gängige Praxis in Krankenhäusern. Ich habe es selbst erlebt», sagte eine Journalistin.

Es droht ein noch schärferes Gesetz
Wieder gehen die Frauen auf die Straße: «Nicht eine mehr!» – «Ich denke, ich fühle, ich entscheide!» – «Abtreibung ist Leben!» So lauten ihre Parolen. Im vergangenen Jahr hatten sich über eine Million Menschen in diesem 36 Millionen zählenden Land gegen das Gerichtsurteil aufgelehnt.
Die rechte fundamentalistische Regierung tut so, als sei nichts geschehen. «Menschen sterben, das ist Biologie … Frauen sterben eben leider manchmal bei der Geburt», wagte die neue Programmchefin des Staatsradios zu sagen. Ihr Korrespondent kommentierte die Proteste mit den Worten: «Die Menschen werden sich nicht manipulieren lassen, wie es u.a. die Anführerinnen des Frauenstreiks gerne hätten. Diese Themen haben nichts mit Politik oder mit der Entscheidung des Verfassungsgerichts zu tun.»
Das polnische Parlament hat beschlossen, einen von katholischen Fundamentalisten eingebrachten Gesetzentwurf weiter zu beraten, er definiert den Menschen ab dem Zeitpunkt der Empfängnis und stuft einen Schwangerschaftsabbruch damit als Mord ein, der mit einer Freiheitsstrafe von 5 bis 25 Jahren oder sogar mit lebenslänglich geahndet werden soll. Das trifft sowohl die Frauen als auch diejenigen, die ihnen zu einer Abtreibung verhelfen – sogar dann, wenn sie ihnen die Pillen für einen medizinischen Schwangerschaftsabbruch besorgen.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.