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Flic – Bulle – Polizist

Ein Blick ins Innenleben des französischen Polizeialltags
von Albrecht Kieser

Valentin Gendrot: Bulle. Undercover in der Polizei von Paris. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2022. 320 S., 20 Euro

Dass heutzutage ein Buch mit dem schlichten Titel Bulle in einem normalen Buchladen zu erwerben ist, muss als erfreulich bezeichnet werden. Auch wenn der Inhalt dieses Buches mehr als unerfreulich ist. Denn hier erzählt ein Undercoverjournalist, der sich zwei Jahre lang in den Niederungen des Polizeialltags herumgetrieben hat, schonungslos von den dort waltenden Gewaltphantasien, Rassismen und den daraus folgenden Einsatzexzessen.
Nicht alle Bullen sind Schweine, das erlebt Valentin Gendrot, der Autor, sehr wohl. Aber leider können Bullen – flics auf französisch, denn es handelt sich um eine französische Enthüllungsstory –, die Schweine sind, sich in einem Sumpf aus Schweigen, Corpsgeist, Lügen und Vertuschung suhlen und sich deshalb sicher und geborgen fühlen.
Was Valentin Gendrot geleistet hat ist bewundernswert. Er hat sich in ein nach außen hermetisch abgeschlossenes Soziotop gedrängt und sich dort über Monate behauptet. Sinn und Zweck dieses Soziotops besteht darin, Gewalt auszuüben. Nicht nach innen, sondern gegenüber der Gesellschaft. Gendrot hätte, wäre er als Undercoverjournalist aufgeflogen, selber Opfer dieser Gewalt werden können – so wie viele andere Menschen vor ihm und nach ihm, allerdings aus anderen Gründen. Wäre er Opfer dieser Gewalt geworden, wären die Übergriffe gegen ihn vermutlich für nie geschehen erklärt worden. Denn die Mauern des Schweigens, der Lüge und der Kamaraderie um dieses Soziotop stehen in Treue fest.

Gewalttäter per Gesetz
Die Polizei hat einen singulären Staatsauftrag. Als einzige Institution, als einzige Ansammlung von Menschen, darf sie – soll sie – Gewalt ausüben, Gewalt gegen diejenigen, die Gesetze brechen oder das möglicherweise tun könnten.
Zahlreiche Einzelberichte und Untersuchungen belegen, dass die Polizei, natürlich auch die deutsche, selber Gesetze bricht. Denn sie hat ein Gewalt- und ein Rassismusproblem. Und ein Problem, ihre Untaten zuzugeben.
Gendrot hat mitgemacht, hat prügelnde Kollegen gedeckt, hat rassistische Sprüche überhört, jedenfalls nicht nach oben gemeldet, hat Schmiere gestanden, wenn mal einem vermeintlichen jugendlichen Übeltäter «der Arm gebrochen» wurde (O-Ton eines Kollegen). Gendrot musste mitmachen, sonst könnten wir sein Buch nicht lesen. Er hat große Ängste ausgestanden, dass er auffliegen könne. Des öfteren überkam ihn der Wunsch, alles hinzuschmeißen und die Maskerade zu beenden, um wieder zu sich selbst zurückkehren zu können.
Es gibt auf Gendrots Wache die notorischen Schläger und Rassisten, er war mit solchen Typen auf Streife. Ihnen scheint das Beleidigen im Blut zu liegen. Sie zelebrieren ihre Verachtung des normalen Bürgers, sobald sie die Gelegenheit dazu bekommen.
Sie sind nur eine Minderheit. Aber um diese Überzeugungstäter herum stehen die Schweigenden, diejenigen, die insgeheim der gleichen Meinung sind und genauso hart drauf sein möchten, aber zu feige dazu sind, und diejenigen, die insgeheim anderer Meinung sind, aber genauso wie die anderen Kollegen nichts gegen den Gesetzesbrecher in Uniform unternehmen.
Wir wissen längst und Gendrots belegt es an vielen Beispielen: Es gibt zusätzlich zum Problem prügelnder und rassistischer Polizisten das Problem mangelnder Aufklärung. Die Staatsanwaltschaft, die dazu berufen ist, versagt. Denn sie braucht im Normalfall die Polizei. Ohne Polizeibeamte, die bereit sind, ihrem Untersuchungsauftrag Folge zu leisten, gerät die Arbeit jeder Anklagebehörde ins Stocken. Staatsanwaltschaft und Polizei sind Geschwister nicht nur im Geiste, sondern auch bei der Aufklärung von Verbrechen. Und dann sollen diese Geschwister übereinander herfallen, wenn sich einer von beiden daneben benimmt?
Das klappt nicht. Die faule Ausrede von Innenpolitikern, Gewaltbereitschaft und Rassismus fänden sich natürlich, aber vereinzelt unter Polizisten, das seien ja auch nur Menschen, verhöhnt die Opfer. Rassisten in Uniform haben das Recht zuzuschlagen. Das unterscheidet sie von allen anderen Rassisten. Schlagen Rassisten ohne staatlichen Auftrag zu, werden sie angeklagt. Ja, nicht immer, ja, viel zu lasch, ja, wegen Überlappungen rechtsextremer Milieus bei Neonazis, Polizei, Verfassungsschutz und Justiz werden Anklagen sogar verhindert.
Aber der rassistische und gewaltaffine Polizist, der das Gewaltmonopol ausüben darf, schlägt zu, ohne dass er Gefahr läuft, sich rechtfertigen zu müssen, geschweige denn für seine Untaten angeklagt zu werden. Es fehlt schlicht und einfach eine neutral ermittelnde Instanz.
Fünf europäische Staaten haben deshalb mittlerweile unabhängige Beschwerdestrukturen aufgebaut, die Gewaltübergriffen der Polizei gegen Bürgerinnen und Bürger nachgehen. Kommt es zu strafrechtlichen Ermittlungen, haben diese Beschwerdestellen umfangreiche Befugnisse: Sie können Tatorte besichtigen, Zeug:innen vorladen und befragen, Beweismaterial beschlagnahmen und forensische Untersuchungen veranlassen. Die dänische Beschwerdebehörde kann von der Staatsanwaltschaft eingestellte Strafverfahren gegen Polizisten sogar wieder aufnehmen.
Dass so etwas dringend nötig ist, drängt sich jedem auf, der Gendrots Buch gelesen hat.


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