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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Gerüchte und Klassenkampf

Wahrheit entsteht nicht nur durch das gedruckte Wort
von Slave Cubela*

Gerüchte haben bei vielen Menschen einen schlechten Ruf. Dafür gibt es zwar viele Gründe, aber ich möchte hier drei herausgreifen: Erstens gelten Gerüchte als unwahr. Zweitens werden Gerüchte fast immer im Verborgenen weitergegeben, ihnen haftet etwas Hinterlistiges an. Und drittens sind Gerüchte gefährlich, weil es geschickten Akteuren mit ihrer Hilfe gelingt, Menschen zu manipulieren.

Entsprechend würden wohl auch viele Linke, der folgenden Aussage zustimmen: Wenn Gerüchte eine Form der «niedrigen» Kommunikation sind, weil sie falsche Tatsachen transportieren, in der Nichtöffentlichkeit gedeihen und weil sie Intentionen von Gerüchtestreuern verschleiern helfen, dann haben sie vor allem in der politischen Kommunikation emanzipativer Kräfte nichts zu suchen.

Ganz so einfach ist es bei genauerem Hinsehen nicht. Je genauer man Gerüchte zu verstehen sucht, umso vielschichtiger wird deren Funktion. Beginnen wir mit dem ersten Vorwurf, Gerüchte wären unwahre Behauptungen. Dieser Vorwurf ist schlicht falsch. Gerüchte sind vielmehr unbewiesene Informationen. Und versteht man Gerüchte auf diese Weise, dann gibt es vor allem zwei Gründe, warum sie weitergetragen werden.
Erstens: Wenn Brecht mal salopp formulierte, dass ein «guter Marx» sehr teuer sei, da man Zeit und Geld haben muss, um den großen Philosophen Marx «gut» zu verstehen, dann kann man sagen, dass es der Wahrheit ähnlich ergeht – sie ist schlicht teuer!
Vor diesem Hintergrund würde ich nun behaupten, dass in einer Klassengesellschaft die Kommunikation der Arbeiter- und Unterklassen weniger der Wahrheit dient als einem anderen Zweck: Die Menschen reden und erzählen sich Geschichten, weil sie damit in der einen oder anderen Form ihren Zusammenhalt stärken. Eine Geschichte, die nicht zu kompliziert ist, die spannend ist, die die Gruppe emotionalisiert, in der klar ist, wer gut und böse darstellt, verfängt hier fast immer besser, als eine Argumentation, bei der man lang und breit mit Prämissen und Folgerungen arbeitet, um die Wahrhaftigkeit der Aussage zu belegen.
Zweitens: Diese Zusammenhaltskommunikation intensiviert sich immer dann, wenn Menschen oder eine soziale Gruppe Gefahr wittern. In einer solchen Situation der akuter werdenden Bedrohung folgen diese Gruppen einer einfachen Logik: lieber Informationen weitertragen, die sich als falsch erweisen könnten, als die Gruppe womöglich gefährden, indem man zu lange mit Blick auf die Wahrheit geschwiegen hat.

Verborgen aus gutem Grund
Damit sind wir schon beim zweiten Vorwurf angelangt, nämlich dem, dass Gerüchte verborgene Kommunikation sind. Dieser Vorwurf ist zwar nicht, wie der erste sachlich falsch, aber sollte der politischen Linken nur ein müdes Lächeln entlocken. Denn wir leben nach wie vor in einer herrschaftsförmigen Gesellschaft. Und wie z.B. der Yale-Politologe James Scott in seinem Buch Domination and the Arts of Resistance überzeugend dargelegt hat, nehmen Arbeiter- und Unterklassen Herrschaft zwar nicht hin, aber wenn sie sozialen Widerstand leisten, dann zumeist im Verborgenen, unterhalb der gängigen Politik. Nur wenn die dominierten Klassen, so Scott, den Eindruck haben, dass sie im sozialen Handgemenge eine echte Chance gegen die herrschenden Klassen haben, betreten sie laut und offensiv die große politische Bühne. Das mag der eine oder andere Linke anzweifeln, der mit Programmatiken, Organisationen und öffentlichen Aktionen im alltäglichen Klassenkampf zu punkten sucht. Aber warum sollten die dominierten Klassen naiv gegen mächtige und brutale Gegner offen kämpfen, wenn sie als besonders verwundbare Mitglieder unserer Gesellschaft stets Gefahr laufen, die größte Zeche zu zahlen? Ist es da nicht nachvollziehbarer, im Verborgenen zu agieren und zu kommunizieren und jene Momente zu erspähen, in denen offener Widerstand dann tatsächlich erfolgversprechend wird?

Gerüchte als Werkzeug
Schließlich noch ein Blick auf den dritten Punkt, die besondere Manipulationsanfälligkeit von Gerüchten. Dieser Aspekt ist nach dem bisher Beschriebenen verständlich. Denn wenn Gerüchte ihren Höhepunkt in Zeiten haben, in denen oftmals die Arbeiter- und Unterklassen sich bedroht fühlen, dann ist es ohne Zweifel so, dass man diese nervöse und angespannte Situation ausnutzen kann, um auf die entsprechenden Diskurse politisch einzuwirken.
Dieser Umstand führte schon in vormodernen Gesellschaften dazu, dass die Herrschenden gern Spione dafür bezahlten, damit diese auf Marktplätzen und Kneipen hören, was das Volk spricht und denkt. Und ebenso ist es eine alte Herrschaftstechnik, die gleichen Spione dazu zu nutzen, um die Unzufriedenheit des Volkes zu kanalisieren und gegen bestimmte Sündenbockgruppen zu richten.
Aber zweierlei ist in dieser Hinsicht für die politische Linke hervorzuheben.
Erstens: «Gerüchte streuen» ist kein einfaches Handwerk. Ein Gerücht muss – nach Form und Inhalt – tatsächlich den sozialen Nerv der jeweiligen sozialen Klasse treffen. Denn wird es nicht weitererzählt, entfaltet es auch nicht seine Wirkmacht. Gerüchte durchlaufen also eine Art sozialer Prüfung. Zweitens wiederum: Auch die Linke hat eine lange Tradition des Gerüchtestreuens, man denke nur an den gerne zitierten Ausspruch, dessen Urheberschaft seit Jahrhunderten fälschlicherweise der französischen Königin Marie Antoinette zugeschrieben wird, das Volk möge doch statt Brot einfach Kuchen essen.

Kein Klassenkampf ohne Gerüchte
Doch halt, wird sich der eine oder andere Leser inzwischen denken: Worauf läuft diese Argumentation hinaus? Will der Autor tatsächlich Gerüchte politisch aufwerten und sie sogar zu einer wichtigen Form von linken Widerstandspraxen machen? Müssen wir nicht vielmehr in einer Zeit, in der Querdenker, Fake News, digitale Echokammern, alternative Wahrheiten usw. den öffentlichen Diskurs immer mehr zu zerstören scheinen, auf die Rationalität und Begründetheit in unserem Agieren achten?
Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, hilft es, sich kurz mit dem Phänomen des funktionalen Analphabetismus vertraut zu machen, also dem Umstand, dass es auch in modernen Gesellschaften Menschen gibt, die, wie es auf Wikipedia heißt, «zwar Buchstaben erkennen und durchaus in der Lage sind, ihren Namen und einige wenige Wörter zu schreiben, die jedoch den Sinn eines etwas längeren Textes entweder gar nicht oder nicht schnell und mühelos genug verstehen, um praktischen Nutzen davon zu haben». In Deutschland geht man davon aus, dass 7,5 Millionen Menschen im strengen Sinne funktionale Analphabeten sind, also 14,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Es gibt allerdings auch eine etwas erweiterte Definition des funktionalen Analphabetismus, nämlich die, in der gefragt wird, wie viele Menschen auf das didaktische Konzept der sog. leichten Sprache angewiesen sind, damit sie geschriebene Texte verstehen. In Deutschland sind das laut einem Aufsatz von Sven Nickel, Professor für Sprach- und Literaturdidaktik in Bremen, rund 40 Prozent der erwachsenen Bevölkerung, also knapp 20 Millionen Menschen.
Das heißt erstens: Knapp 40 Prozent der deutschen Erwachsenen können weder die vorliegende Ausgabe der SoZ noch andere argumentierende Zeitungen lesen, um dann durch den Vergleich verschiedener Publikationen begründete Informationen zu bekommen. Ihre «Wahrheit» entsteht durch eigene Erfahrungen, Gespräche mit Menschen, denen sie vertrauen, Filme oder andere Wege abseits der etablierten Literalität. Ein erheblicher Teil der Menschen in den modernsten Gesellschaften der Welt lebt also in sozialen Zusammenhängen, in denen sie auf unbewiesene Informationen bzw. Gerüchte schlicht angewiesen sind.
Zweitens: Funktionaler Analphabetismus ist überwiegend ein Problem der Arbeiter- und Unterklassen. Sie sind es, die in bürgerlichen Schulsystemen oft nur sehr oberflächlich lernen oder gar scheitern. Sie sind es, die ihre Kenntnisse in einer stumpfen Arbeitswelt nach und nach einbüßen. Eine Klassenlinke kann diesen Umstand ignorieren und mit ihren Publikationen, Programmen und Organisationen auf jene Arbeiter- und Unterklassen setzen, die keine funktionalen Analphabeten sind – oder sie muss begreifen, dass es eine politisch nicht unwichtige Frage ist, wie man diese Menschen erreichen kann.
Drittens: Wenn wir in einer Zeit leben, in der die soziale Aufwertung unverbürgter, falscher und oftmals manipulierter Informationen beklagt wird, dann ist es wichtig zu betonen, dass dies keine ausschließliche Folge des verbreiteten funktionalen Analphabetismus ist. Aber dieser Analphabetismus macht erhebliche Teile der Arbeiter- und Unterklassen anfälliger für diskursive Manipulationen. Deshalb, weil die soziale Bedrohung durch den Neoliberalismus in der Corona-Krise für diese Klassen immens ansteigt, sie sich also in kurzer Zeit einen Reim auf immer verrücktere soziale Verhältnisse machen müssen. Deshalb, weil diese Klassen sich dabei in einem immer undurchsichtigeren Mediensystem zurechtfinden müssen. Deshalb, weil die politische Rechte den Nutzen von Gerüchten, die an der vorhandenen Wut auch der Arbeiter- und Unterklassen andocken, längst erkannt hat. Und die Linke? Es wäre ein Anfang, wenn sie erkennt, dass es keinen Klassenkampf ohne Gerüchte gibt.

*Der Autor schreibt seit Jahren für den express und arbeitet haupt­beruflich für eine große deutsche Gewerkschaft.


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