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Alexandra Kollontai und die Neue Frau

Die Vordenkerin der sexuellen Befreiung wurde vor 150 Jahren geboren
von Elfriede Müller

Alexandra Kollontai (1872–1952) war eine der schillerndsten Persönlichkeiten der kommunistischen Weltbewegung. Sie widmete sich zwei Schlüsselfragen: der Sexualität und der Familie.

In ihrer Schrift Die neue Moral und die Arbeiterklasse (1918) legte Kollontai ihre Ideen zur Sexualität dar. Ihr Ideal war die «sukzessive Monogamie» als freie, nicht eheliche Verbindung. Die kameradschaftliche Solidarität stellte für Kollontai die große Kraft der Liebesbeziehungen da. Die rein physische Anziehung, der Eros ohne Flügel, wird vom beflügelten Eros ersetzt, der die körperliche Verbindung nicht ausschließt, aber nicht allein trägt. Die kommunistische Gesellschaft, so Kollontai, werde eine neue Form der Liebe erleben. Erst die Liebe in mannigfaltigen Formen kann helfen, das neue Kollektiv zu gründen.
Der «geflügelte Eros» bedeutete eine Kulturrevolution der Beziehungen in den Reihen der Jugendorganisation Komsomol: Frauenkommunen, getrennte Wohnungen von Paaren, Jugendkommunen waren einige der diskutieren Vorschläge. Das war zu ihrer Zeit sensationell. Freundschaft, von ihr «Kameradschaftlichkeit» genannt, war für sie die höchste Beziehungsform. In der Liebe sollten alle gleichberechtigt sein. Ihre Schriften können auch so interpretiert werden, dass sich kameradschaftliche Liebe auf alle Geschlechter bezieht. In der Literatur ihrer Zeit entdeckte sie als Heldin die alleinstehende, unabhängige Frau. Kollontais Haltung zum Sex war praktisch und romantisch zugleich. Ihre Liebesgeschichten waren oft stürmisch und voll unrealisierbarer Erwartungen. Gleichwohl betonte sie immer wieder, Liebe und Familie seien zweitrangige Übergangsphänomene.
Kollontai nahm führend an der Russischen Revolution teil und gestaltete bis 1921 die Frauenpolitik der ersten Arbeiter:innenregierung der Welt. Sie war eine häretische Kommunistin und Mitbegründerin der ersten ernstzunehmenden Opposition innerhalb der Bolschewiki, der «Arbeiteropposition», die sich für eine stärkere Unabhängigkeit der Gewerkschaften und Arbeiterselbstverwaltung einsetzte. Nach deren Scheitern wurde sie in den diplomatischen Dienst beordert, wo sie den Rest ihres aktiven Lebens verbrachte und viel erreichte. 1952 starb sie in Moskau mit 79 Jahren. Sie war neben Stalin die einzige Überlebende der ersten Sowjetregierung.
Ihre revolutionären Entwürfe für die Neue Frau spielten nach 1924 keine Rolle mehr. In der DDR blieb sie unerwähnt. Im Rahmen der 1968er Bewegung wurde sie von der Neuen Frauenbewegung im Westen wiederentdeckt. Trotz dieses neuen Interesses ist sie nicht unversehrt aus dem langen stalinistischen Vergessen hervorgegangen. Ihr Werk wurde zensiert, ihre Ideen zu einer neuen Sexualmoral in allen sowjetischen Quellen getilgt. Zu ihrem Tod gab es keinen offiziellen Nachruf für die alt gewordene Bolschewikin.
In der heutigen Auseinandersetzung über Klasse und Anerkennungskämpfe macht es Sinn, sich erneut mit Kollontai zu befassen. Sie kämpfte für die ökonomische und sexuelle Befreiung gleichermaßen und stellte sie nicht gegeneinander. Kollontai beanspruchte, dass Frauen zum Kollektivsubjekt der Emanzipation werden, dass der Kampf der Geschlechter Teil des Klassenkampfs wird. Sie erweiterte damit bereits Anfang des 20.Jahrhunderts das politische Feld um das Geschlechterverhältnis und wollte den Sekundärstatus von Frauen in Theorie und Praxis verändern. Sie politisierte das Alltagsleben und stellte es ins Zentrum der Kapitalismuskritik. Dass das Private politisch ist und ein Schlüssel zur Befreiung hatte sie schon 1890 erkannt, als sie sich der marxistischen Untergrundbewegung in Petersburg anschloss. Kollontais Schriften gingen über die bisherige sozialistische Tradition weit hinaus. Als Sozialistin sah sie die weibliche Emanzipation mit der proletarischen verknüpft, deshalb wandte sie sich auch gegen einen klassenübergreifenden Feminismus.

Ein stürmisches Leben
Vor der Revolution war ihr persönliches Leben eng mit den politischen Kämpfen in Russland verbunden. Als geschiedene Mutter fühlte sie sich hin- und hergezerrt zwischen Carearbeit und Politik. 1898 ließ sie ihren Sohn beim Vater, um Marxismus in der Schweiz zu studieren. Nach ihrer Rückkehr schloss sie sich der illegalen Sozialdemokratie an und kämpfte für die Entstehung einer russischen Arbeiterinnenbewegung.
Die Revolution von 1905 war für Kollontai der Beginn eines neuen politischen Lebens. Sie schulte Arbeiterinnen in Marxismus, schrieb Artikel und ermunterte Frauen, das Wort zu ergreifen. Wegen ihrer radikalen Positionen zur Beteiligung am Parlament wurde sie von ihren menschewistischen Genossinnen als Anarchosyndikalistin beschimpft.
Sie blieb noch neun Jahre Menschewistin, um sich dann, wie sie es formulierte, der einzigen Partei anzuschließen, die in der Lage war, die Macht zu übernehmen: den Bolschewiki. 1908 verließ sie nach zwei Haftbefehlen Russland und lebte neun Jahre in Berlin, wo sie sich mit der Psychoanalyse vertraut machte und die Debatte über eine neue Sexualmoral eröffnete. Parallel arbeitete sie als Agitatorin in zehn Ländern. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs war sie gezwungen, Deutschland zu verlassen, und ging nach Stockholm. Während des Krieges arbeitete sie eng mit den Bolschewiki zusammen.
Sie kehrte im April 1917 nach Russland zurück. Als Volkskommissarin für soziale Fürsorge in der ersten bolschewistischen Regierung, erste Ministerin der Welt und einzige Frau in der Regierung, verabschiedete Kollontai Dekrete zum Mutter- und Arbeitsschutz von Frauen, reorganisierte die Waisenhäuser, trug zur Neuregelung des Eherechts und der Prostitution bei und erlangte die Legalisierung der Abtreibung. 1918 wurde die Zivilehe als einzig legale Form eingeführt. Kinder, angemeldet oder nicht, hatten die gleichen Rechte. Scheidung konnte auf simple Nachfrage eingereicht werden.
Innerhalb der Partei entstanden die von ihr geforderten Frauensektionen. Am 7.April wurde sie als erste Frau in das Exekutivkomitee der Sowjets gewählt. Die 1919 eingerichtete Frauenabteilung (Shenotdel) des ZK der KPR(B) [siehe SoZ 3/2018] mit Kollontai an der Spitze widmete sich der Verbesserung der weiblichen Lebensbedingungen. Sie erreichte, dass Frauen innerhalb der Gewerkschaften eine Rolle spielten, ihre Arbeitsbedingungen zum Thema gemacht und mit der Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit in Zusammenhang gebracht wurden.
Vier Monate nach der Revolution schloss sie sich der linken Opposition gegen die Friedensbedingungen von Brest-Litowsk an. Aus dem ZK ausgeschlossen, trat sie vom Volkskommissariat im April 1918 zurück. Im selben Jahr kämpfte sie im Bürgerkrieg als Agitatorin. Sie war eine der besten Rednerinnen der kommunistischen Bewegung und wurde mit einem Agitpropzug auf den Weg geschickt, um Frauen für die Rote Armee zu rekrutieren.
Drei Jahre später wurde sie Mentorin und Anführerin der «Arbeiteropposition», deren Niederlage auf dem X.Parteitag 1921 Kollontai innerhalb der Partei isolierte. Mit der Arbeiteropposition wurden auch alle anderen Fraktionen verboten. Kollontai zog sich zurück, unterzeichnete noch die «Erklärung der 22», die sich gegen die Verfolgung der Fraktionen wendete, und widmete sich vor allem ihrer Arbeit in der Frauenabteilung. 1922 wurde sie als dessen Direktorin entlassen. Auch wurden ihre Ansichten zur Sexualmoral und Familie mehr und mehr angegriffen. Doch trotz ihrer Kritik verließ sie die Partei nicht. Von der Arbeiteropposition hat sie sich nicht distanziert.

Der Rückzug
Als Stalin 1922 Generalsekretär wurde, war sie eine der ersten Oppositionellen, die in den diplomatischen Dienst geschickt wurden. Das war ein politischer Rückzug. Kollontai verbrachtet 23 Jahre im Ausland und ließ viele ihrer früheren Ideale hinter sich. 1925 äußerte sie sich das letzte Mal öffentlich über eine Änderung des Ehegesetzes. Zur Strafe wurde sie nach Mexiko versetzt, landete aber aus Krankheitsgründen bald in Norwegen. Danach wurde es einsam um sie. Ihre Verlautbarungen wurden – wie bei allen, die Angst um ihr Leben hatten – sehr vorsichtig. 1929 wurde sie als Botschafterin nach Schweden berufen, wo sie 15 Jahre verweilte.
1931 wurde in der Sowjetunion Homosexualität wieder kriminalisiert, das Scheidungsrecht eingeschränkt und das Abtreibungsverbot für Erstschwangerschaften eingeführt. Kollontais Schriften wurden erneut angegriffen. Ende August erlitt sie einen Herzinfarkt. 1933 erhielt sie den Leninorden für ihren Beitrag zur Frauenemanzipation in der Sowjetunion, den sie nicht ablehnte. Nach den ersten Schauprozessen 1936 trat sie für mehrere Monate von ihrer Mission zurück. Ihre Antwort auf den Terror war Schweigen und Rückzug.
Zu ihrem 70.Geburtstag 1942 erhielt sie den Orden des Roten Arbeitsbanners für ihre Verdienste um den Sowjetstaat. Im selben Jahr erlitt sie einen Schlaganfall und saß von nun an im Rollstuhl, ihre linke Seite war gelähmt. Das hielt sie nicht davon ab, erfolgreich die Friedensverhandlungen zwischen Finnland und der Sowjetunion abzuschließen. Im Februar 1945 bekam sie eine Lungenentzündung. Sie zog sich nach Moskau zurück, um ihre Memoiren zu schreiben. An ihrem 80.Geburtstag wollte sie den Internationalen Frauentag feiern. In der Nacht vorher starb sie.
Auf ihrem Grabstein stehen die schlichten Worte: «Alexandra Michailowna Kollontai. 1872–1952. Revolutionärin, Volkstribunin, ­Diplomatin.»


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