Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 03/2022

Anees Salim: Fünfeinhalb Männer. Heidelberg: Draupadi, 2021. 234 S., 19,80 Euro
von Gerhard Klas

Gesellschaftliche Benachteiligung in einer Tragikomödie zu thematisieren kann funktionieren, wenn sie sich nicht auf Kosten der Benachteiligten lustig macht. Das ist Anees Salim, einem in Indien mehrfach ausgezeichneten Schriftsteller, mit seinem Roman Fünfeinhalb Männer gelungen.

Die nach dem Titel des Buchs benannte Bande in einem muslimischen Stadtviertel wird mit einer ordentlichen Portion verzweifelten Übermuts gegründet und scheitert schließlich kläglich.
Sie sind die jungen Männer, vor denen Eltern ihre Kinder immer gewarnt haben: eine Bande, unangepasst und experimentierfreudig. Abgekommen von der richtigen, der vorgegebenen Bahn. Dabei gehören zur Bande auch Kinder aus angesehenen Haushalten, wie der Sohn des Barbiers und der Sohn des Imams, Imran Jabbari. Salim beschreibt sie und das Stadtviertel Vanity Bagh, in dem sie aufwachsen – ein muslimisches Ghetto – mit allen Widersprüchen.
Ob Dinge oder Menschen: Die bildhafte Sprache des indischen Schriftstellers läßt sie lebendig werden. Oft schlägt Salim auch einen lakonischen Ton an, etwa wenn er die Entstehung eines Aufruhrs beschreibt. Nach dem Sieg der pakistanischen Cricketmannschaft über die englische fahren ein paar junge, radikale Hindus, auch Schwarzkappen genannt, mit ihren Motorrollern durch Vantiy Bagh. Angekommen am Friseursalon plustert sich einer von ihnen auf, mokiert sich über das entzündete Siegfeuerwerk und beleidigt den Barbier. Dafür bezieht er eine Tracht Prügel von der Bande. Die Rache lässt nicht lange auf sich warten: Nachts geht der Friseursalon in Flammen auf.
Die Bande lässt sich schließlich auf einen dubiosen Auftrag ein, der sich für sie völlig überraschend als Bombenanschlag im benachbarten Hinduviertel entpuppt. Ihre Mitglieder kommen dabei selbst ums Leben, landen im Gefängnis, werden erschossen oder sind auf der Flucht.
Salim gelingt es, die jungen Männer als liebenswerte Mitmenschen zu zeichnen, die aufgrund ihrer Lebensumstände auf die schiefe Bahn geraten sind. Eine Tragikomödie über Diskriminierung und die Auswirkungen jugendlicher Perspektivlosigkeit. Ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit viel Humor und menschlichem Tiefgang.

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