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Von Marx und seiner Anwendung

Linke Stimmen aus der Klimagerechtigkeitsbewegung
von Thies Gleiss

Das Klima des Kapitals. Gesellschaftliche Naturverhältnisse und Ökonomiekritik (Hrsg. Valeria Bruschi, Moritz Zeiler). Berlin: Dietz, 2022. 311 S., 18 Euro

Als die Anti-AKW-Bewegung, neben der Gewerkschaftsbewegung wohl die größte soziale Protestbewegung der jüngeren Geschichte in Deutschland, Ende der 70er und zu Beginn der 80er Jahre nach großen Straßen- und Bauplatzmobilisierungen, Besetzungen und diversen Erfahrungen in «direkter Aktion» an ein gewisses Ende der Möglichkeiten dieser direkten Bewegungspraxis geriet, begann eine Phase der politischen und theoretischen Suche und Neuorientierung in der Organisation des Widerstands.
Neben der Herausbildung der Partei der Grünen als – erfolgreich – zu Parlamentswahlen antretende «neue linke Partei» wurde damals in linken Theoriedebatten vor allem ein «neues Marx-Verständnis» ausgegraben. Eine beachtliche Reihe von linken Veröffentlichungen sortierte die historischen, und etwas weniger auch methodischen Gedanken von Marx und Engels neu, um zu belegen, dass schon diese Großväter der radikalen antikapitalistischen Systemkritik die «Ökologiefrage» gestellt hätten, d.h. die systemische Zerstörung der gesamten Biosphäre durch eine auf Markt, Profit, Konkurrenz und Wachstumszwang orientierte Wirtschaftsweise beschrieben und sogar beantwortet hätten.
Viele Zitate und Schnipsel aus den Marx-Engels-Werken wurden gesammelt und stolz vorgezeigt. Die berühmte Stelle aus dem Kapital: «Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter», wurde in den 1980er Jahren zur wohl meistzitierten Marx-Äußerung.
Ohne die Analogie überstrapazieren zu wollen, ist die heutige Klimagerechtigkeitsbewegung nach machtvollen Protesten, aber eben auch machtlosem Anrennen gegen die Symbole des fossilen Kapitalismus in einer ähnlichen Phase der Debatte über Theorie, Strategie und Organisation der Bewegung angelangt. Und siehe da: Wieder wird der gute alte Marx gewälzt und seine Äußerungen zur ökologischen Krise des Kapitalismus ausgegraben.
Diesmal ist das Wälzen noch ergiebiger: Dank der fulminanten Publikationspraxis der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) sind ganze Bände mit Exzerpten von Marx zu Büchern seiner Zeit erschienen, die aufzeigen, wie intensiv er sich mit Fragen der Naturwissenschaften beschäftigt hat, darunter Fragen der Bodenzerstörung durch die moderne Landwirtschaft bzw. mit den Möglichkeiten, mit Dünger und wissenschaftlichen Anbaumethoden diese Zerstörung zu bremsen oder zurückzudrängen. Diese Beschäftigung bildete die Basis für Marx’ Auseinandersetzung mit der Bevölkerungshteorie von Malthus, die in der Überbevölkerung die Ursache allen sozialen und ökologischen Übels sieht und bis heute immer wieder die Sozialwissenschaften und Sozialpolitik vergiftet.
Von den vielen neueren Büchern aus diesem Komplex sei vor allem Kohei Saitos Natur gegen Kapital genannt, der geradezu archäologisch die Schriften von Marx umgräbt, um ihn zum ersten und besten aller Ökologen zu erklären (siehe SoZ 3/2018).

Verbindung zu anderen Bewegungen
Das ist alles verdienstvoll. Doch scheint es nützlicher, die Ideen von Marx und Engels als Methode der gesellschaftlichen Kritik und revolutionären Praxis von heute zu verstehen. Dieser Aufgabe hat sich der neue Band Das Klima des Kapitals aus dem Dietz-Verlag gestellt – zumindest in der zweiten Hälfte, nachdem zuvor die erwähnte Marx-Archäologie betrieben wurde, bei der das erwähnte Kapital-Zitat gleich in einer Reihe von Artikeln aufgeführt wird.
In diversen Beiträgen wird versucht, die Bedeutung der Umweltfrage für die Frauenbewegung, für die Gewerkschaftsbewegung und betriebliche Kämpfe, für eine solidarische neue Weltwirtschaftsordnung und internationale Solidarität aufzuzeigen. Merkwürdigerweise wird das Thema Krieg und Militär – ein bedeutender Faktor der Umwelt- und Klimazerstörung – ausgespart. Die Umwelt- und Klimazerstörung wohnt der kapitalistischen Produktionsweise als unlösbarer integraler Bestandteil inne, deshalb muss die Klimagerechtigkeitsbewegung zu einer bewussten antikapitalistischen Bewegung werden. Auch dieser Perspektive widmet sich ein längerer Beitrag. Hervorzuheben sind dabei die Beiträge von Stefanie Hürtgen zur Gewerkschaftsbewegung und Mike Davis zur antikapitalistischen Analyse der Brände in Kalifornien.
Es gibt auch drei Beiträge zur politischen Dimension der aktuellen Bewegungsdiskussion. Sie gehören zu den schwächsten Texten in dem Band. Der Artikel von Jan Hoff zum Begriff «Ökosozialismus» kennt die Entwicklung und die Rolle dieses Terminus für heute nur sehr wenig. Der Beitrag des Kollektivs «direction f» zur Geschichte der Grünen erfasst deren Bedeutung für die politische Geschichte der Linken nur ansatzweise.
Und der Aufsatz von Rainer Trampert zum «Green New Deal» ist schlicht ein Ärgernis. Es ist ein trauriges Beispiel für die Nutzlosigkeit der bei einigen Linken so beliebten Disziplin «Ideologiekritik», kombiniert mit den bekannten «antideutschen» Tiraden gegen angeblichen Antisemitismus.
Dennoch ein lesenswerter Band, dem gerade aus den aktiven Kreisen der Klimagerechtigkeitsbewegung viele Leserinnen und Leser zu wünschen sind.


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