Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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PDF Version Artikellink per Mail  | Soz Nr. 03/2022

‹Ich habe Tanzen immer als geschlechtslos wahrgenommen›
Gespräch mit Desiderius Rainbow

Jede Trans-Person findet einen eigenen Weg. Desiderius Rainbow wurde bei der Geburt das Geschlecht weiblich zugewiesen. Er besitzt in Flensburg ein eigenes Tanzstudio mit dem Namen Schleiereule. Tanzen ist für ihn ein wichtiger Teil seiner persönlichen Transition.

Ravi T. Kühnel sprach mit ihm über seine Erfahrungen, die Veränderung und sein neues Lebensgefühl.

Du hast in Flensburg dein eigenes Tanzstudio, Tanz ist sehr körperbetont. Wie hilft dir das bei deiner Transition und wie verbindest du tanzen und deine Transidentität?

Ich fing mit 18 an zu tanzen. Ich dachte immer, ich hätte damit nichts am Hut. Ich kam zufällig zum Tanzen und merkte, dass ich das gut kann – es war ein Aha-Moment. Das erste Mal in meinem Leben wurde ich von meinem Körper nicht verraten, und ich fühlte mich wirklich wohl bei dem, was ich tue. Ich habe Tanzen immer als geschlechtslos wahrgenommen. Man wird öfter mit dem Vorurteil konfrontiert, dass bestimmte Tanzstile nur für Frauen gedacht sind, für mich ist Tanz aber für alle. Man tanzt und findet dadurch zu sich selbst.
Zwischendurch hatte ich eine Tanzpause. Ich begann mit orientalischem Tanz, mit dem ich mich auch wohl fühlte, doch durch das extreme Schubladendenken in meinem Umfeld begann ich mich unwohl zu fühlen und habe dann wieder aufgehört. Nach drei Jahren fing ich dann wieder mit verschiedenen Tanzstilen an. Früher trug es dazu bei, dass ich diese weibliche Rüstung aufrechterhalten konnte und niemand herausfindet, was und wer ich bin.
Nachdem ich mich geoutet habe, war es das Gegenteil: Es war für mich die Möglichkeit, ich selbst zu sein, mich auszutoben und mich nicht mehr zu verkleiden, zu verstecken. Ich konnte die weibliche Fassade abreißen. Tanzen war Rüstung und Selbstfindung, eine Möglichkeit, mich mit meinem Körper zu arrangieren, zu versöhnen und anzufreunden. Tanz ist die Verbindung zwischen mir und meinen Körper.

Du bist mit deiner Transition sehr offen umgegangen und klärst viel auf. Wie reagieren die Menschen darauf?

Ich bin sehr kommunikativ und es war nicht das erste Outing. Früher trug ich viel mir mit rum, worüber ich nie geredet habe und immer dachte, es darf keiner erfahren. Ich habe jedoch festgestellt, je weniger ich geheim halte und je mehr ich «Ich selbst» bin, desto wohler fühle ich mich.
Nach dem Outing hatte ich einen großen Kommunikationsbedarf. Ich habe viel positives Feedback erlebt. Gerade in der Tanzszene wurde ich von vielen Leuten angesprochen, die sich bedankt haben, weil sie selbst betroffen sind, sich über die Aufklärung gefreut oder etwas dazu gelernt haben. Sie konnten mit dem, was ich schrieb, viel anfangen. Ich möchte, dass die Menschen einander verstehen und sich mit Respekt begegnen. Auch in Online-Gruppen erhalte ich gutes Feedback. Ich merke auch, dass Humor hilft.
Ich bin mit meinem Trans-Weg ein Sonderfall, weil ich keine Hormonersatztherapie mache – so kann ich darüber aufklären, dass man dadurch nicht weniger trans ist.
Negatives Feedback gab es kaum. Nach wie vor gibt es halt viele eigenartige Gespräche und komische Situationen. Manche Menschen denken nicht darüber nach, dass gewisse Dinge, die man zu jemandem sagt, den man eben erst getroffen hat, womöglich fehl am Platz sind. Ich kläre gerne auf, ich plane, ein Buch zum Thema zu schreiben, zur Zeit arbeite ich jedoch an einem Fantasy-Mehrteiler.

Du hast nun alle Punkte auf deiner «Trans-to-do-Liste» abgehakt. Wie sehr hat dich das verändert?

Ich weiß seit 20 Jahren genau, was ich will und was ich brauche. Es hat sich nur alles stark verzögert. Ich habe mit der Sterilisation angefangen, dann änderte ich meinen Künstlernamen. Die Hysterektomie (die Entfernung der Gebärmutter) erfolgte aus gesundheitlichen Gründen – ohne Kampf, und die Krankenkasse zahlte. Erst dann wandte ich mich an einen Endokrinologen (Facharzt für den Hormonhaushalt) und einen Therapeuten.
Die Personenstands- und Vornamensänderung machte einen großen Unterschied. Für mich war es hilfreich, dass ich den Künstlernamen schon geändert hatte und nutzen konnte. Dann folgte die Logopädie, meine Stimme ist nun eine Oktave tiefer – und das ganz ohne Hormonersatztherapie. Mit jedem Schritt fühlte ich mich befreiter. Ich wurde eine Last los und musste nicht mehr ständig vorgeben etwas zu sein, was ich nicht war.
Schon im Kindergarten wusste ich, dass ich kein Mädchen bin. Mein Übergang tat mir auch psychisch gut, ich wurde gelassener, weine nicht mehr so viel und bin nicht mehr so leicht aus der Ruhe zu bringen. Je mehr ich «ich» wurde, desto stärker wurde ich und desto mehr Kräfte stehen mir zur Verfügung.
Ich hatte einen starken Hormonumschwung. Für die Mastektomie (Brustentfernung) war eine endokrinologische Untersuchung notwendig – der Arzt war erstaunt über meinen hohen Testosteronspiegel, mein Körper produzierte wohl von sich aus mehr Testosteron. Das ist ein Grund dafür, dass ich keine Hormonersatztherapie möchte. Mein Passing (d.h. dass ich als Mann wahrgenommen werde) ist zwar dadurch nicht so toll, wichtiger für mich ist aber, dass mein Körper es selbst gemacht hat.
Der krönende Abschluss, die Mastektomie, hat meine gesamte Selbstwahrnehmung stark verändert. Ich kann nun in den Spiegel schauen und finde mich schön und attraktiv. Der Selbsthass ist weg. Ich kann mich selbst uneingeschränkt lieben. Solche Gefühle hatte ich früher nie und ich wusste nicht, dass ich dazu imstande bin. Ich fand Schritt für Schritt zu mir selbst.
Der ganze Alltag ist nun voller «Wow-Momente». Ich fühle mich unglaublich gut und richtig. Es gibt zurzeit so viele erste Male. Das erste Mal Charleston tanzen, ohne, dass da irgendetwas rumschlackert. Oder das erste Mal ein Hemd ohne Binder drunter anziehen. Das erste Mal Sex. Das erste Mal oben ohne an die Tür gehen, wenn die Post kommt. Ich bin positiv überwältigt.

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