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Eine deutsche Analyse

Die ‹Wiederkehr der Klassen› am Jenaer Institut
von Michael Heldt

Die Wiederkehr der Klassen. Theorien, Analysen, Kontroversen. (Hrsg. Jakob Graf u.a.) Frankfurt a.M., New York: Campus, 2021. 232 S., 30 Euro

Mit Die Wiederkehr der Klassen erschien im Februar 2021 der zweite Band aus dem «Projekt Klassenanalyse Jena».

Das ist kurios, denn der erste ist für Juni dieses Jahres unter dem Titel Die demobilisierte Klassengesellschaft angekündigt. Während sich Klaus Dörre für den ersten Band allein als Autor nennt, zeichnen für die hier besprochene Veröffentlichung seine Mitarbeiter:innen und Promovierenden verantwortlich.

Die Autor:innen sehen in ihren Beiträgen eine (vorgreifende) Auseinandersetzung mit dem ersten Band. Sie werden nicht müde, die Arbeit ihres Gönner, als Grundlage für die eigenen Arbeiten zu betonen, und sind – aus ihrer Sicht zurecht – dankbar um die Chance, die er ihnen mit der Promotion bietet.
Trotz dieser Zentrierung auf Jena liegt den Beiträgen kein homogener Klassenbegriff zugrunde, was eine Besonderheit zu sein scheint. Die Kontroverse darum wird oft erwähnt, der Anspruch, diese für sich aufzulösen, nicht weiter verfolgt. Dabei wird die materielle Grundlage von Klassenrealitäten gegen Umdeutungen als «Kulturklassen» und eine moralisch geprägte «Klassismuskritik» verteidigt – was auf mehr hoffen ließe.
Der Band will einen Beitrag leisten, um die Wirklichkeit der deutschen Klassengesellschaft zu analysieren, und dabei Rassismus, Geschlechterbeziehungen, globale Zusammenhänge und die «gesellschaftlichen Naturverhältnisse» einbeziehen. Die «Aufsätze verbinden die Zielsetzung, die bisherigen Forschungen zu strukturellen Beziehungen zwischen unterschiedlichen Formen der Ungleichheit und Klassenverhältnisse zusammenzubringen und auf ihre Aktualität zu überprüfen.»
Das Buch erscheint ein weiterer Vorstoß der Jenaer oder besser des Jenaers zu sein, um seine eigenen Thesen und Deutungen zur gesellschaftlichen Entwicklung des Klassenwiderspruchs in der deutschen wissenschaftlichen Welt und der Gewerkschaftsbürokratie zu verankern. Dokumentiert wird die Nähe dieser Forschung zu einer heute im Wissenschaftsbetrieb raren Perspektive – inhaltlich und finanziell unterstützte die Rosa-Luxemburg-Stiftung diese Veröffentlichung.
Methodisch arbeitet sich der Band an jeweils fokussierten Zusammenhängen von Klassen und Klassengesellschaft zu anderen Unterdrückungs- und Herrschaftsformen in sechs Beiträgen ab. Von Rassismus bis zum Verhältnis zur Natur, immer wird versucht, den Stand der Debatte mit kritischem Blick zusammenzubringen.
Eines sticht ins Auge: Die beachteten Referenzen und Autor:innen sind überwiegend jene, die in der deutschen Debatte von jeher präsent sind, im «Haus Dörre» seit Jahren ihren Platz finden, einen traditionellen Link zur hiesigen Arbeiter:innenbewegung oder eine Beziehung zu den deutschsprachigen Universitäten haben. Andere, die etwas gewinnbringendes zu sagen hätten, aber nie so recht in der BRD angekommen scheinen, fallen komplett durchs Raster. So wie andererseits Dörre im Ausland kaum Beachtung findet, weil er zur internationalen Debatte wenig beizutragen hat. Aus diesen Mauern bricht der Beitrag «Klasse im Kontext von Rassismus» aus, was sofort bereichernd wirkt. Insgesamt bleibt dennoch der Eindruck, dass die Welt in Jena klein zu sein scheint.
Dörre hat den Ökosozialismus für sich entdeckt, auch wenn seine Vorstellungen mehr auf eine ökosoziale Marktwirtschaft hinauslaufen. Dies wirkt sich auf die schreibenden Promovierenden aus. Der Text zum entsprechenden Thema will das, was in der Debatte seit Jahrzehnten Dreh- und Angelpunkt ist: das Klassenverhältnis in bezug auf die «gesellschaftlichen Naturverhältnisse» analysieren.
Leider greift genau dieser Beitrag die reichen internationalen, thematisierten Erfahrungen unzureichend ab – trotz einer lobenswerten Betrachtung der Entwicklung der jüngsten Zeit in Europa, von den Gelbwesten bis zu FFF. Hier zeigt sich: Der Ökosozialismus ist durch die Vorstöße von Professoren wie Christian Zeller und Klaus Dörre in der Gesellschaft angekommen und keine randständige Debatte unter Spezialist:innen mehr.
Für wen ist das Buch eine Lektüre wert?
Für alle, die auf Stand bleiben wollen, was da in einer der letzten deutschen Schmieden der universitären Klassenanalyse und Diskussion sodebattiert wird – und was nicht. Das ist durchaus nützlich – werden hier doch Wegmarken der breiteren Debatte in den Gewerkschaften vorstrukturiert, die uns in den kommenden Jahren auf Konferenzen und Seminaren, links blinkend, vorgestellt werden. Ob es gefällt oder nicht: Der Beitrag ist beachtenswert, obwohl, außer einer berechtigten Aktualisierung einiger Betrachtungswinkel, nichts wesentlich Neues zu erfahren ist.


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