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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2022 |

Bremse bei der Verkehrswende

Trotz 9-Euro-Ticket für 90 Tage
von Violetta Bock

Ab dem 1.Juni kann der öffentliche Personennahverkehr drei Monate lang für 9 Euro monatlich bundesweit genutzt werden. Verkündet wurde dies im Rahmen des Entlastungspaketes der Ampel. Sogleich kamen Fragen auf: Ab wann ist es umsetzbar? Was ist mit Inhaber:innen von Abokarten? Wo gilt es überhaupt? Inzwischen sollen die Details final im Mai beschlossen werden.

Das Ticket ist eine feine Sache, gerade weil es Gemeinschaftlichkeit herstellt, wo sonst verschiedenste Tarifgruppen getrennt sind. Es beweist, dass spürbare direkte Maßnahmen sehr wohl machbar sind und nicht alles im Schneckentempo weitergehen muss. Gerade im Verkehrssektor wird man oft mit langen Planungszeiten auf Ewigkeiten vertröstet. Ausgerechnet die Verkehrsminister machen plötzlich stark, dass ein Nulltarif viel einfacher zu handhaben ist. Wer länger für die Verkehrswende aktiv ist, weiß, wie undenkbar das noch vor Jahren schien.
Lediglich 2,5 Milliarden Euro wird das Ticket den Bund kosten. Viel Verwaltungsaufwand für lediglich drei Monate ist es trotzdem. Die Bezahlung dient vor allem der Erhebung der Nachfrage – das ist nicht wirklich überzeugend. Verkehrsbetriebe erfassen ihre Fahrgastzahlen inzwischen oft unabhängig von Tickets. Skeptiker des 9-Euro-Tickets betonen, dass man langfristig und grundsätzlich die Finanzierung des ÖPNV verändern müsse. Der Rhein-Main-Verkehrsverbund etwa hat wegen der Preissteigerungen noch im Januar eine außerordentliche Fahrpreiserhöhung ab Sommer beschlossen. Der Finanzierungstopf muss insgesamt größer werden für den Ausbau in Stadt und Land und für attraktivere Arbeitsbedingungen. Wir müssen die Phase des 9-Euro-Tickets also nutzen, um genau diese notwendigen Punkte für eine nachhaltige Verkehrswende mit Nulltarif stark zu machen.
Natürlich besteht die Gefahr, dass das Ticket nur als kurzfristige Beruhigungspille wirkt, um die weitere Förderung des Autos und der Automobilkonzerne durch die Ampel zu kaschieren. Ohne begleitende Maßnahmen wird der ÖPNV von Neueinsteiger:innen vielleicht gerade nicht als attraktive Alternative angenommen, sondern für Jahre mit übervollen Bussen verbunden. In Städten gilt es dafür zu kämpfen, dass jetzt Straßenraum für das Rad freigegeben wird, damit nicht vor allem Fußgänger:innen und Radfahrer:innen wechseln.
Und auch in Bund und Ländern gilt es, weiter Druck aufzubauen, damit die Bremsen für eine tatsächliche Verkehrswende gelöst werden: Tempolimit, autofreie Sonntage, Verbot von Inlandsflügen, Popup-Radwege…


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