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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2022 |

Das Treffen von Amazon Workers International in Bad Hersfeld

Internationale Basisvernetzung entlang der Wertschöpfungskette
vom Streiksolibündnis Leipzig

Vom 25. bis 27.März 2022 fand in Bad Hersfeld das Halbjahrestreffen der Amazon Workers International (AWI) statt, einem Netzwerk von Amazon-Beschäftigten und Unterstützer:innen vor allem aus Europa. Diesmal kamen Menschen aus Polen, Deutschland, Frankreich und Italien sowie – per Liveschaltung – den USA zusammen.

Sie tauschten sich über Arbeitsbedingungen an den verschiedenen Positionen im Amazon-Netzwerk aus, diskutierten Union Busting bei Amazon, die Folgen des Angriffskriegs auf die Ukraine für die Arbeitenden und die neuesten Entwicklungen gewerkschaftlicher Organisierung in den USA. Das Treffen fand vor der erfolgreichen Gewerkschaftswahl in New York statt.

Bemerkenswert war die große Beteiligung von Kolleg:innen aus Frankreich, die sich in der basisdemokratischen Gewerkschaft Solidaires organisieren. Viele von ihnen arbeiten in den sog. delivery stations. In diesen kleineren Warenlagern werden die Lieferungen aus den großen Verteilzentren, den fulfillment centers, für einen Bezirk umsortiert, bevor sie ausgeliefert werden. Die Kolleg:innen berichteten von Problemen bei der Gewerkschaftsorganisation in delivery stations aufgrund prekärer Arbeitsverträge, der Unwissenheit über die Gewerkschaften sowie von Union-Busting-Maßnahmen gegen Gewerkschaftsaktive.
Die ersten beiden Punkte bestätigte ein Kollege aus solch einer Station in Berlin. Generell setzt Amazon in Europa zunehmend auf die delivery stations. Die Amazonians United (AU) aus den USA konzentrieren sich in ihrer Gewerkschaftsarbeit genau auf diese Orte. Zum einen ist es dort einfacher als in den großen fulfillment centers verhältnismäßig große Betriebsgruppen aufzubauen. Zum anderen sind die Aktionen wirkungsvoller. Liegt eine delivery station lahm, können dort keine Pakete mehr für einen Bezirk ausgeliefert werden. Die AU ist mittlerweile in mehreren delivery stations in den USA und Kanada präsent.

Von der IT bis zu den Lkw-Fahrer:innen
Neue Kolleg:innen aus weiteren Bereichen des Amazon-Netzwerks stießen zum ersten Mal zu unseren Treffen dazu. So berichten Beschäftigte, die für Amazons IT-Dienstleistungen tätig sind, von ihren Arbeitsbedingungen und von der Kampagne ­Organize AWAS. Sie setzten mit einer Betriebsvereinbarung erfolgreich ein Verbot der Nutzung personenbezogener Daten durch. Seitdem ist das Arbeiten bei diesem IT-Dienstleister deutlich stressfreier, weil die persönliche Überwachung durch digitale Geräte nicht mehr möglich ist. Die Kolleg:innen wollen nun auch international Arbeiter:innen beim Kampf gegen die digitale Überwachung am Arbeitsplatz unterstützen.
Ein Lkw-Fahrer von der neuen Gruppe Amazon Truck Drivers United nahm per Liveschalte teil. Diese Initiative geht vor allem von Lkw-Fahrer:innen aus Osteuropa aus, die angestellt über Subunternehmen für Amazon zwischen den Warenlagern in Westeuropa herumfahren. Die Lkw-Fahrer:innen organisieren sich jetzt selbst transnational.
Eine erste Aktion war eine Petition gegen die Zustände am Lkw-Parkplatz beim fulfillment center in Leipzig. Sie bemängeln das Fehlen von Sanitäranlagen oder Kochmöglichkeiten vor Ort, obwohl die Fahrer:innen teilweise über 24 Stunden auf diesen Parkplätzen verbringen müssen. Der Ausgang der Petition an das lokale Management ist noch offen. Das örtliche Streiksolibündnis unterstützte die Lkw-Fahrer:innen beim Unterschriftensammeln.

Von Union Busting bis Krieg
Am Freitag verteilten die Teilnehmenden des Treffens Flugblätter vor dem Bad Hersfelder fulfillment center an die lokale Belegschaft zum Thema Union Busting. Am Samstag berichtete Magda Malinowska, gewählte Vertreterin der Gewerkschaft Inicjatywa Pracownicza in Poznan, die im November 2021 entlassen wurde, von ihrem laufenden Kündigungsverfahren. Amazon beschuldigt sie, die Leiche eines Arbeiters, der im September bei der Arbeit gestorben war, unerlaubterweise fotografiert zu haben. Die Gewerkschaft und Magda weisen den Vorwurf zurück. Vielmehr wurde Magda von Amazon bei der Ausübung ihrer Gewerkschaftsarbeit in bezug auf den Todesfall abgehalten.
Auch Anis Zitoun, Betriebsratsmitglied und Ver.di-Aktiver in Bad Hersfeld, berichtete von seiner Abmahnung wegen angeblicher antisemitischer Äußerungen. Anis konnte seine Kündigung vor Gericht abwenden und klagt nun wegen Verleumdung gegen eine Managerin.
In bezug auf den Ukrainekrieg übernimmt Amazon staatliche Aufgaben beim Transport von Hilfsgütern in die Ukraine. In Osteuropa werden Warenlager für diese Aufgaben abgestellt. In Westeuropa werden in den Belegschaften Spenden gesammelt und ehrenamtliches Engagement unterstützt. Amazon könnte bald auch einen Vorteil aus der Situation ziehen, wenn Kriegsgeflüchtete Jobs in den EU-Staaten suchen.
Die rechtlichen Voraussetzungen für eine schnelle Arbeitsmarktintegration wurden bereits in Deutschland und Polen geschaffen. Die Gewerkschaften bei Amazon müssen sich auf neue Kolleg:innen vorbereiten, die das Arbeits- und Gewerkschaftsrecht in ihren Zielländern noch nicht kennen. Amazon Deutschland hat bereits angekündigt 5000 neue Stellen in diesem Jahr zu schaffen.

Unterschiedliche Gewerkschafts­ansätze – ein gemeinsames Ziel
Ein Kollege von AU berichtete von den walk-outs, die zuletzt an mehreren delivery stations im Nordosten der USA stattfanden. In den USA können Arbeiter:innen spontan die Arbeit niederlegen und ihren Arbeitsplatz verlassen, um gegen akute Missstände auf der Arbeit zu protestieren. Sie sind dabei rechtlich vor den Repressionen des Arbeitgebers geschützt.
Auslöser für die walk-outs im Januar und März 2022 war die Entscheidung von Amazon die Corona-Regelungen zurückzunehmen. Die Pausenzeiten sollen wieder von 20 auf 15 Minuten reduziert werden. Die Belegschaftsbeteiligung an den walk-outs schwankte dabei zwischen 45 und 70 Prozent. Zuvor hatten die Beschäftigten bereits eine Petition gestartet und dem Management überreicht.
Die Strategie der AU weicht dabei von der Strategie der RWDSU (Retail, Wholesale and Department Store Union) in Bessemer und der ALU (Amazon Labor Union) in New York ab. Letztere wollen klassische Gewerkschaftsvertretungen für den Abschluss von Tarifverträgen mit Amazon gründen. Die AU setzt eher darauf ein Netzwerk kleinerer Betriebsgruppen aufzubauen, die auch aus der Minderheitenposition heraus mit Aktionen die Situation der Arbeiter:innen zu verbessern versuchen. Die AU äußerte Zweifel das Gewerkschaftsgründungen bei Amazon überhaupt möglich sind.
Der Sieg der ALU am 1.April in New York hat gezeigt, dass es auch bei Amazon möglich ist. Trotzdem bleibt offen, ob der Sieg auch zu einem guten Tarifvertrag führt. Das wird davon abhängen, wie viele Arbeiter:innen bereit sind, an Arbeitskampfmaßnahmen teilzunehmen – und ob die mögliche Anfechtung der Wahl durch Amazon erfolgreich sein wird. In jedem Fall ist der Sieg der ALU ein großer Erfolg für die Gewerkschaftsbewegung bei Amazon in den USA und in der ganzen Welt. Wir hoffen, dass er viele Arbeiter:innen auf der ganzen Welt inspirieren wird.
Das nächste Treffen der AWI wird vom 23. bis 25.September 2022 in Poznan stattfinden. Alle Kolleg:innen, die Lust und Interesse haben, können gerne unter awi@riseup.net zu uns Kontakt aufnehmen.
Das Treffen in Bad Hersfeld war ein wichtiger Schritt in der Konsolidierung unserer Bewegung, die sich aufgrund der Pandemie nicht mehr in Präsenz treffen konnte. Wir müssen aber weiter über die gesamte Lieferkette bei Amazon hinweg wachsen, um die Lage der Arbeiter:innen langfristig zu verbessern!


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