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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2022 |

Führt der Ukrainekrieg zu einer Hungerkatastrophe?

In Afrika und im Nahen Osten tickt eine Zeitbombe – die nicht sein muss
von Klaus Meier*

In den Nachrichtensendungen des Fernsehens sehen wir täglich die schrecklichen Bilder des Ukrainekriegs. Weniger bekannt sind die Wirkungen, die der Krieg auf die weltweite Nahrungsversorgung haben wird. Hier tickt eine Zeitbombe. Die Ukraine und Russland sind wichtige Erzeuger von Getreide, Ölsaaten und Düngemittel.

Im Jahr 2021 exportierten sie rund 30 Prozent des international gehandelten Weizens. Hinzu kommt eine hohe Produktion von Gerste, Sonnenblumenöl, Raps und Mais. Insbesondere Weizen geht bisher in die Länder des Nahen Ostens und nach Nordafrika. Doch das ist nicht mehr sicher.

Russland hat den Export von Weizen, Gerste und Roggen bereits gestoppt, um Preisanstiege im eigenen Land zu vermeiden. In der Ukraine ist es unsicher, ob die Bauern die Ernte einbringen können. Die Arbeit auf den Feldern ist unter Kriegsbedingungen nur eingeschränkt möglich. Außerdem ist ein Großteil der ukrainischen Männer im Militäreinsatz. Es wird geschätzt, dass bis zu 80 Prozent der Getreideernte verloren gehen könnten. Ein weiteres Problem sind die wegen des Krieges zusammengebrochenen Handelswege. Ukrainische Häfen wie Odessa werden vom russischen Militär bedroht oder sind, wie Mariupol, bereits zerbombt.
Die Welternährung wird auch durch die großen Preissteigerungen für Stickstoffdünger bedroht. Dieser ist heute fast viermal so teuer wie noch Anfang 2021. Ursache dafür sind die Preisexplosionen bei Erdgas, das die Basis für Stickstoffdünger bildet. Große Düngemittelhersteller reduzieren wegen der hohen Gaspreise bereits ihre Produktion. All das schafft große Probleme für Staaten, die auf Düngemittel angewiesen sind, darunter viele Drittweltländer.

Hunger
Das alles kann zu einer katastrophalen Hungerkatastrophe führen. So importieren nach Angaben der UNO 45 Prozent der afrikanischen und viele der ärmsten Länder der Welt ihren Weizen zu einem großen Teil mehrheitlich aus Russland und aus der Ukraine. Der libanesische Agrarwissenschaftler Riad Saade erklärt die Folgen für die Ärmsten, wenn der Weizen knapp wird: «Es gibt keinen Ersatz für Brot. Das ist das Essen der armen Leute, das einzige, was sie sich leisten können.»
Die Unterbrechung der Weizenlieferungen dürfte den Libanon schwer treffen, ein Land, das sich seit 2019 in einer verheerenden Wirtschaftskrise befindet. Auch Ägypten wird sich den Folgen nicht entziehen können. Das Land mit 106 Millionen Einwohnern bezieht rund 50 Prozent seines Weizens aus Russland und der Ukraine. In Erinnerung ist noch der Ruf des ägyptischen Aufstandes von 2011: «Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit».
Besonders besorgniserregend ist die Situation in mehreren Ländern Ostafrikas und der Sahelzone. In den Regionen herrscht aufgrund der Klimakatastrophe eine große Dürre und es muss bereits Getreide importiert werden. Da auch das Welternährungsprogramm (WFP) bisher rund 50 Prozent seines Getreides aus der Ukraine bezieht, dürfte auch die Hungerhilfe massiv betroffen sein. Bereits vor dem Ukrainekrieg sah sich das WFP aufgrund steigender Preise und eines zu geringen Spendenaufkommens gezwungen, den Hungernden im Jemen die Lebensmittelrationen zu kürzen.

Agrarlobby versucht Rollback
Die kritische Welternährungslage wollen die Lobbyverbände der Lebensmittelindustrie in Deutschland und in der EU ausnutzen. Sie fordern ein Rollback der wenigen ökologischen Maßnahmen der Agrarpolitik. Die Ernährungssicherheit müsse «jetzt wieder ins Zentrum der Agrarpolitik gerückt werden», erklären sie scheinheilig. Ein Dorn im Auge sind ihnen Maßnahmen des Green Deal der EU und ihrer sog. Farm-to-fork-Strategie. Die Farm-to-fork-Strategie will den Anteil der biologischen Landwirtschaft bis 2025 von 8 Prozent auf 25 Prozent erhöhen. Der Pestizideinsatz in der EU soll bis 2030 um 50 Prozent gesenkt werden. Ziel ist ein verbesserter Natur- und Artenschutz.
Der Deutsche Bauernverband, eine Lobbyorganisation der Agrarindustrie, stellt sich dagegen. Ihn nervt, dass ab 2023 4 Prozent der Ackerfläche stillgelegt werden sollen, um Direktzahlungen von der EU zu erhalten. FDP-Vertreter erklären, dass dadurch die Nahrungsmittelversorgung gefährdet sei. Europa dürfe sich nicht «auch noch bei der Nahrungsmittelversorgung abhängig machen». Und der EU-Agrarkommissar Wojciechowski, ein Vertreter der rechtslastigen polnischen PiS-Partei, spricht davon, dass jetzt «nicht der richtige Zeitpunkt» für diese Vorhaben sei.

Ökologische Schieflage der kapitalistischen Landwirtschaft
Das politische Trommelfeuer der Agrarlobbyisten verfängt durchaus. In dieser sich abzeichnenden, schwierigen Welternährungslage auch noch Flächen stilllegen? Und weniger Pestizide einsetzen? Auf den ersten Blick scheint das völlig widersinnig zu sein. Aber nur, wenn man die Hintergründe der deutschen und europäischen Landwirtschaft ausblendet. Denn es gibt mehr als genug Nahrungsmittel, trotz des Krieges. Niemand müsste hungern, wenn es eine gerechte Verteilung gäbe.
Aber kapitalistische Wirtschaftsinteressen verhindern genau dies. Statt Hungernde zu versorgen, wird das Getreide an Tiere verfüttert, als Biokraftstoff verwendet oder für die Industrie genutzt. Die Zahlen für Deutschland sind eindeutig: Auf 60 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche werden Futtermittel angebaut, auf 16 Prozent Energie- und Industriepflanzen. Lediglich 22 Prozent der Fläche werden überhaupt für die direkte Produktion von Nahrungsmitteln verwendet. Allein 58 Prozent des hierzulande angebauten Getreides endet als Tierfutter. Der Tierbestand für die Fleischerzeugung ist in Deutschland so überdimensioniert, dass die hiesige Eigenproduktion von Futtermitteln längst nicht mehr ausreicht. Daher werden zusätzlich viele Millionen Tonnen Sojabohnen als Futtermittel nach Deutschland importiert.

Massentierhaltung reduzieren
Die massive Fleischproduktion muss aus mehreren Gründen in Frage gestellt werden. Da ist erstens die Massentierhaltung. Sie ist mit extremen Tierleid verbunden. Zweitens empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung allein aus gesundheitlichen Gründen maximal 300–600 Gramm Fleisch pro Woche. In Deutschland wird aber die doppelte Menge verzehrt.
Drittens: Eiweißnahrung über den Umweg von tierischen Mägen herzustellen, führt zu einem gewaltigen Kalorienverlust, denn unsere Nutztiere sind ganz schlechte Nahrungsverwerter. Wenn man an Rinder sieben Kalorien verfüttert, landet später nur eine Kalorie auf dem Teller der menschlichen Verbraucher. Wenn jeder Mensch auf der Welt so viel Fleisch essen wollte wie ein durchschnittlicher Mitteleuropäer oder Amerikaner, bräuchten wir zwei bis drei Globen, um alle zu ernähren.

Wahnwitzige Exporte
Die deutsche Landwirtschaftsindustrie arbeitet heute wie eine beliebige Wirtschaftsbranche. Da der eigene Markt dem deutschen Kapital viel zu klein geworden ist, soll möglichst viel exportiert werden, darunter viel Fleisch. Am Beispiel der Schweinehaltung wird das deutlich. 2019 wurden hierzulande 5,2 Millionen Tonnen Schweinefleisch «produziert». Davon wurden 46 Prozent exportiert – hauptsächlich in die EU, aber ein zunehmender Anteil geht auch nach Asien. Gleichzeitig wurden wieder 22 Prozent Schweinefleisch importiert, gemessen an der heimischen Produktion. Das alles hat längst nichts mehr mit Ernährungssicherheit zu tun, aber umso mehr mit kalter kapitalistischer Geschäftemacherei.

Gegenmaßnahmen
Welche politischen Maßnahmen sollten Deutschland und die EU gegen die heraufziehende Hungersnot ergreifen?
Erstens müsste schnell mehr Getreide für die Ernährung produziert werden. Das bedeutet eine rasche Rückführung des Massentierbestands in den Ställen und effektive Kampagnen für einen verringerten Fleischverbrauch – z.B. mehrere wöchentliche Veggie-Days in den Kantinen.
Zweitens müssen wir weg von der industriellen Landwirtschaft. Die Farm-to-fork-Strategie der EU ist halbherzig, aber die Richtung ist nicht falsch. Dadurch soll die Ausbringung von Stickstoffdünger in der Landwirtschaft verringert werden. Wissenschaftler:innen fordern als Ersatz den Anbau von mehr Hülsenfrüchten. Synthetischer Stickstoff ließe sich damit durch natürliche Stickstoffverbindungen ersetzen. Eine wichtige Maßnahme, weil die Herstellung von Düngemitteln auf der Basis von russischem Erdgas kritisch ist.
Nicht zielführend sind dagegen die Einflüsterungen der Agrarindustrie. Sie wollen weniger Flächen als geplant stilllegen und Pflanzenschutzmittel auf Ökoflächen erlauben. Der grüne Landwirtschaftsminister Cem Özdemir ist bereits vor der Agrarlobby eingeknickt und will den Landwirten ausgerechnet den Futteranbau auf ökologischen Vorrangflächen ermöglichen. Gleichzeitig gibt er butterweiche und folgenlose Erklärungen gegen die Verwendung von Getreide als Tierfutter und als Biosprit ab. Schon jetzt wird deutlich: Mit diesem Minister wird es schwer, ökologische Fortschritte in der Landwirtschaft zu erreichen.

*Der Autor ist aktiv im Netzwerk-Ökosozialismus.


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