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‹Fünf Kriege in einem›

Am Beispiel des Zweiten Weltkriegs zeigt Ernest Mandel, wie in einem Krieg
mehrere Arten von Kriegen enthalten sein können
Auszug aus Vortrag von Ernest Mandel*

Jeder dieser Kriege erfordert von den revolutionären Marxisten und Marxistinnen eine andere Herangehensweise.

Von der Gründung der Kommunistischen Internationale an wurden die Kommunisten zu einer prinzipiellen Ablehnung der Idee der «nationalen Verteidigung» oder der «Verteidigung des Vaterlands» in den imperialistischen Ländern erzogen. Dies bedeutete eine totale Ablehnung, irgendetwas mit imperialistischen Kriegen zu tun zu haben.
Die trotzkistische Bewegung wurde in demselben Geist erzogen. Dies war umso notwendiger, als der Rechtsruck der Komintern und der Stalin-Laval-Pakt von 1935 die Stalinisten in den westeuropäischen Ländern und in einigen Kolonialländern zu den schlimmsten Verfechtern eines proimperialistischen Chauvinismus machten.
In Indien bspw. führte dies zum verhängnisvollen Verrat der Stalinisten am Volksaufstand von 1942. Als der Aufstand stattfand, öffneten die Briten die Gefängnisse für die Führer der Kommunistischen Partei Indiens, um sie zu Agitatoren gegen den Aufstand und für den imperialistischen Krieg zu machen. Dieser ungeheure Verrat legte die Grundlage für den anhaltenden Masseneinfluss der bürgerlich-nationalistischen Kongresspartei in den folgenden Jahrzehnten.
Unsere Bewegung wurde gegen den Nationalismus in den imperialistischen Ländern geimpft, gegen die Idee, imperialistische Kriegsanstrengungen in welcher Form auch immer zu unterstützen. Das war eine gute Erziehung, und ich habe nicht vor, diese Tradition zu revidieren.
Aber was sie nicht berücksichtigte waren Elemente der viel komplexeren Leninschen Position im Ersten Weltkrieg. Es ist einfach nicht wahr, dass Lenins Haltung damals auf die Formel reduziert werden kann: «Dies ist ein reaktionärer imperialistischer Krieg. Wir haben damit nichts zu tun.» Seine Position war viel differenzierter. Er sagte sinngemäß: Es gibt mindestens zwei Kriege, und wir wollen einen dritten einführen. (Der dritte war der proletarische Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie, der faktisch aus dem Krieg in Russland hervorging.)
Lenin führte einen entschlossenen Kampf gegen sektiererische Strömungen innerhalb der internationalistischen Tendenz, die den Unterschied zwischen diesen beiden Kriegen nicht anerkannten. Seine Haltung lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:
Es gibt einen innerimperialistischen Krieg. Mit diesem Krieg haben wir nichts zu tun. Aber es gibt auch Kriege der nationalen Aufstände unterdrückter Nationalitäten. Der irische Aufstand ist zu 100 Prozent gerechtfertigt. Auch wenn der deutsche Imperialismus versucht, davon zu profitieren, ändert das nichts daran, dass der irische Unabhängigkeitskampf gegen den britischen Imperialismus gerechtfertigt ist. Das Gleiche gilt für die nationale Bewegung in den Kolonien und Halbkolonien, die indische Bewegung, die türkische Bewegung, die persische Bewegung.
Das Gleiche gilt für die unterdrückten Nationalitäten in Russland und Österreich-Ungarn. Die polnische Nationalbewegung ist eine gerechte Bewegung, die tschechische Nationalbewegung ist eine gerechte Bewegung. Eine Bewegung jeder unterdrückten Nationalität gegen den imperialistischen Unterdrücker ist eine gerechte Bewegung.
Und die Tatsache, dass die Führung dieser Bewegungen Verrat begehen könnte, indem sie diese Bewegungen politisch und organisatorisch mit dem Imperialismus verbindet, ist ein Grund, diese Führer zu denunzieren, nicht ein Grund, diese Bewegungen zu verurteilen.

Fünf Kriege
Wenn wir nun das Problem des Zweiten Weltkriegs von diesem dialektischeren, korrekteren Standpunkt Lenins aus betrachten, müssen wir sagen, dass er in der Tat eine sehr komplizierte Angelegenheit war. Man kann sagen – auf die Gefahr hin, es etwas zu stark auszudrücken –, dass der Zweite Weltkrieg in Wirklichkeit eine Kombination von fünf verschiedenen Kriegen war. Das mag auf den ersten Blick ungeheuerlich klingen, aber bei näherer Betrachtung wird es sich bestätigen.
Erstens gab es einen einen Krieg zwischen dem nationalsozialistischen, italienischen und japanischen Imperialismus auf der einen Seite und dem angloamerikanisch-französischen Imperialismus auf der anderen Seite. Das war ein reaktionärer Krieg, ein Krieg zwischen verschiedenen Gruppen von imperialistischen Mächten. Wir hatten mit diesem Krieg nichts zu tun, wir waren völlig dagegen.
Zweitens gab es einen gerechten Selbstverteidigungskrieg des chinesischen Volkes, eines unterdrückten halbkolonialen Landes, gegen den japanischen Imperialismus. Zu keinem Zeitpunkt war das Bündnis von ­Chiang Kai-shek mit dem amerikanischen Imperialismus eine Rechtfertigung für irgendeinen Revolutionär, sein Urteil über den Charakter des chinesischen Krieges zu ändern. Es war ein Krieg der nationalen Befreiung gegen eine Räuberbande, die japanischen Imperialisten, die das chinesische Volk versklaven wollten.
Dieser Unabhängigkeitskrieg begann vor dem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1937; in gewissem Sinne begann er 1931 mit dem japanischen mandschurischen Abenteuer. Er wurde mit dem Zweiten Weltkrieg verflochten, aber er blieb ein separater und autonomer Bestandteil davon.
Drittens gab es einen gerechten Krieg zur nationalen Verteidigung der Sowjetunion, eines Arbeiterstaats, gegen eine imperialistische Macht. Die Tatsache, dass sich die sowjetische Führung nicht nur militärisch – was absolut gerechtfertigt war –, sondern auch politisch mit den westlichen Imperialisten verbündete, änderte nichts am gerechten Charakter dieses Krieges.
Der Krieg der sowjetischen Arbeiter und Bauern, der sowjetischen Völker und des sowjetischen Staates zur Verteidigung der Sowjetunion gegen den deutschen Imperialismus war unter jedem marxistischen Gesichtspunkt ein gerechter Krieg. In diesem Krieg waren wir zu 100 Prozent für den Sieg des einen Lagers, ohne irgendwelche Vorbehalte oder Fragezeichen. Wir waren für den absoluten Sieg des Sowjetvolkes gegen die mörderischen Räuber des deutschen Imperialismus.
Viertens gab es einen gerechten Krieg der nationalen Befreiung der unterdrückten Kolonialvölker Afrikas und Asiens (in Lateinamerika gab es keinen solchen Krieg), der von den Massen gegen den britischen und französischen Imperialismus, manchmal gegen den japanischen Imperialismus und manchmal gegen beide nacheinander geführt wurde. Auch hier handelte es sich um absolut gerechtfertigte nationale Befreiungskriege, ungeachtet des besonderen Charakters der imperialistischen Macht.
Wir waren ebenso für den Sieg des indischen Volksaufstands gegen den britischen Imperialismus und die kleinen Anfänge des Aufstands in Ceylon [Sri Lanka] wie für den Sieg der burmesischen, indochinesischen und indonesischen Guerilla gegen den japanischen, französischen und holländischen Imperialismus nach­einander. Auf den Philippinen war die Situation noch komplexer.
Der grundlegende Punkt ist, dass all diese nationalen Befreiungskriege unabhängig vom Charakter ihrer politischen Führung gerechte Kriege waren. Man muss den Führern eines bestimmten Kampfes kein politisches Vertrauen entgegenbringen oder sie politisch unterstützen, um die Gerechtigkeit des Kampfes anzuerkennen. Wenn ein Streik von verräterischen Gewerkschaftsbürokraten geführt wird, schenkt man ihnen kein Vertrauen – aber man hört auch nicht auf, den Streik zu unterstützen.

Der Partisanenkampf
Der fünfte Krieg ist der komplexeste. Er fand nicht in dem ganzen vom Naziimperialismus besetzten Europa statt, sondern vor allem in zwei Ländern, Jugoslawien und Griechenland; in großem Maße auch in Polen und ansatzweise in Frankreich und Italien. Dies war ein Befreiungskrieg der unterdrückten Arbeiter und Bauern sowie des städtischen Kleinbürgertums gegen die deutschen Naziimperialisten und ihre Handlanger.
Den autonomen Charakter dieses Krieges zu leugnen, bedeutet in Wirklichkeit zu sagen, dass die Arbeiter und Bauern Westeuropas kein Recht hatten, gegen diejenigen zu kämpfen, die sie zu diesem Zeitpunkt versklavten, wenn sie nicht eindeutig dagegen waren, andere Versklaver an die Stelle der bestehenden zu setzen. Das ist eine inakzeptable Position.
Es stimmt: Wenn die Führung dieses Massenwiderstands in den Händen von bürgerlichen Nationalisten, Stalinisten oder Sozialdemokraten bleibt, könnte er schließlich an die westlichen Imperialisten verkauft werden. Es war die Pflicht der Revolutionäre, dies zu verhindern, indem sie versuchten, diese Falschspieler aus der Führung der Bewegung zu verdrängen. Aber es war unmöglich, einen solchen Verrat zu verhindern, wenn man sich nicht an dieser Bewegung beteiligte.
Was war der Grund für diesen fünften Krieg? Es waren die unmenschlichen Bedingungen, die in den besetzten Ländern herrschten. Wie kann man daran zweifeln? Wie kann uns jemand erzählen, dass der wahre Grund für den Aufstand ein ideologischer war – etwa der Chauvinismus des französischen Volkes oder der KP-Führung? Eine solche Erklärung ist unsinnig.
Die Menschen haben nicht gekämpft, weil sie Chauvinisten waren. Die Menschen haben gekämpft, weil sie Hunger hatten, weil sie ausgebeutet wurden, weil es Massendeportationen von Sklavenarbeitern nach Deutschland gab, weil es Massenabschlachtungen gab, weil es Konzentrationslager gab, weil es kein Streikrecht gab, weil Gewerkschaften verboten waren, weil Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter ins Gefängnis kamen. […]
War es falsch, sich gegen diese Überausbeutung und Unterdrückung zu erheben? Wer kann ernsthaft behaupten, dass die Arbeiterklasse West- oder Osteuropas sich angesichts der Schrecken der nationalsozialistischen Unterdrückung und Besatzung hätte enthalten oder passiv bleiben sollen? Diese Position ist unhaltbar.
Es gab also einen fünften Krieg, der auch ein autonomer Aspekt der Ereignisse zwischen 1939 und 1945 war. Die korrekte revolutionär-marxistische Position […] hätte wie folgt lauten müssen: Alle Massenkämpfe und Aufstände, ob bewaffnet oder unbewaffnet, gegen den Naziimperialismus im besetzten Europa sind uneingeschränkt zu unterstützen und dafür zu kämpfen, sie in eine siegreiche sozialistische Revolution umzuwandeln, d.h. dafür zu kämpfen, diejenigen aus der Führung der Kämpfe zu verdrängen, die sie mit den westlichen Imperialisten verbinden und die in Wirklichkeit den Kapitalismus am Ende des Krieges aufrechterhalten wollten, was auch tatsächlich geschah.

*Quelle: www.marxists.org/archive/mandel/1976/xx/trots-ww2.htm. Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug aus einem Vortrag, den Ernest Mandel 1976 in London auf einem Seminar der International ­Marxist Group, der damaligen britischen Sektion der IV. Internationale, gehalten hat.


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