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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Rechtspopulismus und Islamismus

Heidegger, Jünger und andere geben ideologische Orientierung
von Gerhard Klas

Marc Thörner: Rechtspopulismus und Dschihad. Hamburg: Edition Nautilus, 2021. 184 S., 16 Euro

Marc Thörner ist Buchautor und berichtet seit mehr als zwanzig Jahren für die ARD-Anstalten aus dem Maghreb, den Golfstaaten, Syrien, Irak, Afghanistan und Pakistan. Er hat sich eine Expertise erarbeitet, die sich auch in seiner neuesten Veröffentlichung, Rechtspopulismus und Dschihad wiederfindet.

Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan nach dem Abzug der US-Truppen war für die meisten Beobachter in Europa und den USA ein Rückschritt: Statt rudimentärer demokratischer Verhältnisse hält am Hindukusch nun wieder die Scharia Einzug. Aber es gab auch andere Stimmen. Sie sprachen von «Bauern» und «Naturburschen», die sich «ihr Land zurückgeholt, es von den Neoliberalen befreit» hätten. Diese Stimmen kamen aus dem ultrarechten Lager.
Manch einer mag sich da verwundert die Augen reiben: Islamisten und Ultrarechte aus dem Westen, wie geht denn das zusammen? Nicht so der Journalist Marc Thörner, der für sein neues Buch viele Interviews geführt hat: mit Alexander Gauland ebenso wie mit dem sunnitischen Großmufti in Syrien und Kämpfern der schiitischen Hisbollah im Libanon.
Er hat Originalwerke gelesen und lange Gespräche mit dem dänischen Islamwissenschaftler John Møller Larsen geführt, der sich auf die Erforschung der ideologischen Schnittmengen dieser politischen Lager und entsprechende Textanalysen spezialisiert hat.
Marc Thörner führt die vielen Fäden seiner Recherchen zusammen und fördert dabei Namen wie die des nationalistischen Literaten Ernst Jünger und des Philosophen Martin Heidegger zutage – und hierzulande weniger bekannte wie den von Alexis Carrel (1873–1944).
Der französische Arzt ist bei den Le-Pen-Anhängern in Frankreich populär. Er erhielt 1912 den Nobelpreis für Medizin, war Anhänger der Eugenik, betrachtete Frauen als minderwertige Wesen und folgte auch der Rassenlehre der Nazis. Vor allem aber war er ein Gegner der Aufklärung, sah in ihr sogar die Grundlage für den Niedergang der abendländischen Kultur, die auf der Macht traditioneller Eliten beruhe.
Viele Passagen seines nichtmedizinischen Hauptwerks Der Mensch, das unbekannte Wesen finden sich später in den Schriften des Ägypters Sayed Qutb wieder, der als Vater des modernen Jihadismus gilt. Sein Feindbild ist, wie das von Carrel, der Westen und alles, was ihn vermeintlich ausmacht: fehlende Mystik, Gleichberechtigung der Geschlechter, Religion als Wissenschaft, Homosexualität. Auch Carrels «Zellenkonzept kampfbereiter Männer» wurde von Qutb übernommen.

Gemeinsame Vorbilder
Sayed Qutb, Gründer der Muslimbruderschaft, wurde 1966 in Ägypten hingerichtet. Aber sein Bruder lehrte an einer Universität in Saudi-Arabien und trug dort seine Ideen weiter – unter anderem an seinen Studenten Osama bin Laden, den langjährigen Anführer des Terrornetzwerks al-Qaeda.
Inspiriert von Carrel waren wohl auch Vordenker der iranischen Revolution und der erste von Khomeini ernannte Ministerpräsident nach dem Sturz des Schahs, der bei seiner Kritik an der Moderne und dem Westen den vermeintlichen Kronzeugen aus dem Westen selbst zitierte: Alexis Carrel.
Auch der deutsche Nationalist Ernst Jünger inspirierte die iranische Revolution. Sein Werk war Vorbild für das Buch «Verwestgiftung» des persischen Literaten Jal?l ?l-e Ahmad, Pflichtlektüre bei den schiitischen Revolutionären.
Jünger und Carrel – beide sind Gegner der Aufklärung. Ihre Rezepte, das bringt Thörner gut auf den Punkt, liegen in der Vergangenheit und gründen auf elitären gesellschaftlichen Konzepten, mit der sie die vermeintliche Gottlosigkeit des Westens überwinden und den «Spuk der Moderne entzaubern» wollen.
Thörner verbindet in seinem Buch tiefgründige Textexzerpte mit spannenden, mitreißenden Reportagen. Während er mit Kämpfern in den zertrümmerten Stadtteilen von Damaskus und in unterirdischen Gängen unterwegs ist, detonieren die Kartuschen. Abends im Hotel vertieft er sich in das Buch Stahlgewitter, in dem Ernst Jünger seine Erlebnisse aus dem Ersten Weltkrieg festhält – bei der Ikone der Rechten und Fundamentalisten sind klare Feindbilder, Krieg und Kampf reiner Selbstzweck und machen den Menschen erst zu einem höheren Wesen.
Thörner begegnet Menschen, die sonst für Journalist:innen kaum zugänglich sind – abgesehen vielleicht für Karin Leukefeld, die für die junge Welt und für das deutschsprachige Portal von Russia Today als Korrespondentin in Damaskus tätig ist. Thörner hat sie getroffen und beschreibt auch an ihrem Beispiel die Mittel der Manipulation, mit denen die Kriegsparteien ihr Handeln zu rechtfertigen versuchen.
Etwas irritierend wirkt Thörners Beschreibung seines Besuchs der Filiale einer westlichen Fastfoodkette, den er als verzweifeltes Statement gegen jedweden Fundamentalismus verstanden wissen will. Seine Recherche, das wird jedenfalls an einigen Stellen deutlich, war eine emotionale Herausforderung.
Genau hier zeigt sich Thörners Stärke: die Fähigkeit, auch widersprüchliche Gefühle artikulieren zu können, ohne die politische Urteilskraft zu verlieren.
Rechte Ideologien, das macht sein Buch deutlich, kennen weder religiöse noch kulturelle Grenzen.


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