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Fluchtursachen bekämpfen!

Warum Westafrika einmal reich war und jetzt bitterarm
von Larissa Peiffer-Rüssmann

Olaf Bernau: Brennpunkt Westafrika. Die Fluchtursachen und was Europa tun sollte. München: C.H.Beck, 2022. 317 S., 18 Euro

Wir wissen, dass sich aus reiner Abenteuerlust kein Mensch aus Afrika auf die gefährliche Flucht nach Europa begibt. Aber was genau sind die Gründe?

Der Autor hält sich als Menschenrechtsaktivist regelmäßig in Afrika auf. Am Beispiel Westafrikas beleuchtet er die Entstehung der Fluchtursachen vor dem historischen Hintergrund von Sklavenhandel und Kolonialismus. Bis heute verhindern ein ungerechter Welthandel und eine absichtlich herbeigeführte Verschuldungspolitik ebenso wie schlechte Regierungsführung und prekäre Lebensbedingungen der Landbevölkerung eine eigenständige Entwicklung. Dabei spielt Europa eine denkbar unrühmliche Rolle. Das Buch schließt mit einem 10-Punkte-Programm, in dem Europa zum Handeln aufgefordert wird, um einen Neuanfang zu ermöglichen.

Die Entwicklung Westafrikas
Kontakte zwischen Nord- und Westafrika gab es durch den Transsahara-Handel schon im 8.Jahrhundert. Diese Beziehungen waren überwiegend friedlicher Natur. Es breiteten sich Handelsnetzwerke aus, die neben landwirtschaftlichen Produkten auch Kupfer, Gold und Sklav:innen transportierten.
Ungleich gewalttätiger war der atlantische Sklavenhandel ab dem 16.Jahrhundert. Insgesamt wurden 12,5 Millionen Menschen (Männer, Frauen, Kinder) über den Atlantik verbracht, davon 5,2 Millionen aus Westafrika. Welche Auswirkungen und Entwicklungsblockaden damit verbunden waren, wenn rund ein Fünftel der westafrikanischen Bevölkerung versklavt war, wird ausführlich geschildert. Abschließend stellt er fest: «Während die afrikanischen Ökonomien gelähmt wurden, gehörte die millionenhafte Verschleppung von Menschen zu den Vorgängen, die den Aufstieg Europas zur dominanten Weltmacht überhaupt erst möglich gemacht haben…»
So geht er folgerichtig der Frage nach, in welchen Bereichen Europa vom Sklavenhandel profitiert hat.

Die koloniale Eroberung Westafrikas
Mit dem Auslaufen des Sklavenhandels wurden innerafrikanisch die Handelskontakte genutzt zur Produktion und zum Handel mit Erdnüssen, Palmölfrüchten oder Kakao für den Weltmarkt. Es war eine kurze Zeit des Aufschwungs, denn gleichzeitig kam es teilweise schon zu kolonialer Landnahme. Mit Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Portugal hat die koloniale Durchdringung Westafrikas lange vor der Afrika-Konferenz 1884/85 ihren Anfang genommen.
Bei dieser Konferenz ging es um die Aufteilung der Kolonien. Es ging um die Ausfuhr von Rohstoffen, während Europa sich für deren Verarbeitung zuständig fühlte – damit erfolgte die zusätzliche Wertschöpfung primär in den Industrieländern.
Im einzelnen wird das am Beispiel der Baumwollgewinnung und der Textilindustrie anschaulich belegt. Die systematische Vernachlässigung der Industrie in den afrikanischen Ländern war ausdrücklich gewollt, es sollte keine wirtschaftliche Eigenständigkeit entstehen, das setzt sich bis heute fort.
Die Fokussierung auf agrarische Exportprodukte führte dazu, dass immer weniger Nahrungsmittel für den eigenen Bedarf angebaut wurden und die Menschen für ihre Versorgung auf den Markt angewiesen waren. Diese ökonomischen Weichenstellungen prägen das wirtschaftliche Geschehen in Westafrika bis heute. Auch hier können wir Fluchtursachen und die Auswirkungen bis in die Gegenwart erkennen.

Unabhängigkeit mit neuen Abhängigkeiten
Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre wurde Westafrika unabhängig. Diese Unabhängigkeit hatte allerdings einen Pferdefuß, denn das ökonomische, politische und kulturelle Gefüge war durch die koloniale Herrschaft weitestgehend zerstört. Bis zum 18.Jahrhundert gehörte dieser Teil Afrikas zu den prosperierenden Regionen, heute gilt er politisch-ökonomisch als Brennpunkt.
Auch nach der Unabhängigkeit sollte Afrika weiter billige Rohstoffe liefern, die Industrie- und Schwellenländer wollten ihre Zuständigkeit für die industrielle Produktion behalten. Ein Beispiel unter vielen soll dies verdeutlichen:
In Ghana kam es zu Schließungen von Tomatenmarkfabriken, weil es durch die erzwungene Marktöffnung der Import von Tomatenmark rasant stieg, vor allem aus China und Italien. Die ghanaische Regierung wollte gegensteuern und einen Importzoll von 40 Prozent erheben, doch internationale Handelsabkommen verhinderten dies. So kam es, dass alle nach der Unabhängigkeit aufgebauten Fabriken schließen mussten und die Tomatenbauern das Land Richtung Italien verließen. Tausende Arbeitsplätze gingen verloren. In der Kolonialzeit lag der Abbau mineralischer Rohstoffe komplett in der Hand ausländischer Konzerne, und die führten ihre Gewinne ab. Auch dies hat sich bis heute nur geringfügig verändert.
Schuldenpolitik und Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank nahmen Westafrika in den Würgegriff: Staatsausgaben u.a. für Gesundheit und Bildung wurden erheblich reduziert, unzählige Fabriken mussten schließen. In Ghana bspw. fiel die Zahl der Fabrikarbeiter:innen von rd. 78000 auf 28000. Dürrekrisen, neue Bodengesetze, Steuervergünstigungen für ausländische Investoren, illegale Kapitalflucht – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Die europäische Migrationsverhinderungspolitik wird die Probleme Afrikas nicht lösen – im Gegenteil. Das vom Autor aufgestellte 10-Punkte-Programm sieht Maßnahmen vor, die ausschließlich den europäischen Verantwortungsbereich betreffen. Dabei ist er sich bewusst, dass die zur Debatte gestellten Lösungsansätze unter den Bedingungen eines kapitalistischen Weltmarkts gesehen werden müssen. Am besten hat mir Punkt 10 gefallen: Vor dem Hintergrund, dass es in Afrika schon immer zirkuläre Wanderbewegungen gegeben hat, erhebt er die Forderung, dass Menschen wieder frei zwischen Europa und Afrika zirkulieren können.


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